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Meret Becker & The Tiny Teeth @ Tipi am Kanzleramt, Berlin | 26.04.2011

3. Mai 2011

Meret Becker & The Tiny Teeth im Tipi am KanzleramtWas für ein Apriltag! Pünktlich zur Premiere von Meret Beckers neuer Konzert-Kabarett-Show bricht eine kleine Sintflut über Berlin ein. Da ist so ein Zirkuszelt gleich hinter der berühmten Kanzler-Waschmaschine natürlich genau der richtige (und nebenbei weit und breit einzige) Ort, um einen Unterschlupf zu finden. Das Gepladder und Geplatsche des Regens ist auf dem Dach des Tipis deutlich zu hören. Wie es wohl die ganzen schnieken Gäste geschafft haben, trotzdem so trocken, sauber und gut auszusehen? Wohin man auch sieht, überall sitzen die Frisuren, genauso tadellos wie die Anzüge. Und überhaupt, da sind doch so viele Gesichter, die man schon irgendwo und irgendwie mal gesehen hat im Fernsehen. Das Tipi am Kanzleramt ist vielleicht so ein Ort, wo man hingeht, besonders, wenn Premiere ist. Wo man eingeladen wird, wenn man einen Namen hat. Und wo man Champagner bestellen kann und das auch tut.

Ob Meret Becker auch gern Champagner trinkt? Schwer vorzustellen. Sie wirkt eher wie die typische Berliner Göre, eben mädchenhaft, frech, verspielt. Ihr neustes Musiktheater-Programm passt also perfekt: ein Sammelsurium aus dem Zauberkasten, eine aus der Zeit gefallene Varieté-Show, lauter kleine Kuriositäten, die es zu entdecken gilt. Alice im Wunderland lässt grüßen; mit „Harvey“ ist sogar ein richtiges weißes Karnickel dabei. Die kleine Bühne im Tipi ist voll skurriler Requisiten, die Glasharfe ist auf dem Flügel aufgebaut, die vier „Tiny Teeth“ – Merets Band – sitzen zwischen Zauberzylinder und Glitzerflitter, lauter Instrumente und Instrumentchen um sich herum drapiert. Cello, Banjo, Akkordeon, Tröte, Schlagzeug, alles, was irgendwie rasselt und klappert und zirpt und Spaß macht. Na dann: Let the show begin!

Meret Becker & The Tiny Teeth im Tipi am KanzleramtDer erste Song ist tatsächlich eine Coverversion von Beth Gibbons‘ wundervollem Lied „Show“, gefolgt von einigen Stücken aus der Feder von Bertolt Brecht und Kurt Weill. „Havanna Song“ und Co. dürfen wohl einfach nicht fehlen an so einem Abend, das räumt auch Meret Becker ein, aber die Hommage gelingt perfekt, auch dank der großartigen Musiker. Trotzdem drängt sich der Eindruck auf, dass das Repertoire ganz schön auf Touristen zugeschnitten scheint. Spätestens bei ihrem eigenen Song „Gläsernes Gesicht“ läuft Meret jedoch dermaßen zur Hochform auf, dass man bis in die letzte Reihe spüren muss: Das ist eben keine halbherzige Best-Of-Becker-Show, die dort gespielt wird. Sondern eine aufrichtig durchgeknallte Performance mit viel Hingabe und Liebe für schrullige Details, die vielleicht genau deshalb auf einer Kreuzberger Kleinkunstbühne mindestens ebenso gut aufgehoben wäre.

Judy Garland hätte angesichts der Uptempo-Version von „Bye Bye Blackbird“ womöglich ein dickes Freudentränchen vergossen. Aber nichts ist so hinreißend wie Meret Becker an der Singenden Säge – außer vielleicht Meret Becker am Reifentrapez. So ein Zirkus! Artistisch, musikalisch, märchen- und zauberhaft. Zum Schluss gibt es, ganz formell, Blumen für die Künstler. Wir haben auch einen Wald-und-Wiesen-Strauß gefangen. Und so geht es, Blümchen im Rucksack, ganz beseelt auf den Nachhauseweg. Das Gewitter ist schon lange weitergezogen. Wie gut hätte jetzt ein Regenbogen gepasst.

>> Zu allen Bildern von Meret Becker & The Tiny Teeth

Meret Becker im Internet:
Offizielle Homepage: www.meretbecker.com
MySpace:http://www.myspace.com/meretbecker

Text: Jana Volkmann
Fotos: Jana Legler

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