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Review: Nicole J. Georges – Calling Dr. Laura

25. April 2013

Machen wir uns nichts vor: Eltern lügen. Jede und jeder kann mindestens eine Anekdote erzählen, die davon handelt, wie unsere Väter oder Mütter in voller Absicht nicht die Wahrheit gesagt haben – meine Anekdote zum Beispiel handelt von einer Flaschenpost, von der ich fälschlich annahm, sie sei auf direktem Wege übers Meer in unseren kleinen Bach geschwommen, zufällig in die Hände meiner Mutter. Die Absenderin war meine Tante. Eine Verschwörung, um mir eine Freude zu machen. Das hat geklappt, bis mir (sehr, sehr viel später) aufging, dass das irgendwie doch zu viel Zufall auf einmal war.

calling-dr-lauraOft sind das Verlegenheitslügen, kleine Flunkereien, Halb- oder Viertelwahrheiten, oder ganz einfach Ironie, die nur Erwachsene verstehen; manchmal aus Bequemlichkeit, manchmal aus dem Impuls heraus, die Kinder, die wir waren, vor zu viel Wahrheit zu schützen. Ist das falsch? Vielleicht. Aber wer sind wir, das zu verurteilen – und ist es überhaupt möglich, niemals nicht zu lügen? Fest steht jedenfalls, dass es ein weiter Weg ist von der Schummelei zur Lebenslüge, und dass es wohl eine Art Spektrum geben muss, auf der einen Seite die Lügen, die okay sind, vertretbar. Die wir womöglich genauso begehen würden, wenn nicht viel drastischer. Und auf der anderen Seite die furchtbaren, unverzeihlichen.

Als Nicole Georges zwei Jahre alt ist, erzählt ihr ihre Mutter, dass ihr Vater gestorben ist. Er hatte Krebs. Sie glaubt ihr – natürlich. Die beiden älteren Schwestern sagen nichts und wahren ihr Schweigen über zwanzig Jahre lang. Nicole wächst mit ihrer Mutter und deren jeweiligem Lebensgefährten auf, der Vater ist nur eine Wunschvorstellung, eine Erzählung, eine Chimäre. Wir erfahren in Nicole Georges‘ autobiografischen Graphic Novel viel über ihre Kindheit und noch mehr über ihre Jugend. Wir lesen von ihrer ersten zaghaften Liebe zu ihrer besten Freundin Verona, von einer problematischen Beziehung zu der Musikerin Radar, gescheiterten Bands und einer kurzen Karriere als Karaoke-DJ, von der Hühnerhaltung in Portland, Oregon, veganem Pumpkin Pie und der Zuneigung zu (sehr liebenswerten) Hunden. Es ist eben auch eine ganz normal verrückte Coming-of-Age- und Coming-Out-Geschichte, eine mit traurigen und finsteren Seiten, gebrochenen Herzen, einem Stiefvater, der weder Nicole noch ihrer Mutter besonders guttut, es geht um Ängste, Einsamkeit und Verlust. Vieles wird auch nicht erzählt, zum Beispiel wie sich Nicole in der Schule gefühlt hat, vor der sie sich so oft gedrückt hat. Manchmal bleibt es bei Andeutungen. Der Fokus der Geschichte liegt auf der Erkenntnis, dass ihre Mutter nicht ehrlich zu Nicole war, und mit der Frage, wie sie damit umgehen kann, dass sie plötzlich nicht mehr sicher ist, wer sie ist – teils, weil sie nicht weiß, wer ihr Vater ist, aber auch, weil sie sich in den Menschen, die sie von allen am besten zu kennen geglaubt hat, getäuscht hat.

Skeptisch wird Nicole, als Verona ihr einen Besuch bei einer Wahrsagerin schenkt. Ihr Vater sei nicht tot, bekommt sie zu hören. Der Mann, von dem sie denkt, er sei es, vielleicht schon – aber ihr echter Vater sei ein ganz anderer. Es ist nicht so, als würde Nicole der Frau, die ihr aus der Hand liest, besonders viel Glauben schenken. Aber sie beginnt, ihre Lebensgeschichte zu hinterfragen, die Geschichte, die ihre eigene ist und die dennoch von ihrer Mutter erzählt wurde, jedenfalls der Teil mit der Herkunft, die Vergangenheit. Halbwahrheiten und das Verschweigen haben eine Tradition in ihrer Familie, und es nicht so, als habe Nicole nicht auch eine Menge größerer und kleinerer Vergehen auf ihrem persönlichen Lügenkonto. Aber was sie erfährt, als sie ihre Familie mit der Frage nach ihrem Vater konfrontiert, stellt das Schuleschwänzen, das Schummeln und das große Geheimnis, das sie ihrer Mutter gegenüber um ihre Homosexualität macht, in den Schatten. Ihr Vater ist nicht der Mann, dessen geschichte die Mutter erzählt hat, immer wieder. Die Frage, weshalb ihre Mutter derart gelogen hat (und sogar die Schwestern dafür gewinnen konnte), wird nicht befriedigend beantwortet – wie könnte sie auch. Nicole ruft in ihrer Verzweiflung Dr. Laura Schlessinger an, eine Radiosprecherin mit einer Ratgebersendung, einem nicht zu verständnisvollen Tonfall und einer rechtskonservativen Einstellung, die nicht gerade Nicoles Naturell entspricht. “Du weißt nicht, wer dein Vater ist, aber er weiß, wer du bist – wenn er dich nicht sucht, dann wohl, weil er es nicht will”. So in etwa lautet Dr. Lauras Resümmee. Nicole folgt Dr. Lauras Ratschlag, Weihnachten mit ihrer Mutter zu verbringen. Trotz allem. Das ist nicht nur ziemlich bizarr, sondern auch ein Beispiel für die absurde Komik, die “Calling Dr. Laura” so liebenswert macht und tief ins Herz der Lesenden vordringen lässt.

Das eigentlich Traurige an dieser Geschichte ist, dass Nicole die Wahrheit nur von zwei Menschen erfährt: von einer Wahrsagerin, die einen Zufallstreffer landet und dafür bezahlt wird, und von einer Radio-„Psychologin“, die für scheußliche Erkenntnisse sogar noch besser bezahlt wird. Die Menschen, die ihr nahestehen, sind auf unterschiedliche Arten und aus verschiedenen Gründen nicht aufrichtig. Es sind viele Enttäuschungen, die sie erlebt. Die Lüge ihrer Mutter mag die schwerwiegendste sein, aber sie steht auch für ein Muster, das sich in der Erzählung ständig wiederholt. Es spricht sehr für die Graphic Novel, dass das bei weitem nicht der einzige Eindruck ist, der bleibt – sondern dass es auch so viel Schönes, Komisches gibt, dass sie bunt und vielfältig ist. Wie das Leben eben so ist: ganz anders. Nicole J. Georges Autobiografie ist “so weird it’s normal”, urteilt auch Beth Ditto und zeigt sich begeistert. Großartig illustriert und entwaffnend ehrlich erzählt, bleibt sie lang im Gedächtnis – auch, weil sie sehr grundsätzliche ethische und moralische Fragen stellt, solche nach richtigem und falschem Handeln, die zumindest ein Stück weit offen bleiben. Wir als Lesende müssen schließlich selbst entscheiden, wo auf dem großen Lügenspektrum die Geschichte von Nicoles Mutter liegt, ob wir verurteilen müssen, wie sie sich Nicole gegenüber verhalten hat, oder ob es selbst dafür noch Entschuldigungen gibt. Ohne etwas vorweg nehmen zu wollen: Die letzten Seiten erleichtern diese Entscheidung.

Nicole J. Georges im Internet:
Website von Nicole J. Georges: nicolejgeorges.com
… und wer nun erst so richtig Lust auf Ratgeber à la Dr. Laura Schlessinger bekommen hat, sollte sich unbedingt auch Nicole J. Georges‘ Blog anschauen.

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