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„Who Killed AMANDA PALMER?“

27. November 2008

Wir haben ja keine Zeit! 2008 geht zur Neige, und dieses Jahr sind so viele tolle Platten herausgekommen, dass wir kaum mit dem Hören hinterherkommen. Das Album von Amanda Palmer, Dresden Doll auf Solowegen, möchten wir Euch aber auf gar keinen Fall vorenthalten. Darum zack zack – schnell einen (leider nicht ganz so zeitsparenden) Klassiker aus dem alten Musikjournalisten-Hut gezaubert – das „Track-by-Track-Review“ – und hopp!

1. Astronaut: A Short History of Nearly Nothing

“Who Killed Amanda Palmer” beginnt mit einem Schrei und einem gewitterhaften Dreiklang-Stakkato, um kurz darauf ganz leise Saiten anzuschlagen. Und wieder laut. Und wieder leise. Und dann wieder ganz laut. Was für ein Opener! Dieses wundervolle Energiebündel könnte leicht darüber hinwegtäuschen, dass wir es hier mit einer todtraurigen Astro-Elegie zu tun haben, wären da nicht diese gewaltigen Violinenstürme und diese immer wieder hervorbrechende Zerbrechlichkeit. Astronaut handelt von Distanz und Nähe, unerfüllbarer Liebe und Sehnsucht und Abschied.
Um es gleich vorwegzunehmen, Astronaut ist mein persönliches Highlight des Albums und hat mich viele Stunden Schlaf gekostet, weil diese Zeilen einfach nicht verschwinden wollen – da hast du dein Ziel erreicht, das mit dem Afterthought und den Reminders, zumindest bei mir…

But you are, my love, the Astronaut
Flying in the face of science
I will gladly stay an afterthought
Just bring back some nice reminders

2. Runs in the Family

Auch im zweiten Song geht es um Zwischenmenschliches, jedenfalls an der Oberfläche. Woran liegt es, dass wir sind, wer sind? In der Familie? Vor der kann man jedenfalls nicht davonlaufen, I cannot run from my family, they’re hiding inside of me, singt Amanda sich durch leicht redundante knappe drei Minuten. Ostinato sagt da wohl der Fachmann, ich belasse es lieber vorsichtig bei einem „ganz schön eingängig“. Trotz allem ein sehr starker Song.

3. Ampersand

Das &-Zeichen, Ampersand auf Englisch, ist mehr als eine Konjunktion, es ist eine Lebenseinstellung, jedenfalls hier. Es wird zum Sinnbild dessen, was man ja irgendwie ständig sieht, im Freundeskreis, im Café und auf Straße: Menschen, die sich nahe sind, verschmelzen bis zur Unkenntlichkeit, bis sie nicht mehr sie selbst sind. Da gibt’s Paare, die könnten auch Zwillinge sein. Gleiche Mimik, gleiche Sprache, am besten noch die gleichen Jack-Wolfskin-Outdoor-Schwedenurlaub-Regenjacken. Schön, wenn man sich jemandem verbunden fühlt, aber genauso schön, dass endlich mal jemand sagt, dass Persönlichkeit auch gelebter Individualismus ist. Vielleicht ist das nicht jedermanns Ansicht (und vielleicht verstehe ich Amanda auch total falsch), aber es ist es allemal wert, darüber nachzudenken. Und das kann man bei diesem unaufdringlich ruhigen Song richtig gut.

4. Leeds United

Hier dürften sich Dresden-Dolls-Fans ganz besonders an das gemeinsame Werk von Amanda Palmer und Brian Viglione erinnert fühlen. Es darf getanzt werden, sofort!

5. Blake Says

Ein ganz schön harter Schnitt zum Vorgänger, ist „Blake Says“ doch eines der schwerfälligsten Lieder auf dem Album und auch ein wenig anstrengend. Schon mutig, einen solchen Rausschmeißer in der Mitte des Albums zu platzieren, aber komischerweise fügt er sich nahtlos ins Gesamtwerk ein, auch, wenn ich ein paar mal versucht war, ihn einfach zu überspringen.

6. Strength through Music

Zeit für ein Geständnis: Ich liebe Spoken-Word-Intros, und das erleben wir hier in absoluter Perfektion. Das sparsame Arrangement zeigt einmal mehr, dass die Kraft nicht immer im Brachialen liegt. Bestimmt wunderschön, zu diesem Lied nachts durch die Straßen zu fahren, wenn die Lichter an einem vorbeirauschen und man sich vorkommt wie in einer Parallelwelt, ohne andere Menschen. Es hat etwas surreales, entrücktes, unerwartet minimalistisches.

7. Guitar Hero

Auf einem so vielseitigen Album darf natürlich auch ein Partykracher nicht fehlen – et voilà. Guitar Hero ist eine ziemlich klassische Rocknummer, wieder mal was zum Tanzen, endlich!

8. Have to Drive

Ohje, besser nicht hören, wenn man psychisch labil, in einer „merkwürdigen Phase“ oder sonst irgendwie emotional vorbelastet ist, denn dann könnte diese Ballade einen unglaublich fertig machen. Stabilere Leute werden sie vielleicht ein bisschen zu offensichtlich, zu sehr Herzschmerz, finden. Zwiespältig, aber liebenswert und wundervoll introvertiert.

9. What’s the Use of Wond’rin?

Ist das wirklich die gleiche Amanda Palmer, die im Song zuvor so unfassbar tief und eindringlich gesungen hat? Angesichts des Falsetts kaum zu glauben, aber darum heißt es ja auch so. Überhaupt ist die gesangliche Vielfalt, diese Kraft in Stimme, einfach großartig. Auch in diesem Track, der fast zum Schluss noch mal eine ganz andere Amanda aus dem Hut zaubert.

10. Oasis

Und wieder ein rumpeliger Übergang zum Vorgänger-Song: Oasis ist definitiv das poppigste, partytauglichste und plakativste der 12 Lieder und könnte fast von Pink stammen – wer’s mag… Laut YouTube ist der Song Sarah Palin gewidmet, jener radikal-dümmlichen Hockey Mom, die in den US-Wahlen als McCains Running Mate im kleinen Schwarzen und Gummistiefel legendär versagt hat, von Freidenkern, Promis, jungen Menschen, Alten, Frauen und Männern und Kindern leidenschaftlich gehasst. Allein dafür sollten wir Amanda lieben. Und das Lied ist wirklich nicht so schlecht. Seht selbst:

11. The Point of It All

Gen Ende des Albums kommt melancholische Abschiedsstimmung auf. Schade, denn wofür gibt es die Repeat-Funktion? Ehrlich gesagt hat mich dieses Lied von allen am wenigsten gepackt, und darum kann und will ich gar nicht viel dazu sagen, aber vielleicht kommt das noch. Wofür gibt’s schließlich die Repeat-Funktion.

12. Another Year: A Short History of Almost Something

Überflüssig zu erwähnen, dass dies der Versuch einer Brücke zwischen erstem und letztem Song ist. Und ähnlich wie Astronaut ist auch der letzte Song tieftraurig, und auch hier geht es um Distanz und Unerreichbarkeit. Und um das Warten, bis sich etwas ändert.

But that could take forever
I think i’ll wait another year
It’ll be the best year ever
I think i’ll wait another year
Can’t we just wait together
You bring the smokes, i’ll bring the beer
I think i’ll wait another year

Hoffen wir, dass wir nicht bis zum Sanktnimmerleinstag auf ein neues Album von Frau Palmer warten müssen. Vielleicht nur ein weiteres Jahr? Das wäre toll. Bis dahin können wir uns ab demnächst mit dem Buch zu „Who Killed Amanda Palmer?“ trösten, das neben vielen Photos Texte von Neil Gaiman enthalten wird (einen Vorgeschmack darauf gibt es auf dem Albencover).

„Who Killed Amanda Palmer?“ hat allergrößtes Heavy-Rotation-Potential. Das liegt auch an dem fast schon poppigen Songwriting, denn trotz all ihrer brachialen Energie und dem brechtpunkkabarettigen Pianogehämmer sind die Lieder sehr zugänglich. Rund wird es durch die Songs, die aus diesem Schema ausbrechen, die man vielleicht beim ersten Durchhören sofort wieder vergisst. Schönes Gesamtkunstwerk in vielen Facetten!

MySpace: myspace.com/whokilledamandapalmer
Offiziell: whokilledamandapalmer.com

1 Kommentar

  1. […] RockZOOM sagt zu “Who Killed Amanda Palmer”:  … hat allergrößtes Heavy-Rotation… […]

    #1029

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