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Seasick Steve live @ C-Club, Berlin | 09.05.13

12. Mai 2013

Seasick Steve live in Berlin @ C-ClubDer mit Abstand genialste Blues Groover auf Erden – Seasick Steve – ging allen Ernstes davon aus, dass seinem Gig in Berlin niemand beiwohnen würde! Wahrscheinlich ist ihm sämtlicher Hochmut fremd, weil er sich immer so schön gemütlich – auf Augenhöhe mit den Fans – auf seinem Holzstuhl niederlässt oder ganz einfach, weil er in Deutschland im Grunde noch ein recht unbeschriebenes Blatt ist. Noch ist gut – immerhin zählt er bereits mindestens einundsiebzig Lenze. Im Vereinigten Königreich hingegen ist der gebürtige Amerikaner ein großer Star, wenn auch ein äußerst untypischer. Seine Alben landen regelmäßig in den vorderen Reihen der Charts, auf den größten Festivals ist er ein gern gesehener Gast und zu seinen Fans zählen Musikhelden wie Jack White oder Dave Grohl. Das war nicht immer so. Nachdem er – man mag es kaum glauben – vor etwa zehn Jahren sein allererstes eigenes Werk aufgenommen hatte, verhalf ihm erst ein Auftritt bei Jools Holland Ende 2006 zum Durchbruch.

In Berlin sollte Seasick Steve bereits 2012 gastieren, doch die Show musste aus Krankheitsgründen kurzerhand abgesagt werden und auch heute stand das Konzert auf der Kippe aufgrund eines in Holland eingefangenen Virus‘. Da half nur viel Wasser trinken – welch widerliches Gesöff!

Seasick Steve live in Berlin @ C-ClubSteve Wold, wie er eigentlich heißt, betrat in Karohemd- und Flickenjeans-Montur zunächst alleine die Bühne. Sein Fransen-Basecap warf einen langen Schatten, der auf Augenhöhe zum Stehen kam. Sein langjähriger Weggefährte Dan Magnusson stieß gegen Ende des ersten Songs hinzu und machte es sich an seinem Schlagzeug gemütlich. Die teilweise ziemlich abgenutzten Becken ließen vermuten, dass er diese in seinem Leben bereits geschätzte eine Million Mal bearbeitet haben musste. Im C-Club stand die Luft förmlich, so dass sich Steve bereits nach der ersten Nummer seines Hemdes entledigte. Nach vier peitschenden Blues-Nummern präsentierte er erstmals seine selbstkontruierte Besenstielgitarre und stand extra dafür auf, damit sie auch jeder bestaunen konnte. Selbstgebaut sind ohnehin seine meisten Saiteninstrumente, wenn sie nicht gerade dreisaitig für nur 75 Dollar käuflich erworben wurden (The Trance Wonder). Umso erstaunlicher welch gigantischen Sound er aus ihnen herauskitzelte. Am Ende eines beinahe jeden Stückes stand ein Roadie im hinteren Bühnenbereich bereit, um dem graubärtigen Musiker eine neue Gitarre überzustülpen. Man kam sich dabei fast wie in einem Stadion vor, nur war der Star des Abends nur wenige Meter entfernt.

Steve gab zwischen den Songs allerhand (!) amüsante Geschichten preis und ging aktiv auf die vielen Zwischenrufe seiner begeisterten Anhänger ein. Die glückliche Vanessa holte er gar für ein Liebeslied auf die Bühne und gab ihr zuguterletzt noch eine signiertes Album mit auf den Weg. Nach etwa einer Stunde zogen sich Steve und Dan in die Katakomben zurück, doch nicht ohne sich vorher inbrünstig mit der Faust aufs Herz zu klopfen.

Und natürlich gab es Nachschlag. „Do you need an apartment tonight?“ schallte es aus dem Publikumsrund. Steve lachte vergnügt und konterte:

Nooo, we’re gonna stay in our bus and travel to Brussels!

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Nach zwei Songs zuppelte er sich wie so oft an diesem Abend an seinem langen Bart, stand auf und verneigte sich. Zuguterletzt kam die Frage auf den Tisch:

I have a short or a long story, which one do you wanna hear?

Man konnte an fünf Fingern abzählen, wie die Antwort ausfallen würde und so begann Steve zu erzählen:

Once upon a time my step daddy tried to impress the new mamma. He said what a great little boy I was. A while later he had beaten me and my brother up. He pushed me through the window. I laid in the grass and all I wanted was to kill this motherfucker! I went into the bedroom. I knew where I could find the gun. But a voice told me to pack my bag and leave. I was 14 years old!

Diese Geschichte rührte einen fast zu Tränen, doch hatte man keine Zeit für Sentimentalitäten, denn der nun folgende „Dollhouse Blues“ ging einfach zu sehr in die Beine. Es schien als wollte er auch nie zuende gehen, die beiden Herren auf der Bühne wetteiferten mit Gitarre und Schlagzeug wie zwei Jungspunde um die Wette und kämpften sich von Runde zu Runde bis sie sich ein weiteres Mal gemeinsam verbeugten.

Aber nicht, dass der Hund nun in der Hütte in sich zusammensackte und erschöpft einschlief. Die beiden Musiker gaben dem überschwänglichen Auf-dem-Boden-Trampeln nach. Sie kamen breitgrinsend noch ein weiteres Mal zurück, dabei ließ Steve verlauten:

Don’t you wanna go home? Is it hot down there? I actually want to rub shoulders with you down there. I am Steve, this is Dan!

Insgeheim hoffte man, dass zum großen Finale einer DER Hits („You can’t teach an old dog new tricks“) schlechthin folgen würde, doch dieser Wunsch verhallte mit dem letzten Ton des Abends. Mister Wold MUSS diese Nummer aus Versehen vergessen haben!

Seasick Steve im Internet
Homepage: www.seasicksteve.com
Facebook: www.facebook.com/seasicksteve
Twitter: www.twitter.com/YYYs

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