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SPURENSUCHE [BEGEGNUNG]

12. Januar 2009

„Yes, it’s fucking political!“ – aus aktuellem Anlass

„Treffen sich ’ne Nonne, ein Rabbi und ein Islamwissenschaftler….“ Klingt wie der Anfang eines schlechten Non-PC-Witzes, ist aber bierernst gemeint. Toternst. Knochenernst. Bei „Spurensuche [begegnung]“ (sic) handelt es sich um den zweiten Versuch, durch Popmusik Brücken zu schlagen zwischen Kulturen, so will es die Pressemitteilung. Die erste Spurensuche erschien 2007 und ist an mir spurlos vorübergegangen.

Kulturen werden hier übrigens mit Religionen gleichgesetzt: Christliche, jüdische und muslimische GlaubensvertreterInnen haben das Projekt initiiert. Man könnte jetzt ins Philosophieren geraten: Ist Kultur nicht irgendwie mehr als Religion, mindestens anders, vielleicht individueller und wandlungsfähiger? Präsenter, greifbarer? Vor allem natürlich: undogmatischer und damit nicht so festgefahren? Aber wir wollen uns ja nicht anderer Leuts Kopf machen.

Spurensuche [Begegnung] (2008)Eigentlich doch ganz nett, die Idee, und tatsächlich konnten ein paar große Namen gewonnen werden. Neben der heimlich kiffenden Moralapostel-Heulsuse Xavier Naidoo haben Laith Al-Deen, den man ja irgendwie auch aus dem Präkariatsfernsehen kennt, oder auch Amr Diab, der „erfolgreichste Sänger in der arabischen Welt“ – das sagen die offizielle Website und Wikipedia wie aus einem Mund, welch Zufall – irgendwie einen Weg in die Tracklist gefunden. Dazu gesellen sich einige eher unbekannte Namen.

Leider ist das Ganze außerordentlich unsexy geworden. Optisch und akustisch ein Graus, schätze ich, denn um ehrlich zu sein: Dies ist eine Kritik der ungehörten Platte. Damit bin ich für ein Review disqualifiziert. Das hier ist ein einfacher Kommentar, liebe Gemeinde, keine Kaufempfehlung und auch nicht das Gegenteil davon.

Was mich doch dazu bewogen hat, diesen Sampler vorzustellen: Spurensuche ist wohl eines von vielen Beispielen, die zeigen, wie schwierig es ist, einen interkulturellen und interreligiösen Dialog künstlich herzustellen. Klar, ein paar populäre Künstler, die sich als praktizierend gläubig beschreiben würden, kommen gut. Mit Popmusik kriegt man sie doch immer, die jungen Leute. Aber mit dem, was Popmusik und Popkultur eigentlich einmal bedeuten wollte – rebellisches Aufbegehren gegen verstaubte Traditionen, den Mut, der „Hochkultur“ von Angesicht zu Angesicht in selbiges zu spucken und das ganze möglichst ausschweifend zu begießen – hat dieser Versuch so gar nichts gemeinsam. Es kann einfach nicht das Ziel sein, eine Platte zu schaffen, die in Castrop-Rauxel nach dem ökumenischen Gottesdienst im Gemeindehaus läuft, nicht, wenn man diejenigen an einen Tisch bringen will, die nicht sowieso schon auf Kirchenkreis stehen. Stattdessen: Wer etwas will, muss auch etwas wagen. Vielleicht wäre ein bisschen Punk, ein bisschen Ska, ein bisschen unvorhersehbares Querdenkertum der Schlüssel gewesen.

Das wünsche ich mir für die Fortsetzung, sollte es noch eine geben: Keine geschlossene Gesellschaft ohnehin schon Bekehrter, sondern weit offene Tore. Keine Spuren suchen, sondern selbst welche hinterlassen. Und das geht, jeder kennt das Sprichwort, nur auf Pfaden, die abweichen.

Das wünsche ich mir für’s neue Jahr: Einen organisch wachsenden Graswurzeldialog. Von unten nach oben und der Sonne entgegen. Gerade jetzt, ausgerechnet.

Wie das geht, weiß ich auch nicht. Aber bestimmt ist es ganz einfach.

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