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SCHNEEWITTCHEN und SASCHA MERSCH @ theARTer Galerie Berlin | 27.11.09

28. November 2009

Von Perlen und Säuen

Lichtenberg ist nicht eben als Berlins Kulturkiez bekannt. Der Stadtteil im Osten der Stadt glänzt eher durch den zweifelhaften Charme trabantenstädtischer Tristesse. Umso schöner für Lichtenberg, dass sich die dort ansässige theARTer Galerie immer mehr als Geheimtipp entpuppt und mittlerweile Publikum aus ganz Berlin und darüber hinaus anzieht. Einer der Gründe dafür dürfte sein, dass die Galerie seit jeher mit einem ambitionierten Rahmenprogramm aufwartet. Konzerte, Lesungen, zuletzt auch ein Live-Interview mit Alexander Kaschte (Ihro Hoheit Frontveganer von „Samsas Traum“) – und dazu Ausstellungen junger Künstler wie Senrek oder Christian Lebrecht.

Auch Sascha Mersch macht sich häufiger auf den Weg in die Peripherie. Der Berliner Musiker ist hier Dauergast: Dieses Jahr war er schon mehrmals als Support- oder Hauptact in der Galerie. So auch vor Schneewittchen – den offensichtlichsten Bogen zu den Hannoveranern schlagen die Albentitel. Schneewittchens neustes Werk trägt den Titel „Perlen vor die Säue“, und Sascha Merschs Album den Namen „Perlensau“. War’s das an Parallelen? Der Gestus auf der Bühne ist jedenfalls, im Gegensatz zu Schneewittchens Performance, ungeschönt und fast schon schmerzhaft puristisch. Piano, Stimme, vertonte Gedichte: Die drei Säulen, auf die Merschs Musik sich stützt, tragen mühelos ein ganzes Schloss voller verborgener Schätze, dunkler Winkel, Abgründe und Prunk. Jenseits von verklärter Romantik und allegorischem Kitsch tut sich so eine neue Welt auf, die den Zuhörer ganz in ihren Bann zieht – oder ihm einen Schrecken in die Glieder jagt. Sascha Mersch ist das egal, er singt, schlägt das Piano, als gäb’s kein morgen, und liefert eine Show ab, die nicht nur durch ihre Ehrlichkeit überzeugt, sondern auch durch eigenwilliges und avantgardistisches Songwriting. Eine Klammer um seine eigenen Kompositionen bilden am 27. November zwei Coverversionen: Als Einstieg gibt es „Please Please Please Let Me Get What I Want“ von den unvergleichlichen Smiths, und zuletzt wagt er sich an David Bowies „Five Years“. Was für ein Set!

Um die Musik von Marianne Iser und Thomas Duda, die nun schon seit einigen Jahren unter dem Namen Schneewittchen bekannt sind, zu verstehen, muss man sie wohl live erleben. Denn die Präsenz des Duos auf der Bühne geht weit über das hinaus, was Mariannes Stimmgewalt an Möglichkeiten ohnehin schon bietet. Ob es so etwas Esoterisches ist wie Aura, etwas Märchenmagisches oder schlicht eine großartige Performance: Vom ersten Ton an fesseln Schneewittchen das Publikum, Marianne tanzt, singt, schreit, flüstert, mal schrill, selten nachdenklich, aber immer mitten aus dem Herzen. Ein authentisches Kunstwerk, lebend und pulsierend, im Korsett verschnürt wie ein großes, lautes Geschenk. Bei „Perlen vor die Säue“, dem Titelstück des besagten aktuellen Albums, verlässt sie die Bühne und konfrontiert das Publikum aus nächster Nähe. Sie zerreißt eine Perlenkette und wirft den Schmuck mit aufreizender Nonchalance ins Publikum, ein Akt, der in etwa widerspiegelt, was Schneewittchen vom großen Reibach halten. Bloß weg damit – nicht verrenken, sondern verschwenden, keine „süße, süffige Seichtigkeit“, dann lieber süffisant an die eigenen Träume klammern. Und in der Tat werden alle sich aufdrängenden Vergleiche mit Rosenstolz oder auch Nina Hagen hinfällig, denn Schneewittchen sind einfach nicht im gleichen Maß massentauglich. Der Spaß an der Provokation ist nicht gespielt, sondern scheint aus tiefster Seele zu kommen. Kein Wunder also, dass mit Liedern wie „Kaltes Hannover“ immer wieder bittere Sozialkritik durchschimmert. Die beiden Musiker haben ganz offensichtlich keine Angst, sich die Finger zu verbrennen, bringen Themen wie Sadomasochismus oder Genderbending aufs Tapet, als wär’s selbstverständlich, und haben in der Vergangenheit eine ganze Reihe Performances mit suizidgefährdeten Frauen auf die Beine gestellt. Bei so viel glaubhafter Offenheit wäre es eine Schande, wenn das Publikum nicht an Schneewittchen festhielte wie der holde Königssohn an seiner angebeteten Märchenprinzessin. Ein märchenhaftes Happy End gab’s in jedem Fall, haben Schneewittchen doch mit zwei neuen Liedern in der Zugabe die Vorfreude auf alles geweckt, was da noch kommen mag.

Schneewittchen bei MySpace: myspace.com/schneewittchenvonhannover
Schneewittchen offiziell: www.schneewittchenmusik.de

Sascha Mersch bei MySpace: myspace.com/saschamersch
Sascha Mersch offiziell: www.sascha-mersch.de

theARTer Galerie im Netz: www.thearter.de

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