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Opeth und Pain of Salvation @ Huxleys Neue Welt, Berlin | 02.12.2011

7. Dezember 2011

‚Some of you will notice that tonight will be different from any other Opeth shows you have been to so far… Any snipers in the audience?‘

So jedenfalls erkundigt sich Mikael Åkerfeldt, schlagfertiger Frontsonnyboy der schwedischen Progressive Rock/Metal-Institution OPETH beim neuerlichen Konzert im Berliner Huxleys Neue Welt… Und gänzlich anders als gewohnt sollte es in der Tat werden…

Aber was wird eigentlich so ein Heidenwind um das letzte Opeth-Album gemacht? Wurzeln verloren, bla. Alte Fans verraten, blubb. Nur weil es jetzt kein Deathmetal-Geröchel und stattdessen ein bisschen Mellotron und Harmonie mehr gibt? Dabei flüsterte uns zum Interviewtermin im bandeigenen Tourbus Bassist Martin – mittlerweile auch schon seit 1997 dabei und somit das zweitdienstälteste Bandmitglied – dass Opeth sich nach nunmehr 21 Jahren noch immer als Metalband verstehen und die Fans auf den bisherigen „Heritage“-Auftritten auch eher verständnisvoll als feindlich auf die „neuen Opeth“ reagierten…

Martin Mendez: „Die Leute reagieren fast ausschließlich positiv. Es ist uns zwar in Bilbao passiert, dass einer während des ganzen Gigs irgendwelchen Mist gerufen hat, aber das ist wirklich nur einmal vorgekommen. Einige vermissen die Growls, die Deathmetal-Vocals, aber das sind nicht wirklich viele. Es gab durchaus ein paar Leute, die sich sehr beschwert haben, noch BEVOR das Album veröffentlicht wurde, aber uns ist das ziemlich egal; wir spielen was wir wollen, sonst wären wir nicht Opeth. Wir lesen auch nicht wirklich was alles im Internet steht. Den Leuten fällt es immer sehr leicht, die negativsten Sachen ins Netz zu schreiben, aber wenn du die Menschen von Angesicht zu Angesicht siehst, dann argumentieren sie einfach viel umsichtiger.“

Aber ergötzt sich nicht auch eine Band wie Opeth an der ganzen Kontroverse, die „Heritage“ da herausbeschwört!?

Martin Mendez: „Ich liebe das… weil ich eben auch dieses Album liebe. Es ist etwas worüber die ganze Band schon ewig gesprochen hat, noch bevor Mike angefangen hat, den ersten Ton dafür zu schreiben. Es hat auch sehr viel Spaß gemacht, das Ganze aufzunehmen. Ich habe zum ersten Mal mit Drummer „Axe“ live gemeinsam aufgenommen. Der Albumtitel selbst verkörpert all die Einflüsse, die wir über die Jahre hinweg gesammelt haben: Jazz, Folk, Psychedelic… Bereits als wir „Still Life“, mein erstes Album mit Opeth, aufgenommen haben, hörten wir die ganze Zeit Stevie Wonder! Die Einflüsse waren also schon immer da.“

Den Spaß an der Sache hört man dem gesamten Album an. Da knüpfen akustische Mysterien an die geheimnisumwobenen vergangenen Alben „Watershed“ und „Ghost Reveries“ an, chillige Cleanpassagen grooven die „Damnation-Phase“ an die Spitze und hier und da huldigen Querflöte und Hammond-Orgel solch 70er-Jahre-Ikonen wie Camel oder Jethro Tull. Wenn man sich aber mal „The Devil’s Orchard“ anhört, so vernimmt man den wohl „typischsten“ Opeth-Song… zumindest erinnert dieser am meisten an die bisherigen Opeth-Outputs und ist drückender als der Rest auf dem Album. Vielleicht hat man ihn deshalb vor Albumrelease veröffentlicht, damit die alten Fans nicht gar so böse sind, wenn da schon was Neues kommt…!?

Martin Mendez: „Nein. Ich glaube auch nicht, dass der Song sehr typisch ist. Wie ich schon sagte: Wir denken eigentlich gar nicht daran, was die Leute über unsere Musik denken könnten. Okay, es ist einer der Songs, die am meisten „heavy“ sind. Aber ich denke wir haben dieses Stück für eine Vorabveröffentlichung gewählt, weil es der erste Track auf dem Album ist.“

Opeth ist wohl eine Band, der aufgrund ihrer markanten Stimme, ihres drehenden Grooves und ihrer starken Gegensätzlichkeit immer etwas sehr Eigenes anhaften wird. Jedenfalls hat sich dem Berlin-Auftritt nach zu urteilen auch Chefdenker und wieder-einmal-fast-ausschließlich-Solosongschreiber Mikael bis auf die figurliche Verschmalung seiner selbst keinen Deut verändert und war einmal mehr super aufgelegt und einfach aufgrund seiner bescheiden-coolen Art blind wiederzuerkennen:

‚We are Opeth from Sweden. We are a band…‘

Jepp, und die spielt nach wie vor Metal, nicht wahr, Martin Mendez?

Martin Mendez: „Ich für meinen Teil habe lange Haare, Tattoos und werde immer ein Metalhead bleiben. Nur wenn die Leute jetzt keine Growls und Screams mehr hören, heißt das noch lange nicht, dass das kein Metal ist… Metallica, Maiden, das ist ja auch alles Metal… auch wenn sie keine Flöten drin haben, aber das ist ja experimentell. Heutzutage wird Metal fast immer mit Aggressivität gleichgesetzt. Ich verstehe das nicht so recht. Ich mag den alten Kram: Morbid Angel, Metallica, Slayer. Was unsere neuere Ausrichtung angeht: Man könnte halt Heavy Rock dazu sagen.“

Heavy Rock ohne Klischees und Genregrenzen… oder wie es Mikael zwischen den Songs sinngemäß gern sagt:

‚No pyro show, no tits… Maybe we should change the last fact. For my delight, for Martin Mendetttthhh and for Fredrik…‘

Na, abgesehen von solchen kleinen verbalen Sticheleien brauchen Opeth wirklich nicht viel Beiwerk. Schnörkelige Akzente wusste jedoch der noch relativ frische Keyboarder, Moogmann und Organist Joakim Svalberg zu setzen, und das nicht nur an den Tasten: Auch gesanglich rundet der „Bandopa“ die Harmoniepassagen fein ab. Und wie macht sich „der Neue“, der sich ja auch hervorragend mit dem ganzen 70s Stuff á la Genesis, Yes und Co. auskennt, aus Sicht der Band?

Martin Mendez: „Ja, er kennt sich mit dem ganzen Kram sehr gut aus. Er ist auch ein sehr netter Kerl, ein toller Musiker und Sänger zudem. Man wird ihn heute auch stimmlich zu hören bekommen.“

…Und das nicht zu knapp. Schließlich gab der Abend reichlich Grund zu Harmoniegesang und vorwiegend Material des aktuellen Rundlings zu behorchen. Der satte Sound und das fehlerlose, passionierte Können der Schweden lud rundum zum andächtigen Zuhören ein, hin und wieder konnte man sich auch an älteren Stücken ergötzen. Ein Highlight war sicher das etwas verquere Akustikstück „Throat of Winter“, doch auch „Slither“ ging als sozusagen Rainbow-Tributesong sehr gut ab und war wohl der schnellste Song des Abends ohne große Kurven, aber mit viel Spaß in Bauch und Beinen. Zwei kleine Sachen könnte man aber an der Show bemängeln:

a) Das Drumsolo nach „Porcelain Heart“ hätte man gut für eine Pinkelpause nutzen können…

b) Wer die neuen Songs von „Heritage“ noch gar nicht kannte, konnte mitunter das ein oder andere Problem bekommen, dem Geschehen aufmerksam zu folgen. Zwar war der Sound des Abends fulminant: klar und dennoch druckvoll, aber es war halt jetzt nicht unbedingt was zum Abgehen und Austicken. Gucken, Gehen- und Treibenlassen, sowas müssen die Metalheads eben noch lernen…

PAIN OF SALVATION sind bei ihrer Opening-Show da übrigens schon eher in die Entertainment-Richtung gegangen. Man mag von Daniel Gildenlöws Gebahren und Aussehen halten was man mag – früher sagten wir zu so einem Zöpfchen glaube ich „Assipalme“ – er ist schon ein verdammt guter Sänger! Unterdessen kann man den Stil der Progger weitestgehend als „Soul Rock“ mit einigen schwerwiegenden Ausbrüchen Richtung Metal bezeichnen.

Relativ unerquicklich war die frühe Startzeit: Bereits um 19:45 Uhr(!), eine Viertelstunde eher als überhaupt im Plan stand, starteten Pain Of Salvation mit ihrem circa 45-minütigen Kulturbeitrag, der angenehm rund durch die Bandjahre mit alten bekannten wie „Ashes“ oder dem dramatischen „Kingdom of Loss“ sowie zahlreichen neueren Stücken der Marke „Conditioned“ und „1979“ führte. Bei Letzterem übrigens bat Bandchef Gildenlöw schon im Vorfeld um Ruhe im Publikum (‚Girls usually cry during this song… and guys, you should do too… especially stop talking‘. Doch leider ist das ebenso eine Unart, die ein lautstärkegewohntes Metalpublikum noch abstellen muss…

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>> Zu allen Bildern von Opeth im Huxleys

Pain Of Salvation im Internet.
Offizielle Homepage: www.painofsalvation.com
Facebook: www.facebook.com/Painofsalvation

Opeth im Internet.
Offizielle Homepage: www.opeth.com
Facebook: www.facebook.com/Opeth

Pain Of Salvation-TV.

Opeth-TV.

2 Kommentare

  1. Ein tolle Beitrag und das sich Opeth Fans wirklich noch beschweren, wenn es keine Growls gibt, find ich unsinnig. Immerhin gab es die Damnation vor vielen Jahren schon, die solch eine andere Seite der Band bereits einmal gezeigt hat.

    Wie dem auch sei, ich bin weiterhin neidisch, ich hätte beide Bands ebenfalls gern gesehn :)

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