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radioeins Nacht – mit Dear Reader, Hundreds, Laing etc. @ C-Club / Crystal, Berlin | 08.09.2011

15. September 2011

In der letzten Woche stand mal wieder die Berlin Music Week auf dem Programm. Das bedeutete Rundumbeschallung in sämtlichen Locations der Hauptstadt. Und natürlich fiel es schwer, sich für eine der vielen Veranstaltungen zu entscheiden. Unsere Wahl fiel auf die radioeins Nacht am Columbiadamm. Sieben Bands sollten am heutigen Donnerstag auf den Bühnen des C-Club und Crystal stehen. Für den C-Club war Julia Marcell, Hundreds und Dear Reader angekündigt. Das auf 150 Leute ausgelegte Crystal erwartete New Found Land, Chinawoman, Laing sowie Erik & Me. Beinahe alle Musiker hatten eines gemeinsam. Ihr Lebensmittelpunkt befindet sich in Berlin – bis auf Hundreds, die kamen aus Hamburg angeschippert. Durch den Abend führten radioeins Musikchef Peter Radszuhn, Anja Caspary und MC Lücke. Wer es nicht her nach Kreuzberg schaffte, der konnte zumindest das Radio einschalten und sich den Klängen vom heimischen Sofa aus hingeben, denn natürlich wurden sämtliche Konzerte live übertragen.

New Found Land eröffneten das Event und trafen sogleich ins Schwarze. Das lag an den harmonischen Songs, z.B „Holes“, einer ihrer Radiohits – und sicherlich auch an der schwedischen Frontfrau. Die hatte schon prächtig Deutsch gelernt und gab augenzwinkernde Details preis wie „Diesen Song haben wir neulich auf einer Hochzeit gespielt. Also falls ihr uns buchen wollt?!“ Auf dem Schlagzeug kringelten sich kleine bunte Lichtkugeln, auf dem Keyboard rankten Plastikblümchen, die Leute tauten von Lied zu Lied auf und klatschten am Ende artig in die Hände. Gelungener Auftakt, Applaus! Die will ich auch für meine Hochzeit!

Julia Marcell hatte es da schon schwieriger im viermal so großen Club nebenan. Sie wirkte ein wenig verloren auf der geräumigeren Bühne, auch wenn sie mit großer Mannschaft angerückt war. Mit der aus Polen stammenden Sängerin assoziierte man Kollegen wie Madonna zu Düsterzeiten und Kate Bush. Manchmal traf sie den Berliner Nerv, manchmal so gar nicht. Die Bewegungen wirkten ein wenig holprig und die Ansagen teilweise überflüssig. Hört trotzdem mal in ihr neues Album „June“ rein, das erscheint am 30. September. Vielleicht war die Bühne einfach zu groß!

Die in Kanada geborene Chinawoman mit russischen Wurzeln gab sich zum zweiten Mal binnen einer Woche die Ehre. Anfang des Monats erst begrüßte sie uns im Heimathafen in ihrer dunklen Welt. Wir wussten also bereits, was auf uns zukommen würde: keine große Show, minimales Bühnenlicht, doch unendliche Intensität! Michelle, wie sie eigentlich heißt, hauchte ihre Songs mit tiefer Stimme ins Mikrofon. Woanders war zu lesen, sie wirkte unmotiviert. Natürlich war dem nicht so, ihr stand ja bereits zu Beginn des Sets der Schweiß auf der Stirn. Das Tuch zum Abtupfen von einem russischen Fan nahm sie natürlich dankbar entgegen und murmelte ironisch, dass Unterwäsche auch nicht verkehrt gewesen wäre. Leider wollte sich niemand entblößen! Chinawoman muss man vielleicht zweimal gesehen haben, um ihre Message zu verstehen. Bei uns hat es jedenfalls Klick gemacht.

In atmosphärisches Blau getaucht, schossen Hundreds aus Hamburg ein elektronisches Feuerwerk ab. Die Musik der Norddeutschen lässt sich in die Kategorie „spannungsgeladener Electro Pop“ einstufen. Auf der Bühne tummelten sich vier in Silhouetten gehüllte Gestalten. Im Hintergrund wurde der sphärische Klangteppich ausgerollt. Die beiden im vorderen Bereich das waren die Geschwister Philipp Milner am Klavier und Eva mit der klaren Stimme am Mikrofon: die kreativen Köpfe sozusagen, die ihr Publikum bis in die letzte Reihe zu überzeugen wussten!

Laing. Wir geben mal der Tatsache, zugezogen zu sein die Schuld, dass wir bisher noch nie etwas von dem Electro-Damentrio bzw. Damenquartett plus Drummer gehört haben. Nun ja, so ganz stimmte das dann auch nicht. Ihre Hymne „Morgens immer müde“ schallte natürlich innerhalb der letzten Monate mehrmals aus dem Radio. Ah! Die sind das! Das Gute, ihre anderen Songs sind noch viel besser – sie bohrten sich so herrlich in die Gehörgänge. „Sehnsucht“ fetzte, und „Alles nur geklaut“ klang stilvoll stibitzt. Es machte den Anschein, dass die Mädels geboren wurden, um Menschen zu unterhalten. Ihre Scheinwerfer hatten sie selbst mit dabei und ihre Outfits waren perfekt aufeinander abgestimmt. Farbmotto: Blau in verschiedenen Nuancen für die Kostüme und Rot für die Pumps. Perfekt waren ebenfalls ihre Tanzeinlagen – vielmehr beeindruckend. Und an den Ohren bammelten diese ultragroßen Laing-Letter. Als die Band die Bühne wieder verließ, fühlten wir uns wie weggeblasen! Wieso sind die eigentlich ohne Label?

Als wir Dear Reader aus Südafrika vor gut zwei Jahren das erste Mal in einem Live-Club begegneten, fühlten wir uns verzaubert. Damals war gerade das Debüt „Replace Why With Funny“ erschienen, was irgendwie anders klang als die Alben dieser anderen Indie-Bands. Es erschien frech, eigenständig, Dear Reader hatten auf alle Fälle einen eigenen speziellen Sound erschaffen. Dieser Tage erschien das neue Werk „Idealistic Animals“ und doch ist alles anders als zuvor. Sängerin Cherilyn MacNeil lebt nämlich mittlerweile in Berlin und lediglich ihre Bassistin und Violinistin ist ihr von der alten Besetzung gefolgt. Ihr langjähriger Weggefährte und kreativer Mitdenker Darryl Torr blieb zuhause, und folglich beschloss man musikalisch getrennte Wege zu gehen. Zum Glück haben wir von all dem nichts mitbekommen, sonst hätten wir uns wohlmöglich gesorgt bzw. vielleicht gar nicht damit gerechnet, dass die liebenswerte Cherilyn imstande wäre im Alleingang elf neue – allesamt mit Tiernamen ausgestattete – Songs zu komponieren. Respekt! Und nun stand sie auf der Bühne des C-Clubs. Wehmut kam auf. So viele neue Gesichter. Der Soundcheck war noch im Gange, die Mimik der Sängerin eine skeptische. Als die ersten Töne erklangen, applaudierte die Menge, doch schnell wurde klar, dass sich dieses südafrikanisch/schwedisch/deutsche Neukonstrukt noch ein paar weitere Shows brauchen wird, bis der Funke hundertprozentig überspringen wird. Es fehlten einem ein wenig die gewohnten spaßigen Liebkosungen untereinander, Cherilyn wirkte offensichtlich angespannt. Ein Blitz-Soundcheck und fiese Rückkopplungen später machten es der Band natürlich auch nicht einfach. Vielleicht war die Aufregung aber auch besonders groß, weil Cherilyn ihre Ansagen (nach nur 18 Monaten Berlin) in deutscher Sprache absolvierte. Welcher Nicht-Muttersprachler wäre da nicht nervös?

Wir geben zu, dass wir vor dem Auftritt von Erik & Me nach Hause gegangen sind. Mit Sicherheit zu unrecht. Danke, radioeins für eine glanzvolle Nacht!

>> Zu allen Bildern von New Found Land im Chrystal

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>> Zu allen Bildern von Dear Reader im C-Club

Die Künstler im Internet:
New Found Land: www.new-found-land.se
Julia Marcell: www.juliamarcell.com
Chinawoman: www.chinawoman.ca
Hundreds: www.hundredsmusic.com
Laing: www.myspace.com/mulaingsik
Dear Reader: www.dearreadermusic.com

Selektierte Videos:

http://vimeo.com/27529538

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