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Review: Hjaltalín – Enter 4

22. September 2013
Hjaltalín - Enter 4

Hjaltalín – Enter 4

Entrückte Emotionen, schlaftrunkenes Wälzen durch soulige Gefilde und die Rückkehr in die eigene Mitte. Hjaltalín bringen ihr drittes Album „Enter 4“ in Deutschland raus. In Island erschien „Enter 4“ bereits Ende letzten Jahres. So kommen wir ebenso in den Genuss dieses vielschichtige Werk mit allen Sinnen erkunden zu können. Ein Unterbringen in Kategorien ist eine undankbare, weil unmögliche Aufgabe. Hjaltalín ähneln einer formlosen Wolke aus Klängen, die von Pop und orchestraler klassischer Musik, über folkige Atemzüge bis hin zu Blues- und Soul-Anleihen alles in sich aufsaugt, um daraus ein geschlossenes Werk zu erschaffen, das kaum einnehmender sein könnte. Högni Egilsson (GusGus) komponierte einen Großteil der Platte während er sich in Therapie befand. „Enter 4“ ist somit das Spiegelbild einer Phase, die unsagbare Höhen und Tiefen einer angeschlagenen Seele reflektiert. Laut eigener Aussage habe das Schreiben der Titel seinen Teil zur Genesung Egilssons beigetragen.

„Lucifer/He Felt Like A Woman“, der Opener gibt sich dann auch richtungsweisend. Die orchestrale Opulenz des Vorgängeralbums „Terminal“ rückt eher in den Hintergrund, „Lucifer..“ wird vor allem durch den Gesang von Sigríður Thorlacius und einer wunderschönen souligen Melodie geprägt. Im Wechsel mit Högni Egilssons wandelbarer Stimme ist das ein Spiel der Gefühle – und die stehen auf „Enter 4“ – Prioritäten-Liste ganz oben. Überhaupt fühlt sich das dritte Werk der Isländer durch und durch weich, anschmiegsam und warm einhüllend an. „I Feel You“, ein Klagelied mit traurigen Streichern und schleppendem Beat geht genauso tief wie das 60s – angelehnte funky „Crack In A Stone“ oder „Letter To..“.

Vielleicht ist es Hjaltalíns Stärke jede Mauer um sich herum unvermittelt einzureißen, bevor sie nicht mehr zu überwinden ist. Musikalische Beschränkungen existieren in ihrer Welt nicht. Die Klangwolke breitet sich schon fast unverschämt in alle Windrichtungen aus, streift mal hier etwas, nimmt es mit, transformiert diese Sounds und Ideen, um daraus etwas unerhört Gutes zu machen. „Enter 4“ braucht einige Durchläufe, und genau das macht die Klasse dieser Platte aus. Scheint sie auf den ersten Blick ein einziges Mosaik aus Texturen, Beats und Soundfetzen zu sein, wird einem letztlich klar wie reduziert und karg die Titel eigentlich sind. Und dennoch entfalten sie eine intensive Größe, die jede Grenze sprengt. Denn Mauern gibt es ja nicht. Ein Meisterwerk, dessen trauriger Grundtenor so schön ist, dass selbst die Sonne zum Wärmen hervorkommt.

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