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Nemtheanga (PRIMORDIAL) im Gespräch

8. Februar 2008

Ich möchte ja nicht allzu sehr auf Albumfakten und all den Dingen um den Aufnahmeprozess der aktuellen Scheibe herumkauen, die anderswo eh schon zu lesen sind, sei es nun in Pressemitteilungen oder anderen Interviews. Ich bin eher interessiert am Inhalt des Albums, dem Thema der „nationalen Identität“ („nationhood“, wie ihr es so schön ausdrückt), und besonders dessen Bedeutung in Bezug auf euer Heimatland Irland… Und nach den paar Monaten, die ich hier in Irland gelebt habe, kann ich viel besser nachvollziehen, wovon Primordials Texte überhaupt handeln. Das romantisch-verarmte Bild von einst wich der „westlichen Kultur“ in ihrer Reinform: stereotype Jungs in Jogginghosen und Sportjerseys, poshe Mädels in Eskimostiefeln und engeren Hosen als der Oberschenkelumfang eigentlich erlaubt, Schulkinder, die ihr so genanntes „Frühstück“ an der Tanke kaufen. Die wissen womöglich noch nicht einmal über die toten Iren bescheid, deren Namen eigentlich bekannt sein müssten: O’Connell St DublinWolfe Tone, Daniel O’Connell, Michael Collins oder Eamon de Valera… um nur mal einige zu nennen… Sie kümmern sich wahrscheinlich einen Dreck um die Autobahn, die durch den Hill of Tara, dem einstigen Hochsitz der irischen Könige, gehen soll… Irland, sich dieser einzigartigen Historie und Kultur bewusst? …

The high poets are gone
and I mourn for the world’s waning,
the sons of those learned masters
emptied of sharp response.

(aus ‚D’Aithle Na Bhfileadh‘, Dáibhí Ó Bruadair (1625-1698), aus d. Irischen übers.)

…Lucozade Flaschen auf den Straßen (ich hasse das Zeug ohne es je getrunken zu haben), Leute die ihr Auto als Einkaufstüte benutzen obwohl sie wahrscheinlich nur ein paar Schritte weg wohnen… Irland, die grüne Insel?
Ich möchte dein Land nicht verteufeln, keineswegs, denn die meisten Iren sind zum Beispiel viel freundlicher als der gemeine Deutsche… auch ist es in anderen Ländern genau das selbe: Alle werden irgendwie gleich; eine schleichende „Gleichschaltung“ unter dem Deckmantel der Demokratie… Aber vor ungefähr 50 Jahren hat der gute Heinrich Böll sein „Irisches Tagebuch“ geschrieben, und wenn man diese früheren Zeiten mit der irischen Gesellschaft heutzutage vergleicht, hat sich da so vieles sehr rapide verändert. Und was mich so erschreckt ist das Tempo dieser Veränderungen (und in Sachen Kultur hat es sich sicher zum Schlechteren gewendet) und der Verlust dieser einmaligen Dinge, die „wir Touristen“ immer mit Irland verbanden.
Nun, das ist nicht wirklich eine Interviewfrage geworden… ergänze also was du willst oder ignorier dieses Geschwafel. Ich wollte dir und Primordial einfach nur mal danken. Eure Musik hat wirklich sehr geholfen, die Dinge klarer und kritischer zu sehen. Über all der traditionellen Musik war das während meiner sechs Monate in Irland der Soundtrack zu diesem Land…

A.A. Nemtheanga: Eine sehr lange „Frage“ zum Beantworten, doch ich werd’s versuchen. Ich sehe Regierungen, Wirtschaft und Medien wie sie versuchen, durch Angst zu regieren. Politisch und intellektuell redundant wandert eine Prozac-Nation durch das Leben ohne Fragen zu stellen, unterwürdig und geistlos. The United States of Europe versuchen Geschichte neu zu schreiben, die Leute von ihren Wurzeln zu trennen und ihre Kultur zu verkaufen. Die Menschen sind eher interessiert an unbekümmerten Promis anstatt an der Welt um ihnen herum. Wir sind nun in einem Zustand des ewigen Krieges um natürliche Ressourcen in der Welt, und das kann nur auf eine Weise enden: Menschen zu polarisieren und Spannungen und religiöse Abspaltung zu entflammen. Natürlich sind die Leute eher an Big Brother denn an den Geschehnissen im mittleren Osten interessiert.

In welchem Alter hast du denn dein „Interesse am eigenen Land“ entwickelt? Gab es da eine Art Schlüsselerlebnis oder ist das eher eine Frage wie man aufgewachsen ist?

A.A. Nemtheanga: Ich glaube ich habe ein politisches, historisches und kulturelles Bewusstsein ungefähr im Alter von 15 entwickelt. Das geschah durch den Geschichtsunterricht zu meiner Gymnasialzeit, durch ein aktives Interesse am aktuellen Tagesgeschehen vom frühen Alter an und durch das Heranwachsen in einem Haushalt wo Leute noch Bücher lesen und dazu ermutigt werden. Das hat auch viel damit zu tun, wie interessiert deine Eltern und Lehrer an deiner intellektuellen Weiterbildung sind.

Wenn du irischer Premierminister wärst, was wäre das erste was du in diesem Land verändern würdest?

GPO DublinA.A. Nemtheanga: Wow, das ist eine gewaltige Frage. Es gibt in diesem Land abertausende leerstehende Häuser und wir haben mehr irische Obdachlose als die drei größten britischen Städte. Es kostet 109.000 Euro um eine Person ein Jahr im Gefängnis zu behalten, und diese Personen kommen in der Regel alle aus 4 der Dubliner Regionen. Eine Neuverteilung von Wohlstand und Bildung ist also nötig, um gegen Verbrechen und Armut anzukommen… Dann würde ich die korrupten Lobbybeziehungen aufbrechen, die zwischen jeder Art Business und Politik bestehen: Geld für Entwicklungsplanungen, Grundbesitzer, den Winzerverband und so weiter… Es hat sich auch herausgestellt, dass ein Alkoholverbot nichts bringt. Es braucht eine grundlegende Reform der Vorschriften zum Konsum von Drogen sowie eine 24-Stunden-Lizenz um Öffnungszeiten zu staffeln und Gewalt durch Trunkenheit auf der Straße zu stoppen… Immigranten, die ihre Registrierung versäumen oder in Sachen wie Kreditkartenbetrug involviert sind, sollten sofort wieder in ihre Heimat zurückgeschickt werden… Mehr Geld sollte in den Bau von Schulen und Straßen investiert werden, ferner sollte das Oberschwestern-System (Anm. KKR: das „matron system“, hierzu ein interessanter Link auf This Is Lancastershire) wieder eingeführt werden, oder eben etwas ähnliches zu diesem Gesundheitssystem, denn wenn es um Menschenleben geht funktionert Privatisierung nie… Ich bin auch dagegen, dass Amerika weiterhin am Shannon Flughafen landet, damit sie ihre „extraordinary rendition“ (Anm. KKR: hierzu siehe http://wapedia.mobi/en/Extraordinary_rendition) weiterhin durchführen können… Außerdem braucht’s festgelegte Mietkappungen, abhängig vom Wohngebiet und in welcher Art Behausung man residiert, damit die Grundbesitzer endlich mal aufhören, jeden ans Bein zu pinkeln… Es gibt so viele Dinge, ich wüsste nicht wo ich anfangen sollte. Ich bin nicht interessiert an linken oder rechten „Lösungen“, nur an dem, was am meisten Sinn macht. Wir sind mit dem „keltischen Tiger“ nun schon 15 Jahre auf dem Schweinerücken geritten, und wofür haben wir unser Geld ausgegeben? Kokain, Geländewagen und überteuerte Behausungen.

Garden of RemembranceVor einigen Wochen habe ich auf TG4 eine Dokumentation über Amerikaner gesehen, die auf der Suche nach ihren irischen Wurzeln sind. Einer der interviewten Amis – er nahm seine „search for irishness“ sehr ernst – hat sich dabei über die Iren beschwert, die „irischer sind als die Iren selbst“. Was meinst du dazu? Hast du vielleicht selbst schon solche Erfahrungen mit eigenen Verwandten aus den Staaten gemacht?

A.A. Nemtheanga: Ich habe keine Verwandten in den USA. Wenn man aber weiß wo die eigenen Wurzeln liegen und man diese zu entdecken versucht, so gibt es einem mehr Macht und die Erinnerung an die Vorfahren bleibt lebendig.

Lass uns mal ein wenig die irische Metalszene beleuchten: Ist das ein wachsender Organismus oder eher eine aussterbende Spezies?

A.A. Nemtheanga: Ich denke du wirst sie in einem absolut kerngesunden Zustand vorfinden. Schau auf www.metalireland.com als Beweis.

Neben euch kennen die Metalheads außerhalb Irlands wohl noch Cruachan und Mourning Beloveth als Krachmacher aus Èire, wenn überhaupt. Welche unterbewerteten irischen Bands kannst du uns denn empfehlen? Irgendwelche Talente, die man keinesfalls versäumen sollte.

A.A. Nemtheanga: Check die oben angegebene Webseite. Aber ich würde außerdem Graveyard Dirt, Darkest Era, For Ruin und The Dagda empfehlen.

2 Kommentare

  1. rayne

    Gibts das Interview auch auf Englisch?

    #752
  2. Englische Fassung siehe Archive > Interviews auf
    http://www.primordialweb.com
    Cheers.

    #751

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