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Winterweisen mit Kate Bush, Birds Of Passage und Gizeh Records

20. Dezember 2011

Jeder hat so seine Alben für die kalte Jahreszeit. Nicht selten sind das introvertierte Kleinode, die zu anderen Licht- und Temperaturverhältnissen nur mit großer Konzentration funktionieren. Der Winter schafft die optimalen Bedingungen für leise Töne und fährt die elektrisierten Gemüter herunter auf hochsensible Empfangsbereitschaft… Es ist an der Zeit, die geschärften Sinne an ganz besondere Dinge, an Neues, bisher Unerhörtes heranzuführen…

V.A. : Winter Sampler 2011/12
(VÖ: 01.12.2011)
Beginnen wir mit ein wenig Gratismusik: Das Label GIZEH RECORDS hat sich auf moderne Ambientklänge spezialisiert, was nicht zwangsläufig – aber auch! – heißen soll, dass es sich bei den Outputs der Plattenfirma aus Leeds um elektronische Töne dreht. In die Melange aus experimentellen Tönen kommen Singer-Songwriter-Ansätze und sphärische (Post-)Rockklänge hinzu. Ein wunderbares Bild über den aktuellen Rooster dieses Labels mit den schönen Veröffentlichungen – nicht selten gibt es zu den hochlimitierten Tapes und liebevoll aufgemachten LPs zu sehr fairen Preisen einen „Instant Downloadcode“ – bietet der stimmige Winter Sampler 2011/2012. Besondere Tipps sind die pianogetragenen Stücke von Sleepindog und Clem Leek sowie das Träumergitarrenstück von Farewell Poetry. Neugierig macht auch der komplexe Lo-Fi-Epos „La Guerre Des Mondes“ von Detwije, wo sich Gitarre und Streicher die Klinke in die Hand geben und es gen Ende hin auch ruhig mal etwas lauter werden kann. Auch das aktuelle Detwije-Album ist neben anderen Releases über die Gizeh-Seite kostenlos downloadbar. Das Schöne ist, neben dem kostenlosen Download, dass hier ausschließlich Stücke von 2011 beziehungsweise bisher noch ganz und gar unveröffentlichte Tracks verwendet wurden. Einzig das letzte Stück vom Winter-Sampler ist verzichtbar, da viel zu wüst im Vergleich zu den anderen Sachen; der Rest ist jedoch wunderbar aufeinander abgestimmt und lädt zur Tasse Tee aufs Sofa ein…

Ladet am besten gleich den ganzen Sampler über den Gizeh Store oder zieht euch zunächst ausgewählte Stücke über die Soundcloud rein:

Gizeh Records // Winter Sampler 2011/12 by Gizeh

BIRDS OF PASSAGE : Winter Lady
VÖ: 17.12.2011
Das nächste Winteralbum ist das vor wenigen Tagen über mein heißgeliebtes Label Denovali Records veröffentlichte „Winter Lady“ von BIRDS OF PASSAGE, das zweite Album der Neuseeländerin Alicia Merz, die bereits mit ihrem Erstling „Without the World“ in andere Dimensionen schritt. Die minimalistischen, verträumten Wispervocals von Alicia sind fast permanent von einem feindlich bis geheimnisvoll anmutenden Drone-Teppich untermalt; es ist keine weiße Schneepracht, die hier besungen wird, sondern die Unbarmherzigkeit des Winters, die dunkle Kälte und Verlassenheit. Vielleicht weiß nur der letzte und meines Erachtens auch beste Song des Albums, „Waltz While We Sleep“, ein wenig Hoffnung und Geborgenheit in diese fragile Eiswelt zu hauchen. Abwechslung ist zwar nicht gerade das Markenzeichen der sieben Stücke von „Winter Lady“, doch die Atmosphäre, die hier dicht zusammengewoben wird, zwingt zum Sitzenbleiben und genauen Horchen. Einen ersten Eindruck könnt ihr euch direkt über die Denovali-Artistseite machen:

>> www.denovali.com/birdsofpassage

KATE BUSH : 50 Words For Snow
VÖ: 18.11.2011
lange ersehnt war das neue Album der einstigen Pop-Antidiva Kate Bush. Vor sechs Jahren gab es „Aerial“, ein äußerst erwachsenes, den früheren Tagen regelrecht ent-wachsenes Album voll ruhiger Schönheit und unaufdringlicher Komplexität. Das zumindest hat auch das neue Album „50 Words For Snow“ mit dem 2005 erschienenen Werk gemein. Kein Ringelpiez-Weihnachtsalbum liegt hier vor. Kate Bush erspart uns zum Glück die 50.000ste Version von „God Rest Ye Merry Gentleman“… Profaner wie auch mystischer geht sie vor. Wie Schneeflocken steht das sparsam doch gezielt eingesetzte Piano im Vordergrund der sieben Winterlieder mit stattlicher Überlänge, bewegen sich doch alle Stücke zwischen sieben und dreizehneinhalb Minuten und schaffen es am Ende auf eine Spielzeit von satten 65 Minuten.

Ein ganz simpel kreisendes Pianomotiv markiert den Beginn des Falls der Schneeflocke, gesungen von der Knabenstimme Alberts, Kate Bushs 13-jährigem Sohn, der sich in „Snowflake“ bis in schwindelerregende Höhen – oder bei einer fallenden Schneeflocke eben Tiefen – schrauben kann. Noch viel hypnotisch jazzender und zugleich (ent)spannender ist „Lake Tahoe“ und sogar die Schneemann-Lovestory „Misty“ ist lullt schön ein, hier ein Ausschnitt daraus (Vorsicht, Bettszene!):

Aber Kate Bush wäre nicht Kate Bush, wenn sie nicht unberechenbar wäre und auf alle Konventionen pfeifen würde. Und so kann sie es sich auch erlauben, mit „Wild Man“, einen fabelhaften „Yeti“-Popsong mit wirbelnden 80er-Synthies anzufeuern. An ihrer Sangesseite ist Andy Fairweather-Low (u.a. Roger Waters, The Who…), der dem ganzen eine schön soulige Note gibt. Apropos Gesang: Kate Bush ist geheimnisvoller geworden, singt gesetzter in Richtung Alt, wobei ich nicht bezweifeln möchte, dass sie ihre alten Höhen noch erreicht… Den nächsten Song überspringe ich immer gern. Das Duett mit Elton John ist einfach nur schmalzig-zäh und klingt leider sehr glattgestrichen. Das folgende „50 Words For Snow“ zusammen mit dem Schauspieler Stephen Fry ist zwar witzig – Fry wird von Bush dazu angefeuert 50 besonders kreative Synonyme für das Wort Schnee zu finden – doch die Idee nutzt sich zu schnell ab und die musikalische Seite kann dem leider nicht allzu viel entgegensetzen. Ein schöner Abschluss ist „Among Angels“, vielleicht sogar mein Favorit des ganzen Albums. Das Stück geht eher wieder in Richtung der ersten Lieder, anheimelnd und mit diesen auf „50 Words For Snow“ schon fast zum Markenzeichen gewordenen punktgenau richtig sitzenden minimalistischen Pianoklängen und einem wundervollen Gesang: tief und warm, hin und wieder leicht angerauht:

There’s someone who’s loved you forever but you don’t know it.
You might feel it and just not show it.

Ein bisschen schade, eigentlich hatte ich dem Winteralbum von Kate Bush schon ein Plätzchen in meiner diesjährigen Top 10 vorgewärmt, aber diese Elton John-Geschichte ist schon ein ganz schöner Ausrutscher. Der Rest ist erste Klasse und nächste Woche präsentiere ich euch gern meine absoluten Lieblingsplatten dieses langsam zuende gehenden Jahres.

1 Kommentar

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