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Tanya Tagaq – Animism (Review)

4. Februar 2015
Tanya Tagaq - Animism

Tanya Tagaq – Animism

Es gibt diese Momente, da legt man eine CD ein, hört sie von Anfang bis Ende durch und fragt sich anschließend. „Was war das denn, bitte?“. Tanya Tagaqs viertes Album „Animism“ löst neben vielschichtigen Emotionen vor allem eine bizarre Faszination aus. Simple Popmusik bietet bei weitem nicht genug Spielraum; die Kanadierin zieht es hin zur wilden Schönheit ihrer Inuitwurzeln. So ganz und gar damit verwachsen, erschafft sie Landschaften, die sich derart eindrucksvoll vor, hinter, über, unter einem aufbauen, dass man eintaucht. In eine Welt, einen kleinen ursprünglichen Klangkosmos, der sich jeglichen Regeln von Harmonie, Songstruktur und Gesang widersetzt. Tagaqs Fähigkeiten begeisterten unter anderem bereits Björk und Mike Patton, mit denen sie zusammenarbeitete oder die sie – wie im Fall von Björk, live begleitete.

„Animism“ beginnt mit einem der schönsten Coversongs seit langer Zeit. Tanya singt „Caribou“ von den Pixies. Und bereits das Ausklingen lässt vermuten, dass das nun Folgende eine gänzlich andere Richtung einschlägt. Denn Tanya Tagaq singt nicht, zumindest nicht in gängigen Strukturen. Ihre Stimme ist ihr Instrument; sie seufzt, sie schnurrt, sie schreit, sie grunzt, sie hechelt, sie stöhnt, sie klagt, sie wimmert. Nur fein Strophe für Strophe singen, das tut sie nicht. Tagaq führt mit ihrem Kehlkopfgesang in unberührte Gegenden, in denen die Aufgeräumtheit der Menschheit wie ein Fremdkörper wirkt. Das mag viele verstören – und man kann es ihnen nicht einmal übel nehmen. Hier gilt jedoch wie so oft, dass manche Künstler eben auch entdeckt werden müssen. „Animism“ durchzieht kein einfacher roter Faden, sondern eher eine Blutspur in frischem Schnee. Animalisch, archaisch, exzentrisch, ungezähmt und dann doch wieder ganz sanft und zärtlich. Absolut beeindruckend ist Tagaqs Rhythmusgefühl. So wächst „Tukugak“ beispielsweise zu einem Beatmonster, allein durch den Einsatz ihres Organs. Doch ist es letztlich das ganze Album, das als Einheit eine Reise zurück zum Ursprung darstellt – begleitet von einer Frau, die mit den Wölfen heult und reißt, um anschließend im Nachthimmel zu tanzen und sich in Form von Schneekristallen auf das Haar legt. Und wer sagt, dass „Animism“ zu experimentell, unhörbar und anstrengend ist, der hat dazu noch nie Kuchen gebacken.

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