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Neil Young @ Arena Leipzig | 08.07.2008

9. Juli 2008

Man kommt aus dem Feiern nicht mehr heraus. Zelebrierte RockZOOM am 7. Juli noch das einjährige Bestehen, durfte ich gerade eben meinem ersten Neil Young-Konzert beiwohnen. Und das obwohl das rockende Urgestein meine Jugend maßgeblich geprägt hat und seitdem 1996 und 2001 sogar in unmittelbarer Nähe (Erfurt, Leipzig) auftrat. Ein bedeutender Grund für meinen Besuch vorhin dürfte neben der Tatsache, dass Neil Young nach drei etwas schwächelnden Alben mit „Chrome Dreams II“ im vergangenen Jahr endlich mal wieder einen lohnenswerten Silberling ausgepackt hat, auch die relative Erschwinglichkeit der Karten gewesen sein. Knapp 72 Euro für den Stehplatz ist für Young-Verhältnisse schon ein Schnäppchen. Bereits im Februar war der Großvater des Grunge in Berlin gewesen und hat seinen lieben Fans mal locker einen grünen Euro-Schein aus den Geldbeuteln gelockt. Außerdem wird der Herr nicht jünger. „Also“, dachte ich mir, „jetzt oder nie.“

Die Beschreibung wie ich mir vor der Arena die Beine in den Bauch stand, möchte ich dem Leser gern ersparen. Das gehört dazu und muss in Kauf genommen werden, möchte man sich einen ordentlichen Platz vor der Bühne sichern. Den hatte ich dann auch, schön zentral gelegen in der fünften Reihe, nur kleinere Menschen vor mir. So ist das angenehm. Überraschenderweise legte die Vorband schon vor 20 Uhr los, ich hatte im Vorfeld doch mit erheblich längeren Wartezeiten gerechnet. Als Support gastierten Max Koffler and the Seoulmates. Warum sie gerade bei ihrer besten Nummer, irgendwie „Deutschfunk“ mit Hammond-Orgel, ausgepfiffen wurden, ist mir schleierhaft, war der Song doch neben einem mit Namen „Colors“ einer der wenigen Geglückten. Insgesamt gesehen hat man zwar netten, leicht souligen Powerpop mit guter Stimme zu hören bekommen, doch war Max Koffler mit seiner Bande etwas zu brav, etwas zu belanglos und deutlich zu lange auf der Bühne. Rockenden Frischwind wie die derzeit angesagten Black Mountain oder Black Stone Cherry hätte ich mir da schon eher vorstellen können. Eines zeichnete sich aber schon gut ab: Der Sound des Abends würde ein ausgesprochen guter werden: klare, druckvolle Töne in optimaler Balance zueinander… Ich bin sonst anderes gewohnt, aber bei diesem Eintrittspreis kann man das dann doch verlangen.

Nach einer beträchtlichen Wartezeit angesichts der Umbaupause fand sich die Young-Belegschaft auf der Bühne ein. Nicht Crazy Horse, wie bei der letzten Europatour 2001, sondern vielmehr einige mehr oder weniger Bekannte aus dem Umfeld: Gitarrenkindermädchen und Banjo-Bediener Larry Cragg, Neils langjähriger Weggefährte Ben Keith an Steel- und E-Gitarre sowie Orgel, „The Bass Player“ Rick Rosas, Chad Cromwell an den Drums und zu guter letzt Anthony Crawford und Neils Frau Pegi als Backgroundsänger und gelegentliche Instrumentalisten.
Himself zeigte sich leicht schüchtern im weißen Hemd mit Farbtupfen. Es sollte wohl der Verdacht enstehen, er habe selbst Hand angelegt an die gemäldeartigen Tafeln, die mit dem jeweiligen Songtitel versehen, stets an den Bühnenrand getragen wurden auf dass auch ja jeder wusste, was da gerade gespielt wird. Doch immerhin ein nettes Gimmick neben den vielen großen Ventilatoren auf der Bühne. Ein Solo mit fliegenden Haaren im Ventilatorwind ist definitiv cool… solange man Haare hat, die im Ventilatorwind fliegen können. Es macht sich rar, das Haar, das einst eine dichte Mähne war. Auch um mich herum dünnen die Frisuren aus… Egal, spätestens als der Altmeister zum tiefdreckig und enorm druckvoll klingenden „Hey Hey My My“ ansetzte, waren jegliche Altersunterschiede durch die Zeitlosigkeit des ROCK hinweggeblasen und dieses Gefühl der Glückseligkeit nahm bis einschließlich des ebenso fett groovenden „Heaviness-meets-Hippieness“-Hits „Cinnamon Girl“ nicht ab. Danke für diesen Übersong von einem der besten Neil Young-Alben überhaupt!

„All Along the Watchtower“ wurde von vielen Fans – die ansonsten meiner Meinung nach selbst in den vordersten Reihen im Schnitt ein enttäuschendes Feedback gaben! – sehr begrüßt, ich bevorzuge jedoch ganz klar die eigenen Neil-Kompositionen und bade in dem sich anschließenden ruhigen Teil des Sets mit den spärlich instrumentierten „Oh Lonesome Me“, „Mother Earth“ und „The Needle and the Damage Done“, die Neil fast im Alleingang und mit stimmlicher Fitness und Leichtigkeit zustande brachte. Ansonsten gab der Meister sich sehr wortkarg, stellte nicht einmal Augenkontakt zum Publikum her. Ich weiß gar nicht, ob das typisch ist. Doch es würde es mich nicht wundern. Es stört auch nicht wirklich. Gerade kurz vor Schluss zu den beiden schier endlos ausgespielten „Words“ und dem genialen „No Hidden Path“ vom aktuellen Album wird der Unterschied deutlich: Neil spielt nicht in sich gekehrt, wohl aber mit seiner fiesen alten Stromklampfe doch irgendwie in seiner eigenen Welt, beziehungsweise auf sein Tun fixiert, gerade wenn es um seine typischen hypnotisierenden Improvisationen geht. Schade dass die meisten Zuschauer das wohl anders sahen und sich vom scheuen Rick Rosas in „No Hidden Path“ sogar „aufwecken“ lassen mussten. Wach waren sie dann wieder bei der Zugabe, dem Beatles-Coversong „A Day in the Life“. Ich schätze das gesamte „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“-Album wirklich sehr, aber warum ein Neil Young das spielen muss, ist mir schleierhaft. Dann lieber doch etwas von „After the Goldrush“ hinterher gespielt… Doch hier vorerst die tatsächlich gespielten Songs:

NEIL YOUNG Setlist

1. Love and Only Love
2. Hey Hey, My My
3. Everybody Knows this is Nowhere
4. Spirit Road
5. Cinnamon Girl
6. All Along the Watchtower
7. Oh Lonesome Me
8. Mother Earth
9. The Needle and the Damage Done
10. Heart of Gold
11. Unknown Legend
12. Old Man
13. Get Back to the Country
14. Words
15. Winterlong
16. No Hidden Path

A Day in the Life (Beatles Cover)

Ich hoffe die Setlist ist so richtig, ich habe sie gerade aus meiner noch frischen Erinnerung rekonstruiert. Es wurden auf jeden Fall alle der genannten Songs gespielt, einen kleinen Dreher hier und da kann ich aber nicht ausschließen. Außerdem gab es ein Gemälde für den Powderfinger, was irgendjemand von den Roadies mal aus Versehen hereingeschleppt hatte. Wäre ja schön gewesen. Genauso wie ein „Sedan Delivery“, „Dirty Old Man“, „Southern Man“ oder „Keep on Rockin‘ in the Free World“ an diesem Abend wunderbar gepasst hätte. Aber man kann ja nicht alles haben und im Nachhinein betrachtet war es doch eine sehr ausgewogene Mischung, bestehend aus dreckigen Rockern, angefolkten Singer-Songwriter-Balladen und endlosen Improvisationstrips, in die man sich wunderbar hineinfallen lassen kann.

Die Arena Leipzig war gewiss nicht ausverkauft. Und falls doch, haben sich wohl viele kurzerhand doch gegen ihr Erscheinen entschlossen, denn die seitlichen Tribünen füllten sich nur sehr langsam und auch beim Einlass gegen 18:30 Uhr war die Menge äußerst überschaubar. Daher sollte man als Kurzentschlossener unbedingt die weiteren Termine in unserer Reichweite auf dem Schirm haben:

09.07.08: Oberhausen
13.08.08: Hamburg
17.08.08: Wiesen (Österreich)
19.08.08: Berlin
21.08.08: Zürich (Schweiz)
23.08.08: Coburg

kleines Update 09.07., 11:50 Uhr:
Soeben habe ich bei MDR Figaro vernommen, dass es wohl 9.000 Besucher waren und morgen der neue Neil Young-Film „Déjà Vu“ (Crosby, Stills, Nash & Young, klingelt’s?) in die Lichtspielhäuser kommen soll, unter anderen in den Leipziger Passage Kinos. Regie: Mal wieder Bernhard Shakey… 😉

In diesem Sinne,
„Keep on rockin‘ in the free world!“

Keine Kommentare

  1. Rauch Josef

    Hi Katrin,
    gute Story!
    aber war nicht „Love And Only Love“ das gaanz lange (letzte) Stück?
    mit dem endlosen Ende…
    mir hätte es hier fast den Boden weggezogen! schon allein wegen dieses Stückes hat sich meine Fahrt mitm Motorrad von Bayern nach Leipzig rentiert!!!
    gibt es irgendwo eine playlist?
    genächtigt habe ich im Casablanca in der Ossietzkystr.
    echt toll! Giebelwände bemalt, großes Schiff aufm Dach..super. musst mal anschaun.
    danke und liebe Grüße
    Josef

    #958
  2. Hubert

    Hallo,
    war auch in Leipzig, super Konzert.
    Ein Dreher ist in der Playlist zwischen Titel 10 und 11.
    Hier ein Link für Playlists:
    http://www.sugarmtn.org/index.html
    Keep on Rocking

    Bernd

    #961
  3. Hallo Bernd, danke für den Tipp und den tollen Link, hab’s zurechtgedreht. Ha Josef, da siehste, am Anfang hatten wir „Love and Only Love“ und am Ende „No Hidden Path“. Aber ist ja nun auch egal, es war toll und es freut mich dass man hier auch so denkt! :) Das nächste mal geht’s dann von Sachsen nach Bayern, äh, pardon, Franken. Mal sehen, Coburg wäre schon toll, aber ist ja immer auch eine finanzielle Frage. Und jetzt wo ich die anderen Setlists sehe, kann ich mich umso glücklicher schätzen, dass wir in Leipzig „Cinnamon Girl“ zu hören bekamen.

    #960
  4. Ortwin

    Jetzt oder nie war auch mein Motto. Bin inzwischen 43 und hab „Neili“ – so nannten wir ihn als 16-jährige – nie life gesehen. Neil Young, die unglaublichen Guitarrenklänge, seine von mir geliebte Stimme (damals hab ich gedacht diesen schrägen Gesang liebt sonst k(aum)einer), ich weiß nicht wieviele Gänsehäute ich als 16-jähriger gehabt hätte !!!! Backstage sah ich Anthony Crawford und Rick Rosas (das weiß ich jetzt Dank Katrin Kropf)und muss zu meiner übelsten Schande gestehen, dass ich tatsächlich dachte Rick wäre Neil (ich kannte natürlich neuere Neil Young Fotos). Daher landete ich im Konzert „nur“ in der zehnten Reihe, auch nur kleinere Menschen vor mir und tanzte soweit die wenigen freien Quadratzentimeter dies zuließen), sang die alten Texte mit und freute mich des Lebens. – Mir war das Konzert 80 €uro und 5 1/2 Stunden Autofahrt allemal wert, den Guru (neben Bob Marley) meiner Jugend gesehen und vor allem gehört zu haben. Jedes Lied klang besser als jede je gehörte Aufnahme.

    #962

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