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Robin Staps spricht über THE OCEANs „Precambrian“

14. Januar 2008

Mit „Precambrian – Proterozoic“ hat das 26-köpfige(!) Berliner The Ocean-Kollektiv für mich definitiv eines – wenn nicht DAS! – Album des Jahres 2006 geschaffen (Rezension siehe LINK): Was durch die Auflistung der ersten geologischen Perioden unseres Planeten (diese bildet sozusagen die Tracklist) zunächst menschenfeindlich anmutet, stellt sich im Laufe dieses Albums immer mehr als Seelenspiegel einer finsteren Phase des Kollektivkopfes Robin Staps dar. Jener gab noch einmal ausgiebigst Feedback zu dieser Reise durch eruptive Gefühlsausbrüche und fragile Geständnisse eines geplagten Gemüts…

Katrin: Sind irgendwie Geologie-/Geographiestudenten unter euch oder woher rührt das Interesse an der Materie Praekambrium? Wie kam es zu dieser Idee?

Robin: Ich bin tatsächlich Geograph und habe mich im Rahmen meines Studiums schon mit der Thematik auseinandergesetzt, von daher war nicht viel zusätzliche Recherche notwendig… Die Idee für das Konzept kam mir, als ich versucht habe, mir die Musik zu visualisieren. Dabei kamen mir immer Bilder von glühender Lava, endlosen schwarzen Basaltfeldern und Vulkanausbrüchen in den Sinn. Ein Album über die ersten, frühen Tage der Erde, als sich ebensolche Szenarien zugetragen haben, lag also nahe. Mutter Erde war damals ein furchtsamer Ort, wo es nicht viel mehr gab als Vulkane, giftige Gase und durch die Luft fliegende Steine… Leben gab es keines, nicht einmal Sauerstoff, geschweige denn eine Atmosphäre… während des Proterozoikums kühlte sich die Erde allmählich ab, die Atmosphäre baute sich auf und erste simple Lebensformen entstanden in den Urozeanen. Diese ganze Entwicklung haben wir versucht musikalisch darzustellen – Der ‚Hadean / Archaean‘ Teil des Doppel-Albums ist rauh und brutal und setzt dort an, wo ‚Aeolian‘ aufgehört hat – einfache Instrumentierung, kurze Stücke, relativ simple Arrangements. Der ‚Proterozoic‘ Teil des Albums ist dahingegen wesentlich vielschichtiger und komplexer, dabei zurückgenommener und breiter… immer noch sehr heavy über die meiste Zeit, aber mit viel Platz zum Atmen zwischen den Vulkanausbrüchen…

Katrin: Inwieweit muss man Nachforschungen über diese dunklen Zeiten betreiben, wenn man diese vertonen möchte? Wochenlang in der Zentral- und Landesbibliothek einquartiert oder hat man sich eher vom reinen Gedanken an das Ungewisse unserer Urzeiten inspirieren lassen?

Robin: Wir haben ja jetzt nicht linear versucht, das zu vertonen, die eigene Vorstellung der Zustände während des Präkambriums sollte eher Inspiration sein und das Gesamtkonzept Anreiz für eine konsequente musikalische Evolution von der EP zur Full-Length hin. Ansonsten hatte ich ja schon berichtet, dass ich mit der Materie durchaus schon vorher vertraut war. Das Konzept stellt einen Rahmen dar, nichts weiter. Wir wollten die Songs in einen übergeordneten Kontext einreihen und dabei vermittels Konzeptidee, Artwork und Packaging eine gewisse Stimmung, einen Eindruck vermitteln. Wer das mitmachen möchte ist herzlich eingeladen, aber die Musik kann auch für sich stehen, ohne dass man viel über das Präkambrium weiß. Das war uns wichtig, dass dabei nicht irgendein total verkopfter Scheiß bei rauskommt, der am Ende keinen interessiert.

The Ocean - “Precambrian” (Proterozoic)Katrin: Nun kann man neben dieser Ursuppe und ihrer menschenfeindlichen Entwicklung im Laufe der Jahrmillionen dem „Proterozoic“-Album auch mehr als nur eine deutlich humane Note entnehmen. Ich denke da zum Beispiel die wirklich berührenden Einlagen eurer klassisch ausgebildeten Sänger/innen eine weise gesprochene Passage eines Kevin Spacey über Ideale und die Textzeilen im Booklet, die deutlich von menschlicher Natur sind und keine chemischen Formeln über die Zusammensetzung der Atmosphäre im Rhyacium darstellen… Wie kommt es also dazu, vor allem thematisch so scheinbar krass gegensätzlich zu agieren? Der Musik tut das meiner Meinung nach nicht im Geringsten einen Abbruch, im Gegenteil: An dieser Stelle ein Riesenlob an die große musikalische Vielfalt auf „Proterozoic“ (als Pressemensch bekam ich leider nur die eine CD…), ich liebe diese fetten Gitarren- und Brüll-Eruptionen inmitten einer liebevoll halbakustischen Landschaft!

Robin: Dangeschön. Wir sind dem Konzept in textlicher Hinsicht nicht zu 100% treu geblieben. Das hat den einfachen Grund, dass es wenig Sinn macht, ein 90-minütiges Doppelalbum über brodelnde Lava und durch die Luft fliegende Steine zu schreiben, oder minutenlang chemische Formeln zu brüllen… wobei, der Gedanke hat schon wieder was… Carcass haben das ja damals mit medizinischen Begriffen ganz ähnlich gemacht 😉 Nein, wenn Musik emotional sein und Menschen erreichen will, muss sie, direkt oder indirekt, menschliche Belange thematisieren. Es finden sich durchaus noch Referenzen und Anspielungen auf die Urzeit in den Texten, aber zentrales Thema sind hier andere Dinge.

Katrin: Da ich die Mini-CD eures Doppelalbums nicht kenne, ist hier euer Raum, ein kleines Review dazu zu verfassen… Objektivität bitte! 😉

Robin: äähh…
mit ‚Hadean / Archaean‘ knüpft das Berliner Ozeankollektiv nahtlos dort an, wo der liebenswerte Zusammenschluss um Band-Hitler Robin Staps mit dem Vorgängeralbum ‚Aeolian‘ aufgehört hat: wuchtige Gitarrenriffs, die wie brodelnde Lava in glühender Hitze über den unbescholtenen Hörer kleckern. Eruptives Drumming und geysirhafte Vokal-Ausbrüche lassen erleben, wie es gewesen wäre, durch die nichtvorhandene Atmosphäre des Archaikums geschleudert zu werden. Das Songwriting ist etwas zurückgenommen, die Parts sind in sich teils sehr komplex, die Gesamt-Arrangements aber verglichen mit dem zweiten Teil des Doppelalbums eher überschaubar gehalten. Die von Streichern getragenen orchestralen Parts, welche auf ‚Proterozoic‘ dominieren, fehlen hier völlig. Stattdessen wird eine eher Metal-traditionell instrumentierte Dampfwalze geboten, die Dich in ihrem rauhen Sound überfährt wie ein entgleister Güterzug. Natürlich nur dann, wenn Güterzüge gleichzeitig Dampfwalzen sein könnten.

Katrin: Haha, klingt super! Auf eurem Albumpackage ist deutlich und auch sehr schön geschrieben, dass ihr euch ganz gern von Myspace distanzieren wollt … Nun stößt man im Web aber auf eine Myspace-Seite, die da www.myspace.com/theoceancollective heißt… Auflagen vom Label oder Initiative der Band?

Robin: Das ist natürlich unsere eigene Entscheidung. Generell haben wir kein Problem mit Myspace – die Grundidee ist für Musiker und Bands großartig, eine Art kostenloses Promotionswerkzeug, mit dem man tausende von Menschen erreichen kann, ganz ohne auf Plattenfirmen und Budgets angewiesen zu sein. Leider ist Myspace heute aber nicht mehr bloßes Mittel zum Zweck, sondern wird mehr und mehr zum Selbstzweck. Man fragt sich, warum man noch einen fünfstelligen Betrag für ein wirklich gutklingendes Album ausgeben soll, wenn die Suche für viele bereits da endet: bei den 4 Songs pro Band, die man auf Myspace geboten bekommt, in miserabler Streaming-Qualität. Es gibt heute ein so breites Angebot an kostenloser Musik, dass es verlockend ist, weiterzuklicken zur nächsten Seite, wo es wieder 4 Songs umsonst gibt… So hat man den ganzen Tag Musikbeschallung, ohne sich mit irgendetwas näher auseinanderzusetzen. Genau darüber hat Adorno (allerdings in Bezug auf das Radio) in seinem Kulturindustrieaufsatz in der Dialektik der Aufklärung geredet, wenn er von ‚Dreingabementalität‘ spricht… Es wird so viel angeboten, dass wir von der amorphen Angst vefolgt werden, irgendetwas zu verpassen, wenn wir nicht alles mitnehmen. Mit seinen Thesen zur Wiederkehr des Immergleichen hat sich Adorno geirrt, es gibt heute ein stark diversifiziertes Kulturagebot, dennoch ist der Aufsatz unvermindert aktuell. Was essentiell leidet unter dem Siegeszug von Myspace ist nicht bloß alles, was bei der verkürzten Aufmerksamkeitsspanne des Konsumenten nicht wirken kann: die Musik selbst, welche sich daran orientiert, unterwirft sich dem Anspruch des Mediums. Das sehen wir heute allerorten: Bands versuchen, den perfekten Song zu schreiben, und verschwenden kaum einen Gedanken daran, ein Album zu machen, was mehr ist als eine lose Ansammlung von ein paar guten und ein paar nicht so guten Stücken. Wer das Album dann tatsächlich kauft, ist enttäuscht darüber, dass es bestenfalls wirklich nur 3-4 gute Songs in liebloser Verpackung sind, und fragt sicht, was er gegenüber dem Download denn nun tatsächlich mehr geboten bekommt. So schließt sich der Zyklus, der Konsument kehrt längerfristig zu Myspace und Utorrent zurück und das Album stirbt aus… Kann sein, dass ich hier ein wenig schwarzmale, es wird natürlich immer Künstler geben, die sich den gängigen Mechanismen der Kulturindustrie bewusst oder unbewusst widersetzen. Es ist aber wichtig, darüber zu sprechen, und vor allem zu handeln, und aus diesem Grund bieten wir ein opulentes Konzeptdoppelalbum an in einzigartigem Packaging, was den Hörer eher überfordert, als unterfordert…

Katrin: Ihr arbeitet ja nun immer mit sehr vielen Leuten zusammen. Wer gehört denn nun zum festen Line-up und wie gestaltet sich die Arbeit mit dem „Collective“?

The Ocean 2006Robin: Es gibt eigentlich kein festes Line-up mehr, nur einen mehr oder weniger festen Kern bestehend aus unserem Hauptsänger Mike, Nico, mir und unserem Gitarristen Jona. Wir haben von Anfang an einen festen Kern gehabt und eine Menge weiterer Musiker, die immer hier und da mal mit dabei waren, wie es eben gerade so gepasst hat. Daraus ist dann über die Jahre ein Kollektiv entstanden, was immer größer wurde. Das sind heute überwiegend klassische Musiker, ein paar Jazz-Leute, aber auch Grafik-, Web- und T-Shirt-Designer und Leute, die sich um unsere Live-Videos kümmern und nicht zuletzt auch Freunde, die Crew machen und Roadies oder Fahrer sind, wenn wir auf Tour sind. Allen ist gemein, dass sie nicht unbedingt selber nicht mit uns auf der Bühne stehen aber nichtsdestotrotz einen wichtigen Teil zum Funktionieren der Band beitragen.

Katrin: Ich bin ja nun in Irland und habe keine blasse Ahnung, wie man sich The Ocean auf der Bühne vorzustellen hat… Gebt doch mal bitte ein paar kurze Konzertimpressionen… Vor allem: Wie sind die Live-Reaktionen auf das aktuelle Werk? Ist es nicht schwierig, hieraus einzelne „Songs“ herauszukoppeln oder wird alles in der Abfolge wie auf CD zu hören gespielt?

Robin: Nein, das werden wir vielleicht irgendwann mal machen, aber für den Moment sind es einzelne Stücke, die wir dann natürlich aus dem Gesamtkontext des Albums herauslösen, aber sie immer auch wieder in einen neuen Kontext einbetten – Das ist ja gerade das Spannende, wenn man eine Live-Setlist designt. Wir geben uns jedenfalls immer große Mühe, die Songs mittels Interludes zu verbinden und so für das Konzert einen Gesamtkontext herzustellen. Pausen zwischen den Songs gibt es bei uns nicht, alles fließt. Das ist uns wichtig, weil wir ein Gefühl, eine Atmosphäre erzeugen wollen, die den Hörer immer tiefer einsaugt. Würden wir da songorientiert herangehen, hätten wir das Problem, nach jedem Song immer wieder von vorne anfangen zu müssen. Das wollen wir nicht. Insofern kommen die Songs nicht in derselben Reihenfolge wie auf dem Album, sondern in anderer und dazu noch gepaart mit älteren Nummern vor – Einen größeren musikalischen Zusammenhang gibt es aber trotzdem, nur dass es eben ein anderer ist als auf dem Album. Wie sind die Reaktionen: großartig. Überall nur Jubel und Geschrei, da könnt einem fast mulmig (geiles Wort) werden. Ich habe bis heute noch keinen Verriss gelesen. Kann nur hoffen, dass die Platte nun auch bei Otto Normalhörer ankommt, Ihr Pressefuzzis seid ja immer leicht zu begeistern! Aber von den Mails und Kommentaren, die wir bekommen, ausgehend, sieht das auch alles sehr gut aus…

Katrin: Haha, ja, wenn die Fuzzis von der Schreibabteilung auch immer alle Scheiben kostenlos in die Schuhe geschoben bekommen… 😉 Aber wie hier bei RockZOOM stellen ja grundsätzlich keine Scheiße vor… Und wer vor allem bei der Beschreibung der fließend-interludierten Livertermine Blut geleckt hat, sollte unbedingt einen der kommenden Termine wahrnehmen (The Ocean zusammen mit Victims Trap Them als Support von Rotten Sound):

19.03.08 – DE – Darmstadt – Steinbruch Theater
20.03.08 – BE – Opwijk – Nijdrop
21.03.08 – – TBA – TBA
22.03.08 – DE – Essen – Turock
23.03.08 – UK – Colchester – Arts Centre
24.03.08 – UK – London – Underworld
25.03.08 – NL – Weert – Bosuil
26.03.08 – DE – Hamburg – Hafenklang
27.03.08 – – TBA – TBA
28.03.08 – DE – Berlin – K17
29.03.08 – DE – Rosswein – Juha
30.03.08 – PL – Gdynia – UCHO
31.03.08 – CZ – Prague – Exit Chmelnice
01.04.08 – SK – Ruzomberok – Apollo Club
02.04.08 – AT – Wien – Arena
03.04.08 – – TBA – TBA
04.04.08 – IT – Milano – Garage
05.04.08 – DE – München – Feierwerk

Und bisher ohne weitere Bands:
13.04.08 – CH – Martigny – Le Sunset
14.04.08 – FR – Montpellier – Le Secret Place
15.04.08 – FR – Toulouse/Bordeaux – (tba)
16.04.08 – FR – La Roche Sur Yon/Nantes – (tba)
17.04.08 – FR – Poitiers – Le Confort Moderne
18.04.08 – FR – Arras – Le Pharos
22.04.08 – HR – Zagreb – Mochvara

www.theoceancollective.com

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