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„Sunshine Superman – The Journey of DONOVAN“ (dvd)

18. September 2008

Wer kennt die Szene nicht, in der Homer Simpson nach einem Joint in der Folge „Weekend at Burnsie’s“ durch die Luft fliegt und dann beim Rasieren zu den Tönen von „Wear Your Love Like Heaven“ Regenbogenfarben aus seinem Gesicht sprießen!? Oder als selbiger in „I Am Furious Yellow“ stets das sehr bezeichnende „Mellow Yellow“ singt, um nicht auszurasten!? Dies sind nur zwei entspannte Stücke aus dem riesigen und vielfältigen Hit-Repertoire des Donovan Leitch – oder einfach nur: Donovan. So wurde der gebürtige Schotte in den 60er Jahren zum Superstar.

Herzstück dieser Doppel-DVD ist der dreistündige(!) Dokumentarfilm „Sunshine Superman“, welcher chronologisch die musikalischen Stationen des Donovan von vorn bis hinten beackert. Angefangen vom milchgesichtigen Lockenkopf und beschlossen vom gealterten Meditationsguru, der seinen Frieden in Irland gefunden hat. Untermalt wird das Ganze natürlich permanent von den ganz großen Hits, deren Entstehungsgeschichten liebevoll in Wort und Bild ausdetailliert wurden. Es ist erstaunlich, dass ein so langer Film so gut wie keine Längen aufweist. Donovan und Produzent Hannes Rossacher – ich spreche hier bewusst von beiden, denn nur eine enge Kooperation (in diesem Fall über 5 Jahre hinweg!) kann ein solches Ergebnis entstehen lassen – ist genau das richtige Maß gelungen. Viele Szenen sind es, lange zum Teil auch, aber bevor man überhaupt an Langatmigkeit denken kann, wird auch schon zum nächsten zum nächsten Schauplatz, zur nächsten Person oder zum nächsten Aspekt der Musik übergeleitet:

Indien, Griechenland, Japan, USA, Irland… Atlantis.
Die Beatles, David Lynch, Maharashi Mahesh Yogi, „Gypsy Dave“… Linda Lawrence.
Drogen, Meditation, Protest, Liebe… Poesie.

Der Mann redet wirklich gern und viel vor der Kamera. Am liebsten über sich selbst. Aber darum geht es hier ja auch – und reden kann er gut, ja, ich würde ihn sogar als rhetorisches Genie bezeichnen, das auch im Interview seine Worte mit bedacht wählt, doch zugleich jeden Gedanken aus dem Herzen heraus formuliert. Damals wie heute – ein großer Redner, oder besser: ein Poet mit dem Herzen auf der Zunge.

Und so finden sich im Film neben den Donovan-Interviewpassagen der letzten Jahre auch ein paar Performances neuen Datums, die extra für den Film gedreht wurden, natürlich vor angemessenem Hintergrund. Lange Zeit lebten Donovan und seine Familie in der kalifornischen Wüste. Diese Zeit wird hier authentisch wiederbelebt. “Desert Days”/”Desert Nights”, “Cosmic Wheels” oder das bluesige “Joshua Tree” bestechen durch ihre Reduziertheit, die trotzdem – oder gerade – die Weite der Wüste perfekt einzufangen wissen – da hockt er allein auf einem Stein, der alte (und noch sehr vitale) Donovan mit seiner Gitarre. Es ist eigentlich normal, dass man als Sänger über viele Jahrzehnte hinweg abbaut und einige Höhen und klare Töne einbüßt, aber die live gespielte, karge „Wüstenversion“ ist wirklich überzeugend, mit einer schwebenden Leichtigkeit gespielt, nach wie vor schimmert und glänzt die klare Stimme des Mr. Leitch. Die Momente, die für viele Sänger eine Hürde darstellen würden, sind die emotionalen Glanzlichter bei Donovan. Ein weiteres gutes Beispiel dieser Sänger, die über so lange Zeit ihr „Gesicht nicht verloren“ nicht verloren haben ist Roger Hodgson von Supertramp. Man beachte die im letzten Jahr erschienene hervorragende Live-DVD „Take The Long Way Home“…

Doch zurück zu Donovans DVD. Allein dieses Filmes wegen ist die Sunshine Superman-DVD absolut lohnenswert, aber auch die noch einmal über zwei Stunden zusätzliches Material bietende Bonus-DVD wartet mit einigen Leckerbissen auf: Donovan-Neueinsteiger lernen die Songs vor allem in den Videoclips von damals kennen; vom selbstverliebt posenden “Sunshine Superman” über ein unterhaltsam-buntes Hippie-Medley um “Wear Your Love Like Heaven” bishin zum witzigen Trickfilm-Märchen “In An Old-Fashioned Picture Book”. Auch das Live-Videomaterial ist gut ausgewählt mit repräsentanten, souverän gespielten Stücken aus den frühen und den letzten Jahren, alle hochqualitativ in Bild und Ton, versteht sich…

Die unveröffentlichten Songs heißen übrigens so, weil sie in der Tat keine besonderen Hits darstellen. Einzig die musikalische Qualität von “The Olive Tree” weiß mich zu überzeugen. Leider muss man während des Videoclips unbedingt wegschauen, da die Wirkung des einfühlsamen Songs durch viel zu oft stattfindende, Unruhe verbreitende Wechsel der Kameraperspektiven total abhanden geht. Die Liebe und das Können zur Poesie hat Donovan übrigens vom Vater geerbt. Die Bonusscheibe zeigt den Herrn Papa beim Rezitieren eines Gedichts, welches auch hier seine Wirkung mit ein paar Kameraeinstellungen weniger sicher noch besser hätte entfalten können. Faszinierend, dieser gälische Gaumenschlag des alten Leitch, der den Buchstaben „R“ in einem kurzen rollenden Tanz die Zunge entlang ans Tageslicht befördert. Ein harter Akzent, zugleich mit sanfter Stimme und aufrichtigen Augen direkt in die Seelen der Zuhörenden gehend. Der Apfel fiel hier nicht weit vom Stamm… Interessant auch der Blick in Donovans Keller, wo man neben zahlreichen Memorabilia auch noch einmal einen Schnelldurchlauf durch die Diskographie Donovans geboten bekommt. Die privaten Fotoalben und Auszeichnungen und der Blick in den hingegen sind dann doch eher nur etwas für die Die-Hard-Fans.

Alle Bonusdreingaben hier aufzulisten und zu analysieren, würde den Rahmen sprengen und wäre auch nicht angemessen, denn in erster Linie geht es ja um den überaus gelungenen Hauptfilm aus einer spannenden Zeit mit einem hoffnungslos romantischen Schotten in ihrer Mitte. Ja, er stellt sich gern in den Vordergrund. Ja, man kann seine Lieder manchmal als zu seicht, oft als schmalztriefend bezeichnen – Doch schaut man hinter die Kulissen, so muss man eingestehen, dass seine Message wahr und aufrichtig ist, und dass sein bisher Leben verdammt interessant abgelaufen ist und dass es einen sogar ein wenig mit Neid erfüllt, weil er auf seinen Reisen und bei seinen Stationen Dinge und Menschen erfahren hat, nach denen wir uns sehnen, weil er von Sachen singt, von denen wir sagen, dass sie schmalzig sind, die uns aber doch tief berühren. Auch David Lynch sagte mehrfach von ihm, er sei ein “true poet that can through his talent and music stir very deep levels”…und wer Lynchs Filme kennt, der weiß dass dieser nicht aus Zucker ist.

Es ist schade, dass solche Musik heutzutage sehr rar geworden ist. Mir fielen da höchstens noch die englischen Circulus ein, die sich auch gern in renaissanceartige Gewänder hüllen und als schrullige Poeten solch friedliebend ausgelassene und zugleich anspruchsvolle “Märchen”-Musik zelebrieren…

Donovan selbst ist noch aktiv, veröffentlicht Alben und tourt erfolgreich. Am 26. September erscheint diese DVD und ist ein ganz klassischer Fall von “value for money” für all jene, die nach einem musikalischen Zeitzeugnis der 60er/70er, nach verblühten Blumen oder einfach nur einen Einstieg in die Musik und das Leben von Donovan Leitch suchen. Für Fans ist diese Veröffentlichung sowieso ein Muss.

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