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SKILTRON – Dio im Schottenrock…

12. Oktober 2008

…und dann auch noch auf argentinischem Boden! Wer wissen möchte, wie der legendäre Ronnie James klingen würde, wenn sein Gesang zu Dudelsäcken, Tin Whistle und Mandoline ertönt, sollte unbedingt den Buenos Aires-Clansbrüdern SKILTRON Gehör schenken. Und noch etwas haben die Südamerikaner mit diesem Urgestein gemein: Beide mögen schnörkellosen, eingängigen und gleichermaßen schwerwiegenden Metal der alten Schule, dem es dennoch an Leidenschaft und Melodie nicht mangelt.

Bestes Beweisstück dafür ist das im Juni diesen Jahres erschienene Zweitwerk „Beheading the Liars“, welches uns wieder einmal zurückführt in Zeiten des Aufeinandertreffens von keltischem Heidentum und Christenheit und in die Schottischen Unabhängigkeitskriege des 13./14. Jahrhunderts, wobei der Albumtitel diesmal sehr unverfroren die Ankunft der neuen Religion quittiert, lauscht man den titelgebenden Worten vom Song „The Beheading“:

If you are a christian my question is what part of „don’t lie“ you misunderstood?

Weltliche Gelüste und weitere biblische Missdeutungen wie etwa „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ können letzten Endes nicht nur jene Körperteile, sondern gleich den ganzen Kopf kosten. Zu diesem Schluss kommt man außerdem, wirft man einen Blick auf das übergroße Beil des Albumcover-Schotten und lässt die eigene Vorstellungskraft ein paar Momente vorauseilen – Ironie des Schicksals… möchte man an Schicksal glauben… Doch ehe ich mich weiter in an den Haaren herbeigezogenen pseudo-philosophischen Weisheiten und unqualifizierten Bibeldeutungen verstricke, geh ich doch einmal zum Ausgangspunkt zurück: Wie kommt eine argentinische Band eigentlich auf die Idee, folkigen Heavy Metal in authentischer Kostümierung und mit traditionellen Instrumenten zu spielen? Die Antwort darauf und auf weitere Fragen gab mir vor ein paar Tagen Skiltron-Bandkopf Emilio Souto:

Emilio: Unser Drummer Matias und ich haben bis 1997 zusammen in einer Power Metal Band gespielt. Als sich diese Band auflöste, fing ich an, an einem Folk Metal-orientiertem Projekt zu arbeiten. Zumindest die Hälfte der Songs vom ersten Album sind aus diesem Zeitraum und den folgenden Jahren. Ich hatte noch keinen Bandnamen damals, schrieb aber trotzdem schon die Songs. Skiltron erblickte dann offiziell im Jahr 2004 das Licht der Welt, als wir eine Demo mit drei Songs aufnahmen.
Ich wollte schon immer eine Folk Metal Band haben, seit ich diesen Stil kannte. Und da ich mich auch für mittelalterliche Geschichte sehr interessiere, passt es perfekt. Du wärst überrascht, wie viele Metalbands es in Argentinien gibt. Folk Metal ist in Sachen Beliebtheit auch nicht die Ausnahme. Natürlich gibt es nicht so viele Bands wie in anderen Metalgenres, aber die Szene wächst mit jedem Tag. Wir haben auch ein großes keltisches Erbe: Hauptsächlich Leute aus Wales und Gallien siedelten sich hier einst an. Daher ist es auch gar nicht so ungewöhnlich, dass viele an solchen Sachen interessiert sind. Alle die hier ein keltisches Instrument spielen, spielen für gewöhnlich auch in traditionellen Bands. Es gibt auch fast jeden Monat keltische Festivals…
Der Name Skiltron kommt übrigens vom Wort „schiltron“. Das war bei den Schotten eine Verteidigungstechnik, die im Mittelalter entstanden ist. Um es besser aussehen zu lassen, veränderte ich das Wort leicht und stellte dann fest, dass es ja dann auch das Wort „kilt“ enthält…

Um ehrlich zu sein, kenne ich gar keine weitere argentinische Metalband…

Emilio: Es gibt wirklich SEHR VIELE Bands, von den großen bis zu den wirklich unbekannten. Es gibt jedes Wochenende Unmengen von Gigs, hauptsächlich in Buenos Aires. Sogar in der Landesmitte leben viele Metalheads, aber es spielen nicht viele Bands außerhalb unserer Hauptstadt. Hier gibt es kein „Tourkonzept“, wie ihr es in Europa kennt. Hier gibt es nur Auftritte am Wochenende. Das Hauptproblem ist wohl mangelnde Unterstützung seitens der Promoter. Ich könnte euch noch Tengwar empfehlen, eine weitere keltische Folk Metal Band, mit welcher wir bald die Bühne teilen werden.

Und wie war das doch gleich mit Dio im Schottenrock, was hat das alles nun mit diesem göttlichen Sänger gemein? Die einfache Antwort darauf ist Diego Valdez. Dieser stieg nach der Veröffentlichung des ersten Albums im Jahr 2006 ein, um auch Liveauftritte spielen zu können. Doch ein Sänger wie dieser muss in Argentinien schwer zu finden sein!?

Emilio: Ich kenne Diego schon lange. Schon als wir unsere erste Demo aufnahmen, rief ich ihn an. Doch zu diesem Zeitpunkt war er sehr beschäftigt mit anderen Dingen und konnte leider nicht für uns singen. Wir haben einen Sessionmusiker (Javier Yuchechen) für diese Demo und das erste Album engagiert. Er war Sänger der Band in welcher auch unser Gitarrist Juan einst spielte. Ich mochte seine Arbeit, aber wir wollten ein festes Line-up haben. Als wir nach dem ersten Album wieder die Chance dazu hatten, rief ich Diego erneut an und diesmal konnte er bei uns mitmachen. Er ist sehr talentiert, einer der besten Sänger von hier!

Da könnte man ja meinen, dass Emilio bereits zu Demozeiten stets Diegos variable, emotionale und kraftvolle Stimme im Kopf hatte, da er ja von Anfang dazu auserkoren war, Sänger bei Skiltron zu sein!?

Emilio: Nicht besonders… aber vielleicht unterbewusst. Ja, ich dachte schon an diese Art Gesang… Er hatte vieeele Bands, ist in der Tat als „Multiproject Man“ bekannt. Er ist bereits seit Mitte der 80er Jahre in der Szene und somit auch der älteste in der Band, haha. Er hat auch noch ein Nebenprojekt derzeit. Doch wir können uns gut aufeinander abstimmen, sodass Skiltron auch die Zeit bekommt, die die Band braucht.

Die Fortschritte zu diesem ersten Album, „Gathering the Clans“, sind übrigens enorm. Was nicht unbedingt nur am Sänger liegt. Meiner Meinung nach hat sich auch das Songwriting sehr verbessert, was vor allem in den ersten vier Songs sehr deutlich wird. Ich wollte wissen, worin die Band selbst ihren Fortschritt sieht…

Emilio: Die Songs für das erste Album wurden über einen Zeitraum von fast zehn Jahren geschrieben! Die neueren entstanden innerhalb von einem Jahr. Noch eine Woche vor den ersten Aufnahmen zu „Beheading the Liars“ haben wir an dem neuen Material geschrieben. Wahrscheinlich ist die Verbesserung der Tatsache zu verdanken, dass wir nun eher als Band, nicht mehr nur als Projekt, zusammenarbeiten. Jeder in der Band wirkt an den Liedern mit, das füttert sie mit ganz verschiedenen Elementen an.

Das neue Album beginnt mit der Bandhymne „Skiltron“, oder vielmehr mit einer gesprochenen Passage im besten Schottenakzent von Seoras Wallace, seines Zeichens direkter Nachfahre des berühmten William Wallace. Seoras wirkte auch am Braveheart-Film mit, ist heutzutage so etwas wie der PR-Mann des Clans und spielt auch in der Band The Clan Wallace die erste Pfeife…

Emilio: Er ist ein ganz besonderer Kerl. Nachdem ich eine Dokumentation von ihm gesehen hatte, dachte ich mir, dass er eine großartige Stimme für eine solche Intro hat und so schickte ich ihm eine E-Mail und machte die Details klar. Dann haben uns alle Leute vin The Clan Wallace kontaktiert, uns unterstützt und gut zugesprochen.

Der nächste Killersong steckt im bereits erwähnten „The Beheading“: Erneut wird eine geniale Melodie nach der nächsten ausgepackt, vor allem der Refrain mit Unterstützung fast aller Bandmitglieder setzt sich gnadenlos in den Gehörgängen fest. Die Folkinstrumente werden bei Skiltron übrigens nicht nur zum schnöden Beiwerk degradiert: kunstvolle Soli und songdienliche Begleitmelodien machen einen bedeutenden Teil der sonst stark an den klassischen Heavy Metal angelehnten Musik der Argentinier. Einzig NOCH besser als dieser Song ist „Praying is Nothing“ geraten. Es gastiert Korpiklaani-Sänger Jonne Järvelä auf seine hier wunderbar passende rumpelige Art und Weise. Einmal mehr ist hier eine Hymne entstanden, die ihren ewigen Platz in der Live-Setliste der Band hiermit sicher hat. Textlich geht es natürlich mal wieder in eine antireligiöse Ecke, im Vergleich zu den ausgetüftelten lyrischen Auswüchsen von Emilios Vorbildern Skyclad wirkt das zwar etwas plump, doch es geht auch anders, sanftmütiger in Wort und Klang, denn auch Balladen stehen Skiltron gut zu Gesicht. So gibt es beispielsweise eine englischsprachige („Calling Out“) und eine okzitanische („Crides“) Version von ein und der selben Power-Ballade. Persönlich gefällt mir letztere Variante deutlich besser, da es wirklich vorteilhaft ist, dass Album mit einer Ballade abzuschließen und andererseits, weil sie diesen „Exotenbonus“ aufgrund des Okzitanischen als alte romanische Sprache, hat. Als Gastmusiker waren hier diesmal die beiden Herren der Neofolker Stille Volk beteiligt…

Emilio: Um ehrlich zu sein weiß ich selbst nicht sehr viel über die okzitanische Sprache und Kultur, doch ich mochte schon immer den Klang der Worte auf den Stille Volk-Alben. Ich dachte es würde gut passen, und das tat es dann auch, da es dem Sound etwas Neues hinzugefügt hat.

Das Stimmt. Wie kam es dann aber, dass sowohl die englische als auch die okzitanische Version auf dem Album landeten? Ich stellte fest, dass die Balladendichte hinten raus schon ziemlich zugenommen hatte und sagte mir selbst „Hey, diese Balladen klingen irgendwie alle gleich“, bevor ich dann feststellte, dass die Musik ja wirklich identisch ist…

Emilio: Da steckte gar nicht mal eine große Entscheidung dahinter. Es war einfach eine Idee…

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