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TRIST: „Willenskraft“

6. Mai 2009

Vor fast genau einem Monat erblickte neben dem lang ersehnten dritten Wolves in the Throne Room-Album „Black Cascade“ auch eine lohnende Veröffentlichung vom Label Cold Dimensions das aschfahle Licht der Welt; kurz bevor es vom Sonnenschein der folgenden Wochen für eine Zeit verdrängt werden sollte… Doch der Regen der letzten Tage spülte mir „Willenskraft“, das nunmehr dritte Album des Lunar Aurora-Masterminds Tristan, nun endlich wieder ins Bewusstsein zurück…

Trist: Willenskraft (2009)…Rein zufällig hört auch das erste Stück von „Willenskraft“ auf den Titel ‚Bewusstsein‘. Jener Track ist im Grunde keine kreative Meisterleistung, sondern eher eine überlange Einstimmung auf die kommende Tristesse, ein Ausschluss aus dem Alltag, eine aus Meeresrauschen und spärlichen Synthesizern bestehende Sensibilisierung auf den Sog des Folgenden. Verantwortlich für diese Sogwirkung ist die aus gerade mal vier Tönen bestehende dissonante Grundmelodie des 15-minütigen ‚Wagemut‘. Dazu hören wir animalisches, wortloses Gekrächz im Hintergrund: kein nervig hohes Gewinsel, sondern Ausdruck eines menschlichen Urleidens, das keine Sprache kennt, keine braucht. Das Stück gibt in dieser Beziehung durch seine Textlosigkeit keine Richtung vor, sodass man sich persönlicher und kreativer mit dem Gehörten auseinandersetzen kann.

‚Zweifel‘ ist erneut von Meeresrauschen und Synthesizerklängen aus der düsteren Ambientschublade geprägt. Mein Gedanke nach dem ersten Durchlauf: Hätte man auch kürzer fassen können; mein Denken nach mehrmaligem Hören: Auch diese minimalistische Wiederholung ist notwendig, um den Hörer wieder herunterzufahren, ihn die ein oder andere versteckte Symbolik zu suggerieren, ihn innerlich vorzubereiten auf das ähnlich wie ‚Wagemut‘ beschwörerisch erklingende ‚Herzenswunsch‘, das trotz des lechzenden Halb-Mensch-halb-Tier-Geheuls im Hintergrund durchaus auch einige positive Stimmungen hervorrufen kann, und seien sie von einer Sturm-und-Drang-Natur, die einem im folgenden ‚Verhinderer‘ wieder zerschlagen, zumindest desillusioniert, wird. Nach über einer Dreiviertelstunde Spielzeit begegnen uns hier die ersten Worte, wohl vielen Leuten bekannte Verse eines gewissen Mephistopheles:

Bescheidne Wahrheit sprech ich dir.
Wenn sich der Mensch, die kleine Narrenwelt
Gewöhnlich für ein Ganzes hält-
Ich bin ein Teil des Teils, der anfangs alles war
Ein Teil der Finsternis, die sich das Licht gebar
Das stolze Licht, das nun der Mutter Nacht
Den alten Rang, den Raum ihr streitig macht,
Und doch gelingt’s ihm nicht, da es, so viel es strebt,
Verhaftet an den Körpern klebt.
Von Körpern strömt’s, die Körper macht es schön,
Ein Körper hemmt’s auf seinem Gange;
So, hoff ich, dauert es nicht lange,
Und mit den Körpern wird’s zugrunde gehn.
(Faust: der Tragödie erster Teil, Vers 1346 ff.)

Und wieder die Brandung… unregelmäßige Maschinengewehrschüsse einer Schlacht, vereinzelt und weit im Hintergrund stirbt jemand… wieder Gesprochenes: Funksprüche, kaum entzifferbar… inmitten des Kugelhagels ruhige Synthklänge – Ich fühle mich an „Letters from Iwo Jima“ ein wenig erinnert, tiefbewegende filmmusikalische Ausmaße jenseits pompöser Leinwandtöne á la Gregson-Williams und Co. Am Tiefpunkt der Stimmung ist man jedoch erst in ‚Wandlung‘ angekommen: Gekrähe weicht einem Hundegeheul… Nein, Hunde sind das nicht, eher Todesschreie solcher, die entmenscht werden… Zwei Minuten dauert der Spuk, dann wispert eine Frauenstimme kaum Hörbares und lässt den Hörer ein wenig verstört und mitgenommen zurück… Die letzten Minuten sind vom für Trist typischen atmosphärischen, mit Synthklängen durchzogenen Minimal-Black Metal geprägt und entlassen einen mit gemäßigteren Ambientklängen so langsam aber sicher wieder in den Alltag… Aber dennoch: Warum tut man sich so etwas eigentlich an? Es ist wohl die Neugier an der ungewöhnlichen Erfahrung, die Flucht aus dem umtriebigen Alltag in die innere Zurückgezogenheit, die in der Transparenz unseres so sehr öffentlich gewordenen Privatlebens doch irgendwie so langsam aber sicher verloren geht.

Und hierzu endet auch „Willenskraft“ vortrefflich mit dem Gedicht „Wer allein ist“ von Gottfried Benn, in einer Rezitation von Will Quadflieg (übrigens unter anderem Faust-Darsteller der vielgerühmten Gründgens-Inszenierung von 1960, doch das nur am Rande):

Wer allein ist, ist auch im Geheimnis,
immer steht er in der Bilder Flut,
ihrer Zeugung, ihrer Keimnis,
selbst die Schatten tragen ihre Glut.

Trächtig ist er jeder Schichtung
denkerisch erfüllt und aufgespart,
mächtig ist er der Vernichtung
allem Menschlichen, das nährt und paart.

Ohne Rührung sieht er, wie die Erde
eine andere ward, als ihm begann.
nicht mehr Stirb und nicht mehr Werde:
formstill sieht ihn die Vollendung an.

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