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Nina Hagen @ BKA-Theater, Berlin, 08.01.2012

12. Januar 2012

Sweet Jesus: Das BKA im Kreuzberger Szenekiez ist bis auf den letzten Platz ausverkauft, als sich Nina Hagen die Ehre gibt. Das Publikum ist erwartungsgemäß heterogen, Altersschnitt und Mitklatschbereitschaft eher hoch, Alkoholpegel und Adrenalin tendenziell niedrig.

Dass Nina Hagen, sagen wir, für spirituelle Einflüsse empfänglich ist, weiß man. An diesem Abend gibt gleich das erste Lied vor, in welche Richtung das hagensche Esoterik-o-Meter momentan ausschlägt: Es geht um Jesus. Und im nächsten Song auch. Im nächsten dito. Vom Gospelklassiker bis zum christlichen Elvis-Song ist im Grunde alles vertreten, was das Genre hergibt. Das Publikum mag darüber erstaunt sein, wirklich vom Stuhl haut die Darbietung jedoch niemanden. Auch die Coverversion eines Wolf-Biermann-Lieds kann die Gemeindehausstimmung nicht wieder auf die Erde befördern, jedenfalls nicht auf lange Sicht.

Das ist umso trauriger, als man Nina Hagen durchaus auch als politische Kämpfernatur erlebt, die eine Meinung hat, und eine Stimme, die gehört werden will. So spricht sie sich mit einem Nachdruck, der wohl nur mit ihrem Stimmvolumen zu erreichen ist, für Volksentscheide aus. „Sonst haben wir alle umsonst Demokratie gespielt“, skandiert sie zwischen zwei Songs. Den einen oder anderen boshaften Seitenhieb auf Lieblingsfeindin Angela Merkel kann sie sich ebenfalls nicht verkneifen, sie spricht den Afghanistankrieg an, sie spricht über ihre Besorgnis angesichts Israels nuklearer Aufrüstung. Das ist gut. Das ist richtig und wichtig und richtig gut: Nina Hagen nutzt den Abend nicht als bloße Entertainmentveranstaltung oder positivistisches Post-Neujahrs-Sit-In, sondern gibt ihren Zuhörerinnen und Zuhörern ein paar Gedanken mit auf den Heimweg, die vielleicht länger im Gedächtnis bleiben als mancher der dargebotenen Songs. Sie holt Menschen vom Contergannetzwerk auf die Bühne, spricht mit Alice vom Haus der Demokratie und Menschenrechte darüber, wie man sich mittels Patientenverfügung vor restriktiven und irrwitzigen psychiatrischen Behandlungen schützen kann. Ein wenig fahrig, aber aufrichtig interessiert, gibt Nina Hagen so Organisationen ein Forum, die jenseits des NGO-Mainstreams um Wahrnehmung kämpfen müssen. So bleibt nach geschlagenen drei Stunden Show (abgerundet) das Gefühl, viel Widersprüchliches gesehen zu haben. Die Ikone, die Aktivistin, den Punk, das Vamp, die Christin.

Wie sie’s mit der Religion hält, sollte Nina Hagen dringend nochmal überschlafen. Aus dem Somakoma aufgewacht, kommt dann vielleicht die nächste Erleuchtung. Zum Beispiel, dass wir alle ganz umsonst Freiheit gespielt haben, wenn die Frau, die die weibliche Masturbation einst en vogue gemacht hat, sich plötzlich mit dem Sündenfall anfreunden kann.

>> Zu allen Bildern von Nina Hagen im BKA-Theater

Nina Hagen im Internet.
Offizielle Homepage: www.volksbeat.com
Facebook: www.facebook.com/NinaHagen

Nina Hagen-TV.

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