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Rotzig, rosig, romantisch, rockend – der persönliche Ohrenschmaus 2010

30. Dezember 2010

Diese Liste erhebt nullkommanix Anspruch auf Vollständigkeit, sondern gibt nur meine eigene beschränkte Sicht auf ein ganz besonders buntes Akustikjahr 2010 wieder; wobei man aber durchaus von einem Ranking sprechen kann, wurden etliche dieser Scheiben doch schon an die 50 mal ohne Ermüdungserscheinungen gehört, was bei meiner Menge an Neuanschaffungen und geliehenen CDs durchaus ein ganzer Haufen ist. Am Ende möchte ich dem aufgeschlossenen Hörer den ein oder anderen Geheimtipp natürlich auch nicht vorenthalten…

1. JOHNOSSI – Mavericks

Ich entdeckte sie einst beim Büchereinstellen in unserer Bibliothek. Zu verdanken hab ich diese beiden schwedischen Herren einer jungen Kollegin vom Team „Jugend & Musik“. Beim ersten mal klang „Mavericks“ einfach nur sehr nett, doch schon wenige Durchläufe später machte es Klick. Die Scheibe ist vollgepackt mit Ohrwurm-Melodien, unverbrauchten Kehrtwendungen und einer gesunden Zeitlosigkeit. Wer beim Wort „Indie“ zusammenschreckt, dem kann Entwarnung gegeben werden: So und nicht anders muss das klingen, abseits des ganzen Einheitsbreis, der unter dieser Bezeichnung kursiert. Kurzweilig, abwechslungsreich, süchtigmachend! Kostprobe?

2. HER NAME IS CALLA – The Quiet Lamb

Erst vor kurzem hatten wir „The Quiet Lamb“ im Gespräch: Hier treffen melancholisch-fragile Glasbauten des Post Rock auf schier unkategorisierbare Ausbrüche. Eine Platte, die vor Dynamik nur so strotzt. So richtig wird die volle Akustikbandbreite der hervorragenden Produktion erst auf Platte mit guter Analogausstattung deutlich. Ganz großes, detailverliebtes Ohrenkino mit dem Stück des Jahrhunderts: dem epischen Emotionalbrocken „Condor and River“! Horchen!

3. KOM – Berry White

KOMs „Berry White“ verzückte mich im Mai mit verträumten Minimalmelodien, mit verschrobenem 60er Jahre-Anstrich und seiner effizienten Einfachheit: „Auf KOMs erstem richtigen Album unter dem geschätzten Denovali-Label dreht es sich viel mehr um die leisen, dezenten Klänge. Dreht es sich um den Song in aller seiner Kompaktkeit, zielgenau komponierten Schönheit.“ Sich-selbst-überzeugen…

4. ROSE KEMP – Golden Shroud

Kaum eine Musikerin rotzt dermaßen auf Konventionen wie die Tochter der beiden Folkrock-Ikonen Maddy Prior und Rick Kemp von Steeleye Span. Waren ihre ersten Veröffentlichungen „Glance“ und „A Hand Full of Hurricanes“ noch sehr dem singer-songwriterischen Lied verschrieben, gesellten sich auf „Unholy Majesty“ tiefe Abgründe zur wohltemperierten Folk-Vergangenheit. Stark verzerrte Telecaster-Teppiche zerfetzten Harmonien, gewoben aus einer ganz ureigenen Dramatik. Auf „Golden Shroud“ sind nun Doom und Sludge in äußerst ruppiger Manier noch stärker vertreten, gebären Gänsehäute und tanzen umher mit selbstironischen Madrigalen, mehrstimmig aufgetischt von der jungen talentierten Dame höchstselbst und alleinig. Sich-wagen.

5. THE OCEAN –
Heliocentric / Anthropocentric

Hier haben wir es mit einem ganz besonders ambitionierten Doppelpack zu tun. Das Konzept-Epos „Heliocentric“ knüpft nahtlos dort an, wo das The Ocean Collective mit seinen vielen Gastmusikern anno 2007 mit „Precambrian: Proterozoic“ aufgehört hat: bei cello-, glockenspiel-, jazz- und pianoveredeltem Schwermetall und Themen, die die Welt bewegen… oder um die sich die Welt bewegt, denn auf „Heliocentric“ geht es, wie der Name schon suggeriert, um das heliozentrische Weltbild und die Probleme, die eine solche Weltanschauung zu Zeiten des aufkeimenden Christentums mit sich brachte. Beim ersten Teil dieser Doppelveröffentlichung konnte der dramatische Stoff würdig umgesetzt werden. Ein paar Abstriche gibt’s für den zweiten Output „Anthropocentric“, der leider nicht mehr gar so filigran durchdacht ist wie das nahezu perfekt durchkomponierte „Heliocentric“. Inhaltlich geht es hier um den „Menschen in der Mitte“, das Christentum und dessen Alleingültigkeitsanspruch und Dogmatik. „Anthropocentric“ klingt daher wütender und direkter, macht aber das erste Album dadurch auch erst komplett – musikalisch als auch optisch, denn in Sachen Aufmachung und Verarbeitung gibt es ganz besondere Pluspunkte: Hier wurden vom Bandkopf Robin Staps und seinem Label Pelagic Records extrem wertige CD- und vor allem Vinyl-Boxen kreiert: mit D-Seiten-Gravuren, Drehscheiben-Gimmicks, Kärtchen für die Lyrics und an sich auch schön schweren, audiophilen 180g-Scheiben in hübschen Gatefolds. Anhimmeln.

6. THE FLYING EYES – The Flying Eyes

Hierbei handelt es sich eigentlich um eine 2009er Veröffentlichung, aber The Flying Eyes sind DER Geheimtipp für alle wahren Rockjünger, die noch immer dem Tod Jim Morrisons hinterhertrauern. Sänger Will Kelly klingt dem alten Doors-Haudegen nämlich so verblüffend ähnlich, dass man kurz mal auf den Kalender schauen muss: Jepp, immer noch (oder schon?) 2010… Aber nicht umsonst veröffentlichen The Flying Eyes, die dieses Jahr auch auf der Hippie Convention Burg Herzberg auftraten, beim Label „Trip in Time“. Der Labelname ist also Programm bei den Jungspunden aus Baltimore, die mich auf einer Show im August gänzlich weggefegt haben. Mitfegen!

7. ATHEIST – Jupiter

2009 und 2010 waren die Jahre des technischen Metal. Nach Cynics glanzvoller Rückkehr im vergangenen Jahr können nun auch Atheist endlich wieder eine Platte vorlegen. Nach 17 Jahren! Umso brachialer zeigt sich „Jupiter“: ein Death/Thrash-Feuerwerk der höchsten Güte, das sich sogar mit einigen Einflüssen aus dem Black Metal umgibt; man höre da nur einmal den Beginn von „Fictitious Glide“; auf Genregrenzen können Kelly Shaefer und seine teilweise neuen Kumpanen nur pfeifen. Auf dem Böllerthron sitzt nach wie vor Steve Flynn und liefert hier auf Album Nummer vier mit Abstand seine abgedrehteste Leistung ab. Nach knapp 33 Minuten ist der chaotische Spuk auch schon vorbei, Atempausen gibt es nicht. Trotz dieser Rotzigkeit und Shaefers typisch zugedröhnt klingenden Gefauche umgibt auch „Jupiter“ wieder eine gewisse Ästhetik, die nicht zuletzt auf die Symbiose Artwork/Textwerk zurückzuführen ist. Atheist waren noch nie eine Band banaler Worte und so hauen sie auch 2010 wieder gleichermaßen in Magengrube und Gewissen. Hmpf!

8. WUTHERING HEIGHTS – Salt

Ich weiß nicht warum diese Band auch mit diesem starken fünften Album noch nicht die verdiente Aufmerksamkeit in Metalkreisen erlangen konnte, trällert doch nun schon zum dritten mal der einzig legitime DIO-Nachfolger, Nils Patrik Johansson bei dieser dänisch-schwedischen Truppe und tut dies hier meiner Meinung nach sogar noch viel besser als bei seiner Hauptgruppe Astral Doors. Bandkopf Erik Ravn zeigt sich auf diesem poetischen Seefahrer-Konzeptalbum mal wieder als ideenreicher Supersongwriter mit einem erstklassigen Händchen für griffige Melodien und verspielte Details. Wuthering Heights machen kurzum bezeichnet epischen Progressive Speed Folk Power Metal, am ehesten noch in die Blind Guardian-Ecke passend. Unbedingt antesten.

9. BLACK MOUNTAIN – Wilderness Heart

Ähnlich retro wie The Flying Eyes sind die Kanadier BLACK MOUNTAIN. Ein Tütchen Hendrix, ein bisschen Jefferson Airplane und eine Neil Young’sche Schwerfälligkeit. „Wilderness Heart“ ist raubeiniger als ihr Vorgänger „In the Future“: direkter, verschrobener, weniger psychedelisch aber auch viel unwiderstehlicher, weil enorm groovend („Rollercoaster“) und lässig („Buried by the Blues“), bisweilen sogar floydig-balladesk zu „Wish Your Were Here“-Zeiten („The Space of Your Mind“) oder punkig-motöresk („Let Spirits Ride“)! 😀 Vielleicht sind ja dem ein oder anderen auch die kongenialen Hammers of Misfortune geläufig? Bei der Ballade „Radiant Hearts“, das Gesangeswechselspiel zwischen Stephen McBean und Amber Webber kommt hier bestens zum Tragen, wurde ich angenehm an jene Heavyprog-Kapelle erinnert…

10. SLOUGH FEG – The Animal Spirits

…der einst auch die markante Stimme von Mike Scalzi beiwohnte. Seit jener aber nicht mehr bei den Hammers weilt, ist er mit seiner Hauptband Slough Feg umso aktiver und haut beinahe jährlich ein urwüchsiges Hammeralbum nach dem nächsten raus. Die neueste Scheiblette verbindet dabei hervorragend die rock’n’rollige Luftigkeit der letzten beiden Alben mit der glorreichen Epik der früheren Werke als noch das „The Lord Weird“ vorm Bandnamen stand. Den edlen Esel gesattelt und heldenhaft die Faust gen Himmel gereckt bei Hymnen wie „Kon-Tiki“! Und ab!

Unbedingt auch erwähnt werden muss die neue Veröffentlichung des Altmeisters Neil Young, „Le Noise“, nur gerüstet mit Stimme und Gitarre. Zeitlos gut, nur die elektronischen Dumseleien von Mr. Lanoise hätte man sich auf dieser Scheibe sparen können. Und war diese Top 10 hauptsächlich von E-Gitarren geprägt, ich habe mich auch dieses Jahr wieder an vielen nichtrockenden Tönen ergötzen können: Katie Melua, Brett Detar, Nik Bärtsch’s Ronin oder Antony and the Johnsons seien da genannt.
Und trotz des besonders früh einsetzenden und beständigen Winters konnten mich anno 2010 nur eine handvoll Schwarzmetallkapellen überzeugen: Alcest, Drudkh und nicht zuletzt Negură Bunget.
Enttäuschungen gab es in gewisser Weise natürlich auch. Von Fejds neuem Album „Eifur“ habe ich mir ehrlich gesagt mehr (neues) erhofft, da war zu viel aufgewärmtes, schon so etwas wie eine kleine Routine und zu viele neu aufgenommene ältere Stücke, die in ihrer Urfassung eh irgendwie besser klangen. Auch gibt es Metalbands, in Vergangenheit durchaus als Lieblingsbands zu bezeichnen, die drehen sich mittlerweile ein bisschen im Kreis (Blind Guardian, Nevermore, Astral Doors…) oder veröffentlichen ganz und gar nur noch Schrott, allen voran meine bis dato so geschätzten Elvenking, die sich selbst vom kreativen Folk Power Metal zum oberflächlich-peinlichen Emo-AOR degradiert haben. Von Arcade Fires „Suburbs“ war ich auch recht enttäuscht: zu klinisch-kalt, leider kein zweites „Funeral“.

Leider noch keine Hörgelegenheit hatte ich unter anderen für:
– 40 Watt Sun, dem Nachfolgeprojekt von Patrick Walker, dem ehemaligen Sängergitarristen der UK-Doomgötter WARNING
– die neuen Funkfreuden vom Knallkopp JAMIROQUAI
– das Reunion-Album von KILLING JOKE
– ENSLAVED… kurz reingehört, für gut befunden und irgendwo auf der Einkaufsliste verschütt gegangen…
– AGALLOCHs „Marrow of the Spirit“, wurde just veröffentlicht und sollte eigentlich auch bei jedem Freund herbstwinterlicher Metalklänge im Einkaufskorb liegen…

Zwei Ohren sind eindeutig zu wenig für eine Rübe… Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben!

Worauf ich mich im Jahr 2011 schon freue?
Auf mein erstes Burg Herzberg Festival, auf die Psychotic Waltz Reunion Tour im März, auf Kohle für die DIO- und Rolling Stones Vinylboxen, auf die schon längst überfällige und bereits bezahlte Negură Bunget Holzkiste von „Vîrstele pămăntului“ mit echter transsilvanischer Erde, auf „Saivo“ von Tenhi, das neue Disillusion Album und natürlich ganz viele schöne Neuentdeckungen und Empfehlungen!

2 Kommentare

  1. die eins kann ich bestätigen. aber auch nur weil ich die vier nicht kenne! tolle wurst, und nu? und überhaupt, das burg herzberg fällt aufs dong-wochenende, und nu? und überhaupter: coole story!

    #2956
    • Rose Kemps Golden Shroud ist echt heftig. Kann man über sie selbst bestellen; ganz in DIY-Manier hat sie sogar die ersten Bestellungen selbst gebastelt, mit Stoffhülle und Wachssiegel und so…

      Dieses Jahr brauch ich mal was Neues, getreu unserer Rubrik „Auf zu neuen Ufern“; Burg Herzberg ist von daher gesetzt und Urlaub hab ich auch schon. :)

      Und du, mach mal wieder was Fotomusikalisches!

      #2963

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