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Talking To Turtles und Kid Dakota @ Beta Bar, Chemnitz | 28.09.11

1. Oktober 2011

Der Brühl-Boulevard in Chemnitz. Da war in den 80er Jahren noch richtig was los. Heute ist die ehemalige Nobelwohngegend und Pulsader des sozialistischen Konsums ohne motorisierten Verkehr ein ziemlich vereinsamter Ort. Zwar konnten im Rahmen der „Städtebaulichen Erneuerung“ in den 90ern einige Straßenzüge im Brühl-Viertel baulich erneuert werden (was zugegeben noch lange kein Leben hinter die Fassade bringt…); der Boulevard an sich wurde jedoch ziemlich vernachlässigt.

Brühl-Boulevard (c) Peggy Schellenberger (www.chempixx.de)Seit wenigen Jahren erst ist der Boulevard wieder ein Thema und ein paar Mutige, wie die Delicate-Kneipe oder der alternative Klamottenladen Spangeltangel mit seinen simpel-hübschen Siebdruck-Designs versuchen nun, zur „Brühl-Belebung“ beizutragen. „Brühl-Belebung“, das ist unterdessen sogar schon zum geflügelten Wort geworden. Den Studenten sollen Schwingen wachsen; ihr Landeplatz: die ehemalige Aktienspinnerei auf dem Brühl; dorthin (wo übrigens mal die Stadtbiblothek war) soll nämlich bald die Unibibliothek mitsamt Mensa ziehen. Selbst der Platzhirsch, die städtische Tochterfirma „Grundstücks- und Gebäudewirtschafts-Gesellschaft m.b.H“ (kurz: GGG) spricht vom „Sanierungsgebiet Brühl-Boulevard“ und möchte Studentenwohnungen schaffen. Dass die Studenten sich bereits gut mit dem Boulevard anfreunden können, zeigt die Tatsache, dass sich zum Talking To Turtles-Konzert am vergangenen Mittwoch – das ist bekanntlich mitten in der Woche – in der Beta Bar knappe 100 junge Leute mit subkulturellem Interesse für ein Konzert eingefunden hatten… Ich war verblüfft: „Was machen die hier, so wesentlich vorm Semesterstart???“. Die Antwort auf diese Frage liegt in der hervorragenden Bandauswahl sowie im Kreativsalon Beta Bar selbst begründet…

Den Kreativsalon Beta Bar gibt es auch noch gar nicht lange. Im Frühjahr nahmen die Planungen so richtig Form an, oder vielmehr: Dringlichkeit war geboten, letzte Baumaßnahmen durchführen zu können. Und dazu brauchte es eben noch 1.500 Euro. Geld, das kreative Projektleiter wie Marco Stahn mal eben nicht locker aus dem Ärmel schütteln können. Aber dafür gibt es ja das Konzept des Crowdfunding. Kurzum: Kleinvieh macht eben auch Mist, und so spendeten 47 Supporter via Startnext für Brandschutztüren und Schallschutz und Anfang April konnte die Beta Bar pünktlich mit einem genialen Konzert der isländischen Afro-Discopop-Band(!) Retro Stefson eingeweiht werden. Es war gut besucht und die Stimmung euphorisch. Leider hat die ganze Sache einen kleinen Haken: November ist erstmal Schluss mit dem Projekt Beta Bar…

Doch was ist das eigentlich für ein Laden, was will man hier eigentlich erreichen, am Tor zum Brühl-Boulevard?

„Kreatives Potential bündeln, Kommunikation fördern und Kultur schaffen – das sind die Ziele der BETA BAR. Mit diesem Vorhaben richtet sie sich vor allem an junge, offene, experimentierfreudige Menschen, die gern in Chemnitz leben und auch bleiben möchten. Die BETA BAR versteht sich als Ort, an dem Ideen zusammenschmelzen. Die Gäste sind dazu eingeladen, das Projekt BETA BAR, und darüber hinaus den Brühl und schlussendlich die Stadt Chemnitz, mit Leben zu füllen. Café und Bar dienen als Orte des Austauschs, an dem Querdenken erlaubt und eine aktive Beteiligung erwünscht ist. Somit soll das Projekt BETA BAR Anstoß zu der Entwicklung eines urbanen Lebensgefühls in der Stadt Chemnitz geben.“ Quelle: http://www.startnext.de/kreativsalon-beta-bar

Und was hört man für Musik, um ein solches „Urban-Feeling“ heraufzubeschwören? Je scheuklappenfreier desto besser. Das reicht von DJ-Abenden mit House und Breakbeats im Gepäck, sowie Indiepop-Bands ohne Angst, Folk und Elektronik zusammenzuführen und hin und wieder konnte man abends sogar sein eigenes Vinyl mitbringen und auflegen…

Am 28. September waren DevilDuck Records mit ihren beiden Schößlingen Kid Dakota und Talking To Turtles zu Gast auf dem Brühl.

Kid Dakota - 28.09.2011 #3Kid Dakota entzieht sich angenehmerweise jeglicher Schubladisierung. Mal deftig rockend, mal sanft-verträumt zockend geht Darren Jackson an seine unverbrauchten Songs heran. Live in Chemnitz hieß es vor allem Zwo-mal-Gitarre-zwo-mal-Gesang. Verstärkung gab’s nämlich von der bezaubernden Eliza Blue, die neben Stimme und akustischem Sechssaiter auch hin und wieder zur Violine griff, mal zaghaft, mal sehr beherzt darauf herumschreddernd. Am 14.10. kommt Darrens mittlerweile viertes Album „Listen To The Crows As They Take Flight“ via Devilduck Records heraus. Herzschmerz und Neuanfang heißt es bei den neun neuen Nummern und man darf angesichts der Vorabbeschreibungen schon mal gespannt sein… In Chemnitz jedenfalls gab es fast durchgängig melancholische Schönheit zu vernehmen, welche Darren und Eliza gerade im Zusammenspiel und im wunderbar aufeinander abgestimmten Harmoniegesang immer wieder unter Beweis stellen konnten. Herzlich warm wurden sie aufgenommen und wurden im Laufe des Auftrittes immer selbstsicherer, ja, sogar etwas rebellischer. Für den letzten Song kamen sogar Schlagzeuger und Bassist auf die Bühne, ständig kreisen die trotzenden Worte durch den Raum:

„Everything’s permitted, everything is lawful“

Die Bude ist heiß geworden; den Leuten hat’s dem stürmischen Beifall nach zu urteilen auch sehr gut bei dem Mann aus South Dakota gefallen. Passender hätte die Aufwärmung für die Schildkrötenfreunde gar nicht sein können…

Talking To Turtles - 28.09.2011 #12Auch die beiden Sympathieträger Talking To Turtles schlossen die Beta-Bar-Besucher schnell ins Herz. Ihr Debüt „Monologue“ erschien erst voriges Jahr und seitdem ging’s rasch voran. Wer dieses Jahr schon mit Freude das Debütalbum der Indiefolker The Head And The Heart verschlang, sollte sich auch ganz schnell mit diesem Duo anfeunden können. Die Herangehensweise ist ähnlich: Texte einer Generation Praktikum, wenn sie mal nicht zum Praktikum geht, einfache und griffige Songschreiber-Melodien, schöne Vokalharmonien und ein erweitertes Instrumentarium für die liebevollen Details am Wegesrand. Das alles mit ganz viel Herzblut glaubhaft umgesetzt.

Talking To Turtles : Oh, The Good Life (2011)

Talking To Turtles :
Oh, The Good Life (2011)

Ein bisschen Pathos ist dabei, ja, dafür spricht schon der Titel des neuen Album „Oh, The Good Life“, welches seit dem 19. August in den Läden steht. Auch das Cover ist voll von von einer Sehnsucht nach einem einfachen, friedvollen Leben, schaut man aber genauer hin, sieht man eingeschlagene Fensterscheiben und ein etwas marodes Mauerwerk… Der ein oder andere kann sich vielleicht selbst in diesem Bild wiederfinden… Dieser schöne Rundling ist auch gerade dabei, sich in die Liste meiner meistgespielten Platten von 2011 zu spielen. Jedes Stück ist ein geschlossenes Kleinod für sich, und wenn’s auch manchmal nur ein paar Krümel („Crumbs“) als angenehme Zwischenmenschlichkeiten sind:

„Awful tv is awesome with breadcrumbs between our skins […] I hope we won’t forget to spend some days with only sex, coffee and cigarettes“

Und um mal ein bisschen Namedropping bei diesem schönen Album zu betreiben: Ich liebe das leicht angeschrägte „Wonky Cradle“: Das fängt als ob die Post Waver Junius mit Neil Young und Will Oldham alias Bonnie „Prince“ Billy in einem Boot sitzen. Am Ende kommt dann aber doch irgendwie etwas Hoffnungsschimmerndes heraus, so düster die Referenzen auch manchmal tönen. Bestes Beispiel dafür ist der Gute-Laune-Song „Grizzly Hugging“. Den kann man sich übrigens kostenlos herunterladen und hier erstmal probehören:

Die schöne Scheibe gab’s übrigens für faire 15 Tacken als LP inklusive CD. Feine Sache. Im Nachhinein auch direkt beim Label bestellbar: http://www.devilduckrecords.de/store/music

Die Stücke in Chemnitz kamen auch hauptsächlich vom neuen Album. Dass die Berliner ihre Musik nun aber auch nicht so todernst nehmen, davon zeugen Textzeilen wie „When two sharks went to shark school…“, vermutlich eine Nummer vom Debüt. Achja, und dann zeigten sich Claudia und Florian während des ganzen Gigs ganz besonders entspannt. Talking To Turtles - 28.09.2011 #11 Die schönsten Livemomente des Abends waren dann sicher die a-cappella-Einlagen der beiden, ganz nah am Publikum, noch vor den eigenen Mikrofonen stehend, aber auch die spätere Aufforderung zum Publikumsmitsingspielchen blieb nicht unbeantwortet und so geistert mir das Publikumsecho des Ohrwurmrefrains immer noch im Kopf herum. Abgesehen davon blieb das Chemnitzer Publikum unverständlicherweise etwas scheu. Die Beta Bar war voll, es war warm, der Applaus war laut, nur leider ließ sich kaum jemand zum freudigen Wippen hinreißen. Vielleicht müssen sich die Studenten hier vor Ort einfach noch ans „Ausgehen und Abgehen“ gewöhnen. Daran kann man arbeiten… Und es dauert ja auch noch ein paar Jahre, ehe der Campus „in die Stadt“ kommt.

Der Brühl jedenfalls wird die Beta Bar brauchen. Warum? An einigen Abenden im Monat avanciert sie zur Bühne für scheuklappenlose Popmusik. Das ist Anziehungspunkt und Identifizierungsmöglichkeit, damit sich auch tagsüber die jungen Leute im Beta Café blicken lassen. Derzeit läuft auch eine Art Radio-Festival in Kooperation mit den letzten unabhängigen lokalen Radios, UniCC und Radio T; im Café gibt’s ab 15 Uhr WLAN, eine Kaffee-Flat und viel Gemütlichkeit; optimale Bedingungen also für ein kreatives Zusammenkommen oder fürs Soloprojekte schmieden…

Geht in die Beta Bar und unterstützt ihr Fortleben! Zum Beispiel am 15.10., wenn A Forest in der Bar gastieren.

Mehr Infos:
http://www.beta-bar.eu

Mehr zu den Bands:
http://www.talkingtoturtles.de
http://www.kiddakota.com

1 Kommentar

  1. *g* von einer Kaffee Flat habe ich bis jetzt noch nie was gehabt und nur selten was gehört. Coole Sache, ich drücke dem Laden die Daumen. :)

    #3457

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