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THE OCEAN: „Precambrian“ (Proterozoic)

7. Dezember 2007

Von der Ursuppe zur Menschwerdung

„At this time of the year the skies are mostly grey and overcast“ (The Ocean, 2007)

Wer kann derzeit davon kein Lied singen? The Ocean können’s jedenfalls… tun es auch – und mehr als nur das. Doch um in des Menschen innersten Abgründen zu fischen, begibt sich dieses Kollektiv, 26 Mann und Frau stark, auf Tauchstation in unser „wirkliches Jahr null“ zurück, ca. 4,5 Milliarden Jahre in Richtung Anfang vom Ende.

Nachdem wir meine nichtvorhandene „Hadean/Archean“-EP (die gehört nämlich zum aufwändig gestalteten Doppelalbum und reflektiert die ersten 2 Mrd. Jahre Erdgeschichte) übersprungen haben, befinden wir uns nun also im Siderium, 2,5 Mrd. Jahre vor unserer Zeit, für alle die nicht mitgerechnet haben. Dementsprechend gibt es auch keinen Urknall, vielmehr ein sphärisch-unverzerrtes Gitarrenintro, ein Saxophon, eine schwebend-leichte Perkussion… Einzeller, die sich sachte verkomplizieren. „Rhyacian“ – die Ursuppe ist nun langsam am Hochkochen und erreicht den ersten Siedepunkt in Mike Pilats Urschreien in starker (Hard-)Core-Manier… war doch Pilat? Oder gar Staps? Das Kollektiv ist groß und neun Vokalisten geleiten allein das „Proterozoic“-Album durch Höhen und Tiefen, gewaltige entstehende Erdmassen und gasförmige Leichtigkeiten, versinnbildlicht durch brachiale Gitarrenwände und fragile Violinen- und Pianoklänge. Selbst Musiker der Berliner Philharmoniker haben hier mitgewirkt, und die wissen, wie man als harmonische Einheit agiert. Zusammen mit einer progressiv-unberechnabren Metalintensität klingt das Ergebnis dieser Zusammenarbeit einfach atemberaubend. Klar, Sauerstoff war in den Anfängen des unseres Planeten noch verhältnismäßig rar gesät.

The Ocean – „Precambrian“ (Proterozoic)
The Ocean - “Precambrian” (Proterozoic)
1. Siderian
2. Rhyacian
3. Orosirian
4. Statherian
5. Calymmian
6. Ectasian
7. Stenian
8. Tonian
9. Cryogenian

Menschenfeindlich mutet die Auflistung von Jahrmillionen in neun gnadenlos kurzen Worten an, doch sind es Worte von Friedrich Nietzsche und Georg Trakl, die Kollektivchef Robin Staps zu seinem sehr privat anmutenden Textwerk inspirierten, vielmehr noch: Staps lieh sich einige Zeilen dieser „Düsterdenker“ und übersetzte sie ins Englische. Am Ergreifendsten wird die tiefhumane Seite dieses auf den ersten Blick so misanthropen Albums im Stück „Statherian“ deutlich. Eine Rede bildet den Nucleus dieser sich dramatisch intensiv entwickelnden Lebensform:

„What it means to be fully human is to strive to live for ideas and ideals and not to measure your life by what you’ve attained in terms of your desires, but those small moments of integrity, compassion, rationality… because in the end, the only way that we can measure the significance of our own lives is by valuing the lives of others“
– Kevin Spacey

Aber um mal wieder zu ganz profanen Dingen zurückzukehren und die sozialphilosophischen Dinge der Neugier der potentiellen The Ocean-Neukunden zu überlassen: Die Produktion ist hier natürlich vom Feinsten, denn sowohl bedrohliche Momente ultimativer Durchschlagskraft als auch diese hypnotisch traurig klingenden Halbakustikgenüsse werden bestens zur Geltung gebracht. „Proterozoic“ ist fürwahr so voller Kontraste, dass man es kaum glauben mag, was hier für ein dermaßen abgerundetes und flüssiges Album (klar, der Ozean…) zustandegebracht wurde. Da uns hier ein Gesamtgenuss vorliegt, möchte ich unter den neun Nummern auch gar keinen Favoriten küren. The Ocean haben es ganz treffend selbst formuliert:

„PRECAMBRIAN is our stance against myspace-induced volatileness and transience, against the postmodern notion of music as unseizable data, against a perception of music in terms of how much space it takes up on your hard-drive… it is an album for people who still believe in the idea that an album can be more, and should be more, than the sum of its tracks.“(The Ocean, 2007)

Wäre dieser Spruch nicht so lang, ich würde ihn mir glatt auf ein Geschirrtuch sticken und damit alle Zweifel über die Definition guter Musik wegwischen… The Ocean sind übrigens genau das Richtige für Freunde von Gojira, Mastodon und Disillusion der Jahre 2001 bis 2006. „Proterozoic“ ist jedenfalls mein persönliches Album des Jahres – und das kann man Anfang Dezember durchaus schon festlegen… wer immer noch unentschlossen ist, ob dieses Album ein geeigneter Platzhalter für den Gabentisch sei, der kann etliche Songs auf der schicken The Ocean Collective-Seite bestaunen… oder, ja, sie haben ja doch eine Myspace-Seite, trotz der Anti-Myspace-Attitüde! Da ist doch was faul!? Wir fragen demnächst mal nach und lösen dieses Mysterium hier auf.

Offizielle The Ocean Collective Webseite: www.theoceancollective.com
The Ocean @ Myspace:

Keine Kommentare

  1. der spruch ist wirklich klasse!

    muss ich mal reinhören, wenn es die zeit wieder zulässt :)

    #676

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