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Plattenläden sanieren! – Ein Beitrag zur Plattenladenwoche 2011

9. Oktober 2011

Die Plattenladenwoche ist wie die leise plötzliche Wortmeldung des Schülers aus der letzten Reihe, des verträumten Sitzenbleibers, der nach kurzem Einwand bald wieder im Verborgenen seine Ehrenrunden drehen wird…

Wäre ich nicht vorgestern via DIE ZEIT auf den rillenromantischen Tagesspiegel-Artikel „Rettet die Suchtzentren“ aufmerksam geworden, wäre die morgen startende, hierzulande dritte Plattenladenwoche erneut an mir vorbeigeschrammt. Sie spielt in den Musikwelten des Socia Media nämlich keine besondere Rolle. Nicht mal 400 Facebook-Fans der offiziellen Seite, pff… Mag daran liegen, dass die Plattenladenwoche keine Erfindung „von unten“, also von ein paar enthusiastischen Vinylfans ist, sondern vom Händlernetzwerk all my music bzw. der dahinterstehenden Aktiv Musik Marketing GmbH und Co. KG…

„Unterstützt werden die teilnehmenden Plattenläden von allen Major-Companies, zahlreichen Independent-Labels, Vertrieben und Händlernetzwerken. Vor allem aber von einer breiten Front von Künstlern aus allen denkbaren Sparten, sowohl in Form von Statements und Videobotschaften als auch in vielfältiger Form ganz praktisch, vor Ort, beim Plattenladen des Vertrauens.“ von www.plattenladenwoche.de

Die Major-Companies tauchen zugebenermaßen in der Liste der Partner gleich zu Beginn auf. Klar, die wollen über die Läden ganz exklusiv im Rahmen der Plattenladenwoche und auch nur in den teilnehmenden Plattenläden ihre „Limited Editions 2011“ von ihren B-Seiten-Künstlern verticken. Die Indie-Labels muss man leider mit der Lupe suchen. Und werfen wir einen Blick auf diese limitierten Scheiben, so wird ganz schnell klar, dass hier fast ausschließlich die Major-Labels ihre Finger im Spiel haben: Dick Brave… war das nicht? Richtig, Sasha hieß der mal und hatte Ende der Neunziger die Gehörgänge aller mit fürchterlichen Plastikpopnummern ausgespült. Derzeit hält sich Sascha Schmitz mit seinen Backbeats als Retro-Rock’n’Roller über Wasser. Hmm, wenn ich mir diese Liste so weiter anschaue, dann ist gerade mal das Graveyard-Vinyl wirklich was wert… wobei Picture Vinyl ja auch eher Spielerei und einem besseren Klang nicht unbedingt zuträglich ist. Mehr Veröffentlichungen vom Indigo-Vertrieb bitte! Und dann gibt’s da noch einige CD-Veröffentlichungen, die kaum ein Mensch braucht, geschweige denn PLATTEN-Fans. Aber gut, der Buchhandel hat auch ja schon lange nicht mehr nur Bücher…

Werfen wir also mal einen Blick in die Plattenläden dieser Nation und fangen gleich mal vor der Haustür an. Schließlich sind ja auch im Rahmen der Plattenladenwoche ein paar Instore-Konzerte geplant…

Einblick ins Underworld Records, von deren Myspace-Seite geliehen

Einblick ins Underworld Records, Chemnitz
(c) www.myspace.com/underworld_records

„Unser Laden“ in Chemnitz, Underworld Records, der einzig verbliebene der 240.000-Seelen-Stadt, macht bei der Plattenladenwoche auch mit. Naja, zumindest beteiligt er sich an den exklusiven Plattenverkäufen. Ich will nur hoffen dass die Scheiben besser rausgehen als die jahrelangen Ladenhüter, die sich aufgrund heftiger Überfüllung der Plattentröge nur schwerlich durchblättern lassen. Wunde Finger sind das Resultat. Immerhin sind die Jungs rasch, wenn’s mal ums Bestellen von Platten geht, auch wenn’s etwas teurer ist. Bei den Instore-Konzerten macht Underworld allerdings nicht mit. „Kein Platz“, heißt es da. Offensichtlich haben viele Plattenläden vor lauter Audio-Nippes keinen Platz für Unplugged-Konzerte im Store. Schaut man sich nämlich die Konzertauflistung der Plattenladenwoche-Seite an, fällt auf, dass diese äußerst überschaubar ist. Schade eigentlich…

„Es gibt gute Plattenläden. Die sind allerdings auch ohne so eine Plattenladenwoche erfolgreich. Der Grund liegt meiner Ansicht nach in der Kompetenz des Inhabers, Teil des Netzwerkes zu werden, die wirklich guten Platten einzukaufen, und so Sammler an sich zu binden. Ich begrüße es sehr, wenn der vielzitierte Markt die noch immer vielen, miesen Plattenläden verschwinden lässt.“ (Kommentar beim besagten Tagesspiegel-Artikel)

Eine sehr hohe Plattenladendichte findet sich im wunderbaren Leipzig. Leider sind die wenigsten davon auch wirklich gut. Whispers Records auf der Karl-Liebknecht-Straße ist der wohl bekannteste: gut sortiert, Preise in Ordnung, gerät man an den richtigen Typen hinterm Tresen, kann man auch wunderbar über Platten quatschen. Ein wirklich guter Laden, an dem sich viele ein Beispiel nehmen könnten wäre The Needle And The Damage Done, oben drin im Zoro in der Bornaischen Straße: Einen genialeren Namen als diesen Neil-Young-Songtitel gibt es eigentlich gar nicht für einen Plattenladen. Der urige Store bietet eine schöne open-minded-Mischung von Singer-Songwriter, über Sludge und Postrock bishin zu Punk und Hardcore. Gerade in den Zoro-Umbaupausen während der Konzerte ist der Laden immer proppevoll mit treuen jungen Vinylfans. Und wenn man vom ganzen Browsen nicht mehr stehen kann, gibt’s direkt im Shop eine nette Sitzecke und günstige alkoholfreie Getränke. Also: Club Mate geschlürft und weitergestöbert! So stell ich mir einen guten Plattenladen vor: Raus mit dem alten Zinnober! Nicht jeden derb zerschlissenen Secondhand-Hulli entgegennehmen und weiterramschen, vielmehr auf die neuen Independent-Releases konzentrieren und einen Ort zum Verweilen schaffen, ganz nach der Devise:

Sofa, Softdrinks und sonische Genüsse!

…Und vielleicht noch eine Toilette, wenn ich mich schon über lange Strecken hier aufhalten soll. Nicht mehr, nicht weniger. Nein, ich will im Plattenladen kein Bügeleisen kaufen. Ich möchte eigentlich nicht einmal CDs kaufen. Reinhören ist zwar ausdrücklich erlaubt, nur sollten die Leute dort mal hin und wieder ihren Dreher säubern und die Nadel auswechseln…

Aber im Plattenladen allgemein gibt’s immer mal schöne Erlebnisse, die beim Stöbern im Netz so nicht auftauchen. Ich glaube das muss 2008 oder so gewesen sein, da hab ich für nen Zehner das 1990er Debütalbum „A Social Grace“ in der Leipziger Phonothek (oder so ähnlich, gibt’s glaub ich nicht mehr, war damals direkt neben dem Klangkombinat) entdeckt. Der Händler wusste natürlich nicht, dass es sich hierbei um ein echtes Schmuckstück progressiver Metalkunst handelte. Ein echter Glücksgriff! Im Nachhinein bin ich dann aber doch froh, dem Unwissenden in meinem Überschwang keinen Antrag gemacht zu haben, haha…

Quo vadis Plattenladenwoche? Irgendwie gibt’s mal abgesehen von den semiguten Sonderveröffentlichungen noch keine klare gemeinsame Linie, kein verbindendes Element bei der Plattenladenwoche. Vielleicht hätte die Entstehung und Gestaltung einer solchen Festwoche eher transparent und in der Online-Öffentlichkeit stattfinden sollen, statt an den Tischen mit Warner und Co.? Die Idee einer solchen Woche ist nämlich grundsätzlich nicht verkehrt. Aber Plattenladen ist nicht gleich Plattenladen. Das meiste hängt klar vom Händler selbst ab, schließlich haben wir es hierbei immer mit einer Auswahl und Eingruppierung von Musik zu tun. Warum nicht den Fokus vom Laden wegnehmen und auf das wichtigste setzen: nämlich die Musik, die Platten selbst! Dann klappt’s auch besser mit den Indie-Labels. DIY-Artists unterstützen, von mir aus durch Plattenladentouren, immerhin gibt’s ja auch schon Wohnzimmertouren und groß anders wäre das nun nicht! Klar sollte man die Plattenläden im Boot lassen, aber überlegt doch mal was hier das wichtigste ist. Das sind keine Räume, das sind Töne und die Menschen dahinter. Und Vinylkultur lebt nun einmal vom Hybrid-Vertrieb: online und offline… und in letzterem Falle sind das vielleicht auch eher Direktverkäufe auf Konzerten und Festivals, nicht der Einzelhandel.

Viva Plattenwoche!

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