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The Hidden Cameras und Chinawoman @ Heimathafen, Berlin | 03.09.2011

7. September 2011

Momentan ist das rein wild. All diese Musiker, die sich in Berlin niederlassen. Und das sind beileibe keine Wald- und Wiesenmusikanten, das sind Leute gestandener Größe, Musiker, die schon seit Jahren die Szene aufmischen. Joel Gibb zum Beispiel, Kopf von THE HIDDEN CAMERAS. Die kanadische sogenannte „Queer Church Folk“-Band musiziert inzwischen schon seit zehn Jahren zusammen. Und dann wäre da noch Michelle aka CHINAWOMAN. Seit etwa fünf Jahren ist die Landsfrau Gibbs (allerdings mit russischen Wurzeln) unter diesem Pseudonym am Werkeln. Das Niederlassen der vielen Künstler in der Hauptstadt lässt gleichermaßen ein kunterbuntes Miteinander entstehen. Es gedeihen spannende Side-Projects, man überlässt sich auch mal gegenseitig Bandmitglieder und im besten Falle steigt man gemeinsam auf die Bühne – wie am vergangenen Samstag. Neuköllns Heimathafen öffnete seine Tore und ließ zwei Schiffe mit kanadischer Flagge einlaufen: The Hidden Cameras und Chinawoman.

Die Sonne hatte noch einmal alle Kräfte mobilisiert an diesem dritten Septembertag. Natürlich ist des Berliners liebstes Motto in solch einem Falle: ab nach draußen! Zum Glück startete das Konzert erst kurz nach Neun und Luftschnappen rund um den Heimathafen, in dem ansonsten überwiegend Theateraufführungen stattfinden, nahm man gerne in Kauf! Und eine Art Theater war ja irgendwie heute auch zu erwarten.

Es wurde plötzlich finster in dem imposanten Rixdorfer Ballsaal: Chinawoman stand bereit. Blaue Scheinwerfer bündelten sich im Hintergrund, am Gesicht der Dame aus Kanada heftete ein tristes Dunkelrot und hinter dem Keyboard ertönte plötzlich diese Stimme, eine vollkommen düstere, melancholisch vor sich hin tanzende. Als die ersten Töne von „Show Me The Face“ ertönten, visierte die Sängerin den Bühnenrand an, um die Anwesenden in den ersten Reihen regelrecht zu hypnotisieren. Oder vielmehr: Es fand ein regelrechtes Gesichtabtasten statt. Am rechten Bühnenrand hatte sich Joel Gibb am Mikrofon positioniert. Chinawoman nannte ihn liebevoll „Backing Girl“. Ganz unscheinbar hauchte er ins Mikrofon und verzog dabei keine Miene. Das Konzert lässt sich als homogen schwermütig einstufen. Aber kein Wunder, als Kind russischer Eltern liebt Chinawoman das Melancholische, ob die Sonne scheint oder ein Sturm draußen wütet.

Wer vermutet, dass The Hidden Cameras Berliner Bühnen regelrecht unsicher machen würden, täuscht sich, auch wenn sich Kopf der Band – Joel Gibb – und mit ihm ein paar weitere Musiker der Stammbesetzung in der Hauptstadt wohnhaft sind. Ganze zwei Jahre ist es her, seit sich die Band zuletzt auf einer Berliner Bühne tummelte. Deshalb war die Vorfreude auf das Konzert in diesem äußerst stilvollen Saal natürlich groß!

Nach dem Auftritt von Chinawoman schloss sich der schwere Theater-Vorhang und nach ein paar Minuten Pause lugte plötzlich Joels Kopf hervor: Er positionierte sich vor dem Mikrofonständer, hinter ihm machte sich sein Schatten breit und er begann zu singen. Das Publikum verstummte und folgte gebannt dem Treiben des Solisten. Der Vorhang fiel und dahinter kam zwar nicht die von uns im Preview angekündigte 15-köpfige Band zum Vorschein, aber immerhin sechs prachtvolle Kerle (die Mädels blieben leider zuhaus) mit weit aufgerissenen Augen, Schwung in den Hüften und breitem Grinsen auf dem Gesicht! Man hatte nun das Gefühl inmitten eines wildgewordenen Amüsements zu stecken, bei dem Publikum und Musiker gleichermaßen Spaß haben. Mich macht es allerdings bis heute fertig, dass ich den dritten Song des Abends „In The NA“ nicht mehr aus dem Kopf kriege. The Hidden Cameras sind halt für catchige Melodien bekannt, natürlich vor allem im Queer-Zirkus, so dass sich unzählige schnieke Männer- und Frauenpaare an dieser fröhlichen Party beteiligten. Was blieb besonders in Erinnerung? Da waren zum Beispiel die beiden androgynen Gogo-Tänzerinnen – links und rechts positioniert – die ab der zweiten Hälfte des Konzertes für besonders extravagante Bewegung auf der Bühne sorgten. Da war der Augenbinden-Song, der bestätigte, hier jemand (neben Kamera-Hammer, Sichel und Meißel-Wappen positioniert) ganz gewaltig sein Handwerk versteht und es bleibt der Song „Underage“ in Erinnerung, bei dem alle Neune auf der Bühne im Takt hüpften, unter ihnen auch Chinawoman, die die sechs Herren für etwa die letzten fünf Songs an der Gitarre begleitete, nachdem Joel verwirrt nach ihr rief: „Where’s Michelle?“ Und wenn er nicht grad Englisch sprach, dann sprach er – natürlich mit aufgeknöpftem Hemd – die Sprache seines Publikums: deutsch.

Und so ging die breite Masse erheitert nach Hause und folgender Gedanke ließ sie nicht mehr los: Man muss kein verbissener Künstler sein, um Menschen für sich zu gewinnen. Nein, authentisch, originell, echt muss man sein.

Setlist:
Do I Belong? // Hump From Bending // The Fear Is On // Awoo // Follow These Eyes // In the NA // Fee Fie // Doom // Brat // Bboy // Boys of Melody // Smells Like Happiness // Underage // Music is My Boyfriend // Breathe on It

>> Zu allen Bildern von Chinawoman im Heimathafen

>> Zu allen Bildern von The Hidden Cameras im Heimathafen

Chinawoman im Internet:
Offizielle Homepage: www.chinawoman.ca
Facebook: www.facebook.com/Chinavoomen
MySpace: www.myspace.com/chinawoman

The Hidden Cameras im Internet:
Offizielle Homepage: www.thehiddencameras.com
Facebook: www.facebook.com/thehiddencameras
MySpace: www.myspace.com/hiddencameras

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