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MOURNING RISE – Außenschichtenmusik für Unterstehende

24. August 2008

Leipzig lacht. Und wir lachen mit. Zwar heißen die neuen Gesandten der Musenschaft Westsachsen Mourning Rise, doch Grund zur Trauer bietet die in jeder Hinsicht progressive Musik und Musizierhaltung dieser vier Anarchosyndikalisten nun wirklich nicht. Ein Gespräch vom 1. August im Leipziger Helheim, zur Releaseparty der Mourning Rise-EP „Five Ways to Illuminate Silence“ ist selbstklärend… selbstwerdend. Und so war es gar nicht mal so schlimm, dass ich meinen kompletten Fragenkatalog an die Band zu Hause hab liegen lassen. Die wirklich wichtigen Fragen wurden gestellt und die mitteilungsfreudigen Musiker brauchten eh nur kurze Anstöße, um ihren Gedanken spontan Ausdruck zu verleihen…

Der Übersicht halber ist diese frivole Unterhaltung auf mehrere Seiten verteilt worden:

Seite 1: „…Außenschichtenmusik für Unterstehende…“
Seite 2: „…Wir sind im Grunde genommen der Straßenköter, der seine Straßenköterigkeit dadurch gewinnt, dass jedes Geflöhe auf ihm parasitieren darf…“
Seite 3: „…die nächste EP nur auf Schallplatte…“
Seite 4: „…einen russischen Einfluss in unserer Musik…“

Die erste Frage ist eigentlich gar keine. Ihr dürft jetzt eine Minute lang sagen, was euch im weitesten Sinne zum Thema Mourning Rise einfällt.

Stefan: Wir machen mal so etwas wie eine Wortkette oder einfach nur Stichwörter…

Rika: Na dann fang mal an, Stefan!

Stefan: Postmodern!

Jürgen: Mourning Rise hat ganz viel mit Bushaltestellen zu tun… und Straßenbahnhaltestellen in einer ganz trostlosen Stadt… Es steckt sehr viel dahinter.

Rika: Sehr zynisch und ironisch – wir lachen über uns selbst.

Stefan: Ja, wir haben uns quasi geschaffen, um über uns zu lachen… Das ist so ein bisschen wie Gott.

Jürgen: Aber damit hört es nicht auf. Wir lachen nicht nur über uns selbst, sondern lachen alle anderen bedingungslos aus. Ohne jeden Zweifel: Wir lachen über alles…

Rika: Und hier: (zeigt zur Videoleinwand, wo etwas geschrieben steht…) „Außerschichtenmusik für Unterstehende!“

Stefan: Genau, die Musik richtet sich also konkret an eine Masse, die es nicht gibt.

Aber wenn man sich mal so umschaut: Unterstehende gibt es doch eigentlich ganz viele, oder nicht?

Stefan: Das kommt darauf an, wo man steht – also persönlich. Wenn man es als Subjekt begreift, als jemand der sich unterstellt, dann hat man zwar den Kern nicht erwischt, kann aber trotzdem die Musik hören und sie nicht verstehen…

Okay, wir haben jetzt schon ein wenig darüber erfahren, warum ihr entstanden seid, nämlich um wohl Außenschichtenmusik für Unterstehende zu machen…

Jürgen: Nee, andersherum. Wir sind vorher schon entstanden. Um das mit Friedrich Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ zu sagen: Wir sind zu einem Zeitpunkt entstanden, als wir selber noch nicht wussten, wer wir werden wollen. Erst später kam „Außenschichtenmusik für Unterstehende“. Also, immer in dem Kontext Nietzsche und Nihilismus betrachten! Und es gibt eine nächste Stufe, die wir erreichen wollen. Jetzt mit diesem Album haben wir erst einmal definiert, was poststrukturaler Konvergenzpop ist – das war uns wichtig – und in der nächsten Stufe wollen wir uns dem elitären Kulturnihilismus widmen, an dessen Ende wir quasi auf einer gewissen Stufe sagen wollen: Wir gegen alle, gegen uns selbst, aber auch für alle. Es ist ein Widerspruch in sich selbst, der sich an sich selbst gebricht und daraus etwas Neues entstehen lässt. Es geht hier um einen ganz neuen Ansatz.

Stefan: Wir sind im Grunde genommen die Klippen, an denen sich die Wellen brechen müssen. Und die Frage danach, woher wir kommen oder was wir damit wollten, ist immer falsch, denn Geschichte kann immer nur ein Steinbruch sein für die, die etwas wollen. Wir wollen aber nichts außer werden. Und deshalb verneinen wir alles, was Inhalte in sich birgt… Und wenn man so möchte, ist der amerikanische Westernfilm die Begründung des Kulturnihilismus – und davon müssen wir wegkommen. Wir wissen also nur, von wo wir weg müssen, aber nicht, wohin wir wollen.

(In der Helheim-Stube im Hintergrund klingt gerade Negura Bungets „Tesarul de Lumini“ an, ein erfreulich tiefgehender, fruchtbarer Nährboden für die sich entwickelnde Bedeutungsschwangerschaft dieses Gespräches… aber ansonsten nicht weiter von Bedeutung.)

Lässt sich das Phänomen eurer Selbstfindung denn nun auf ein bestimmtes Datum festmachen? Wann habt ihr euch das erste mal getroffen, unter dem Gesichtspunkt „Wir wollen irgendwo hingehen, wissen aber noch nicht genau wohin“?

Jürgen: Es gibt einen Prozess dazu. Im Prinzip war am Anfang das Feuer. Das war bei uns mehr oder weniger auch so. Das Feuer war sinnbildlich das Schlagzeug und der Bass, die sich vor Jahren schon gefunden haben. Aus der Stille hinaus, nur Schlagzeug und Bass, purer Minimalismus, pure Metaphorie…

Reduzierst du dich selbst auf Stille?

Jürgen: Ich bin die Stille.

Sehr bescheiden.

Jürgen: Ich bin die bescheidene Stille.

Und du hast erkannt, dass du Hilfe brauchst. Ich find’s gut, wenn man sich das eingestehen und offen sagen kann: „Ja… ich will. Ich brauche Hilfe.“

Jürgen: Ich hab gesagt „Ja, ich brauch Hilfe.“ und dann war es so: Es erschien mir Hilfe…

…am Horizont!?

Jürgen: Nein, nicht am Horizont. Ich saß da und es klopfte an meiner Tür und das unwahrscheinlichste Wesen, was man sich in diesem Universum vorstellen kann, stand vor meiner Tür: Stefan!

Stefan: Hi!

Stefan! Und du hast ihn gerettet, aus seiner Stille heraus?

Stefan: Ja, er kam gerade vom Joggen, war also oberkörperfrei, und allein das insprierte mich zu einem wehmütigen Song über die Vergänglichkeit des Menschen. Und er repräsentiert nicht nur die Vergänglichkeit, sondern auch die Transzendenz. Er ist quasi die Brücke in unser geistiges Eigentum. Und zurück zu dem Punkt, wo wir gerade ausgestiegen sind: Es ist Selbstwerdung, Selbstfindung. Das ist das, was diese Musik umkreist. Wie ein lauernder Wolf nähert sie sich dem Lamm. Im Grunde genommen muss es passieren. Jeder weiß, worauf es hinausläuft: Selbstfindung kann nur mit Selbstzerstörung enden.

Jürgen: Dieser Prozess der Selbstfindung findet zum Beispiel seinen Wiederklang, indem wir Ideen von der indischen Jugendbewegung übernommen haben, was im letzten Song anklingt, „Scouting High Ways“. Das bedeutet nämlich nicht nur auskundschaften und etwas suchen, wo dieses Metaphysische schon deutlich wird, sondern „Scouting“ ist ganz konkret eine indische Jugendbewegung, und an deren Ideale knüpfen wir an. Das ist das Eine. Und auf der anderen Seite war die Bearbeitung der Zahl 5 natürlich ganz bewusst gewählt, denn 5 ist die Quersumme von 23, und 23 ist die Zahl der Illuminaten. Wenn man den Titel betrachtet, „Five Ways to Illuminate Silence“: Hier wird die Transzendenz – die erleuchtete Transzendenz – deutlich, die über sich hinausschnellt, sich selbst erkennen will…

2 Kommentare

  1. MGE

    das ganze ist so geworden, wie ich mir es vorstellte…große worte seitens mrise…wortkreationen…japp, so habe ich sie auch kennen gelernt :)

    aber ich muss den vinyl-plänen widersprechen…aber einzig aus puren egoisitischen gründen…denn ich kann dieses alte wunderwerk der musikspeicherung nicht abspielen

    #1010
  2. Dann wird’s aber mal Zeit, Micha. Huldige der Rotation der vinylisierten ewigen Wiederkunft! :)

    #1011

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