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NEIL YOUNG: „Chrome Dreams II“

31. Oktober 2007

Was heißt eigentlich nochmal „Rock“ auf Deutsch? Ja nej, aus dem Englischen, klar. „Stein“ oder „Fels“, genau, und im Falle Neil Young liegt uns hier ein unverrückbares Rock-Urgestein vor, jawohl! Einer der wie ein Fels in der Brandung immer da war, sich zwar durch äußere und innere Einflüsse über die Jahre (hör- und sichtbar) verändert hat, doch in seiner Essenz unverkennbar eigentümlich blieb. Bereits seit 40 Jahren und fast ebenso vielen Alben aus eigener Feder (exklusive der Buffalo Springfield- und CSNY-Geschichten) rockt, folkt, grungt und schmusesongt dieser Kanadier einflussnehmend durch die sich ständig wandelnde Musikwelt.

Zugegeben, seine Zeit waren die späten 60er und die 70er. Ungeschlagen bleiben Alben wie „Everbody knows this is Nowhere“, „After the Goldrush“ oder „Tonight’s the Night“… eigentlich fast alle Platten bishin zum 1979er „Rust Never Sleeps“, welches allgemeinhin als die Geburtsstunde des Grunge angesehen wird. Nicht umsonst verabschiedete sich ein gewisser Mr. Cobain mit Neils legendären Zeilen „It’s better to burn out than to fade away“…

Im Falle Neil Young ist an Ausbrennen oder Verblassen trotzdem nicht zu denken, denn nach (meiner Meinung nach) den letzten drei schwächelnden Alben aus naher Vergangenheit hat Neil hier mit „Chrome Dreams II“ endlich wieder ein durchweg interessantes und ungemein vielfacettiges Langeisen kreiert.
Kennern geht bei den Worten „Chrome Dreams“ sofort ein Licht auf: Das ist der Name eines unveröffentlichten Albums aus dem Jahr 1977. Wer das Bootleg nicht sein Eigen nennt – und das sind wohl die meisten – hat hier und da schon einen Song auf anderen Alben oder live gehört… Ja, abgesehen von der namentlichen Verwandtschaft haben „Chrome Dreams“ Teil 1 und 2 nichts miteinander zu tun. Man muss aber gleich sagen, dass die ersten drei Songs der neuen Scheibe so neu nicht sind: Sie stammen aus den 80ern, was man dem countrylastigen Opener „Beautiful Bluebird“ – „Old Ways“ lässt grüßen – sowie dem 18-Minüter „Ordinary People“ gut anhört. Textlich agiert der Mann heutzutage ja eh etwas trivialer, so darf man sich nicht wundern wenn die die Worte zur schmalzig dahinslidenden Gitarre doch eher „ordinary“ sind.

An der Musik an sich ist rein gar nichts auszusetzen. Das beste ist dieser herrliche Gitarrensound aus den „Rust never Sleeps“-Tagen, den man auf den letzten Young-Releases schmerzlichst vermisste: fettes Schnarren, Ecken und Kanten überall, verzerrt-verzücktes Aufheulen, mal verrückt und improvisiert klingend wie zu Zeiten des „Dead Man“-Soundtracks (ein Gedicht für sich!), mal hochmelodisch und einprägsam. Der trippige 14-Minüter „No Hidden Path“ ist das Beste, was Neil seit laaanger Zeit abgeliefert hat: Hier kann man sich einfach hineinfallen lassen und der Sprache der Gitarren lauschen. Abgesehen von den langen Kanten gehen aber alle Songs sofort ins Ohr und Bein, ja, machen wirklich Lust zum Mitwippen, selbst das abschließende „The Way“ hat mit seinem Kinderchor ein harmonisches Schunkelfeeling parat, so ganz anders als noch wenige Minuten zuvor das rotzige „Dirty Old Man“…

„Chrome Dreams II“ klingt beinahe wie ein Mikrokosmos der bisherigen Neil Young-Karriere: Balladen treffen auf dreckig-erdige Gitarreneskapaden und Country und Folk liegen irgendwo dazwischen neben einprägsam-simplem Songwriter-Material. Wer bisher aber nichts mit Neil Young anfangen konnte – ist zum Beispiel nicht jedermanns Geschmack was den Gesang angeht – wird wohl auch nicht mit dieser Scheibe glücklich. Wer Blut geleckt hat: Man fange bei Neil Young am besten ganz vorn an, geht bis zu „Rust Never Sleeps“ und kauft sich dann am besten mit Bonus-DVD dieses frisch erschiene „Chromjuwel“.

Chrome Dreams II – (23.10.2007)Neil Young - Chrome Dreams II (2007)
„Beautiful Bluebird“ – 4:27
„Boxcar“ – 2:44
„Ordinary People“ – 18:13
„Shining Light“ – 4:44
„The Believer“ – 2:39
„Spirit Road“ – 6:32
„Dirty Old Man“ – 3:17
„Ever After“ – 3:32
„No Hidden Path“ – 14:30
„The Way“ – 5:15

Ja, was macht Neil Young eigentlich sonst noch neben fleißigem Alben-aufnehmen? Hier und da spielt er Gigs in Nordamerika – soll mal wieder rüberfliegen! – und mistet seinen Keller aus: Dieses Jahr erschien außerdem mit „Live at the Massey Hall 1971“ ein hervorragendes Relikt aus seinen Glanzzeiten und nächstes Jahr steht nun endlich der erste Teil der sagenumwobenen „Archives“ (also Neils Keller mit mehreren hundert unveröffentlichten Schätzen) an. Er ist einfach nicht totzukriegen, und das ist gut so, ‚cause…

…he’s a ROCK.

Weitere nützliche Links:
prall gefüllte Wikipedia-Page mit massig Hintergrundinfos zu „Chrome Dreams II“
Der YouTube Neil Young Channel
Full Stream von „Ordinary People“ @ RollingStone

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