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Room with a view…

6. Oktober 2007

Irisches Tagebuch 2.0

Das Fensterbrett hat genau die richtige Höhe, um bequem die Ellbogen aufzustützen, holt man sich einen Stuhl heran, um darauf zu sitzen; hat genau die richtige Tiefe, eine Tasse Tee daraufzustellen, kocht man sich eine um jeden Morgen und Abend dem geschäftigen Treiben dieser irischen Tankstelle, keine 10 Meter weg von diesem Fensterbrett, Diesel 1,01.7€, Unleaded (bleifrei, 96 Oktan) 1,07.7€, beobachtend beizuwohnen. Heute aber ist der Laden mehr oder weniger geschlossen, wie schon gestern und gut zwei Wochen davor. Renovierarbeiten im Costcutter-Shop. Der Nachtschalter hat nun trotzdem tagsüber geöffnet. So langsam spricht es sich herum, dass die Amber Petrol Station – „Always better pices“ – doch noch nicht auf dem Trockenen hockt. Und so hat die Geschäftigkeit an der Zapfsäule schon bald wieder das gut besuchte Normallevel erreicht…

Der Ire braucht sein Auto. Er fährt damit zur Arbeit – jeder einzeln – benutzt es als Einkaufstüte bei Aldi und Lidl und schafft damit seine Kinder zur Schule. Die jungen Iren – hierzulande gekleidet in dunkelgrün-bordeauxfarbene, modern-legere Schuluniformen – sieht man jeden morgen um kurz vor 9 (!) aber auch zu Fuß zahl- und wortreich die Schule aufsuchen. Bald werden sie wieder beim Costcutter-Shop Halt machen, um sich mit Chocolate Bars und Energydrinks als Ersatz für ihr versäumtes Frühstück einzudecken. Neben Grün-Bordeaux erblickt man auch das stockgestützte, von der typisch irischen Kappe behütete Braun und Grau der alten Herren, die Freizeit- und Hochschuljugend trägt selbstbewusst Jogginghosen, darüber Trikots und Sweatshirts der lokalen Sportclubs, männlich und weiblich gleichermaßen. Und hat man auch nur eine niedere Funktion im Dienste der Hochschule inne: Ein „Staff Member“-Schriftzug auf dem Rücken ist immer schick. Die Damen und Herren mittleren Alters sind von ihren europäischen Kontinentalkollegen kaum zu unterscheiden. Gut, von schlechten Geschmack und britischer als man zugeben mag zeugt das Paar Beine, welches die Strapazierfähigkeit des Leggings-Stretchmaterials auf ihre Grenzwertigkeit testet. Doch die Frau, die auf diesen Beinen schwitzt, ist froh und munter ins Gespräch mit ihrer poshen Mitläuferin vertieft – wie alle Iren wirkt auch sie etwas freundlicher und geselliger als der EU-Durchschnitt.

Das Tanken jedoch ist auch in Irland das große Schaulaufen. Da darf nichts falsch gemacht werden. Schon die korrekte Einfahrt ist von höchster Signifikanz: Peinlich, wer sich zwischen Auto und Tanksäule quetschen muss, nachdem der Leib mühevoll durch den Türspalt der rechten Autoseite buxiert wurde. Auch eine zu große Distanz lässt sich nur sehr unschön mit mit einem weit ausgerollten Tankschlauch überbrücken. Für den armen Fahrer beginnt ein zeitweises Martyrium: Fließe das Öl doch nur schneller und befreie es diesen Unfähigen von der Pein augenbrauengehobener Blicke. Der aufmerksame Blick auf dem Eurozähler wäre dann noch umso wichtiger. Ein wenig Trost verschafft in solch einer prekären Situation das genaue Treffen eines runden Eurobetrages, für jeden stets ein kleiner ungesehener Erfolg, zudem zu nichts Nutze, da man ja doch wieder mit Karte bezahlt, und dem schwarzen Magnetstreifen ist es egal, wie viel ein 50-Euro-Schein oder 500 10-Cent-Stücke wiegen…

Was außerdem sehr blöd aussieht, ist das ständige Hin- und Her-Gaffen zwischen Einspritzdüse – damit auch ja kein Tropfen verlorengeht – und Zähler, meist mit gerümpfter Nase und offenem Mund geziert. Ein Klassiker ist auch der auf dem Autodach vergessene Tankdeckel. Erstaunlicherweise ergaben meine Beobachtungen, dass alle Deckel bei einer noch so ungrazilen Anfahrt eines L-Fahrers – der rote Letter brandmarkt die vielen „Learner“ auf Irlands schmalen, gewundenen Straßen – auf dem Autodach liegen bleiben. Das Gegenstück zum flüchtenden Deckel stellt jener dar, der sich vom Auto gar nicht erst lösen möchte. Neulich, eine junge korpulente Frau: dreht und rupft am Deckel herum, nichts bewegt sich, scheu schaut sie sich um, ob es keiner gesehen hat. Nach einem weiteren schweißtreibenden Versuch gibt die Dame auf und flüchtet sich rasch wieder in ihren Wagen. Sehr unirisch, nicht einen starken jungen Mann nach Hilfe zu fragen. Am Ende ihrer physischen Kraefte, mut- und spritentleert und schamerfüllt lässt sie den Motor aufheulen und zieht reifenquietschend davon…

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