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Mehmet Scholl – Miss Milla (Review)

15. Juni 2014

Mehmet Scholl - Miss Milla (Review)Mehmet Scholl gelang während seiner aktiven Fußball-Laufbahn ein Kunststück, was vielen Spielern des FC Bayern München verwehrt bleibt: Er wurde von Anhängern gegnerischer Mannschaften akzeptiert und fast sogar ein bisschen gemocht. Das hatte viele Gründe. Er war einer der begnadetsten deutschen Mittelfeldspieler aller Zeiten, ein Straßenfußballer, ein Dribbler, der wie kein zweiter die Bälle mit zeitloser Eleganz entweder selbst ins Tor schlenzte oder mit besonders viel Übersicht einem Mannschaftskameraden zum Einlochen zuschob. Manchmal auch war er tragischer Held. Das Verletzungspech klebte ihm streckenweise förmlich an den Füßen. Und überhaupt ereigneten sich Mitte der Neunziger im Kreise der deutschen Nationalmannschaft unfassbare Dinge. Damals gehörte es noch nicht zum guten Stil, die wirklich besten Spieler, darunter einige Jungstars, auflaufen zu lassen, da hatten Altstars noch Stammplatzgarantien. Mehmet Scholl und das Nationalteam: Es sollte keine Liebesbeziehung werden. Und so manchen tragischen Momenten stand die Tatsache gegenüber, dass Mehmet Scholl ein Typ war – anders als andere Fußballer. Nicht nur, weil man jederzeit damit rechnen musste, dass er einem einen seiner legendären Sprüche um die Ohren hauen würde. Denn während sich andere in Vertragsverhandlungen auf wüste Pokerspiele einließen, gab er sich mit dem zufrieden, was ihm angeboten wurde. Vielleicht lag es an seinen vielen Freunden abseits des grünen Rasens. Leute wie du und ich, die dich vor selbstüberschätzten Höhenflügen bewahren. Und vielleicht sind die auch ein wenig Schuld daran, dass Scholl ein Interesse für melancholische Indie-Klänge entwickelte.

Seine Mannschaftskollegen von alternativer Musik zu überzeugen, gelang ihm nicht. Zum Verständnis: Der Ottonormalfußballer hörte um den WM-Sieg 1990 herum Italo-Pop und zur WM 2014 fließt gestriegelter R’n’B durch die Kopfhörer. Und dazwischen sah es auch nicht viel besser aus. Man kann sich regelrecht vorstellen, wie Scholl mannschaftsintern förmlich auf Granit stieß, wenn er mal wieder mit einem feschen Mixtape ankam. Aber das konnte er nicht auf sich sitzen lassen, und so veröffentlichte er noch während seiner aktiven Laufbahn zwei Compilations („Vor dem Spiel ist nach dem Spiel Vol. 1 & 2“). Passend zu seinem Abschiedsspiel (2007) gesellte sich eine dritte hinzu und jetzt, kurz nachdem er seine Radioaktivität (also: er ist im Radio aktiv) bei Bayern 2 („Mehmets Schollplatten“) wieder aufgenommen hat, erscheint über Millaphon Records mit “Miss Milla” sein vierter Mix aus Stücken, die ihn begleiten und bewegen.

Dass seine neue Compilation zeitgleich zur WM erscheint, hat mit Sicherheit einen humoristischen Hintergrund. Kommerziell gesehen wird er damit wie immer baden gehen. Aber darum geht es auch nicht. Es geht darum, das zu machen, worauf er Lust hat und darum, eine Handvoll Leute mit guter Musik zu infizieren.

Der erste Song auf „Miss Milla“ – eine von VNV Nation vorgetragene EBM-Ballade – erinnert stark an das, was die deutsche Mannschaft im EM-Halbfinale 1996 gedacht haben muss, als England nach unfassbaren drei Minuten in Führung ging: Mist! Wenn schon Gothic, dann Gay Gothic, und natürlich sind die wunderbaren Berlin-Kanadier von The Hidden Cameras mit ihrem neuen Song „Skin&Leather“ wieder mit am Start wie schon vor sieben Jahren auf Scholls Abschiedsfeier (!). Die Taktik scheint also zu sein: das Feld von hinten aufrollen, und dies gelingt.

Das Gegentor kündigt sich bereits zu Noah And The Whale an und fällt zeitgleich mit dem Auftritt von Young Rebel Set aus Stockton-on-Tees. Und wie könnte es nicht anders sein, stößt man im Mittelfeld auf die prächtigsten Musikstücke: liebreizende Indie-Schmachtfetzen oder wunderbar kratzbürstige Folk Rock-Nummern. Definitive Highlights neben The Hidden Cameras sind: The War On Drugs, Pepper Rabbit, Phosphorescent, Justin Vernons Volcano Choir, Locas In Love, The Oh Hello’s, Dobré und unsere Live-Lieblinge aus Seattle die Augustines, die auf dem CD-Rücken noch als We Are Augustines aufgeführt werden.

Man vermisst Arcade Fire ein wenig in der Kollektion, was wohl daran liegt, dass sie sich aus kommerzieller Sicht mittlerweile mehr als etabliert haben. Bei Sportfreunde Stiller, die mit einer Live-Version von „Wunderbaren Jahren“ die Nachspielzeit bestreiten, sieht es ähnlich aus, nur handelt es sich bei denen nicht nur um Nachbarn, sondern auch um Freunde.

Scholls „Miss Milla“ entpuppt sich als ziemlich runde Sache, man hat fast ein wenig Lust, ihm seine eigene Plattensammlung und seine eigenen zusammengebastelten Musiklisten in die Hand zu drücken. Man fühlt, man müsse etwas zurückgeben, schließlich ist er einer von uns. Und im weiten Feld des Independent gibt es bekanntlich immer etwas zu entdecken.

Tracklist:
1. VNV Nation – Nove
2. Noah & The Whale – 5 Years Time
3. Young Rebel Set – Red Bricks
4. The War On Drugs – Come to the City
5. Paloalto – Breathe In
6. The Airborne Toxic Event – Sometime Around Midnight
7. The Hidden Cameras – Skin & Leather
8. Pepper Rabbit – Older Brother
9. Phosphorescent – Song for Zula
10. Volcano Choir – Comrade
11. Locas In Love – Una Questa
12. The Oh Hello’s – Trees
13. We Are Augustines – Book of James
14. The Moonband – The Temptation of Superman
15. Dobré – Freddy
16. Balloon Pilot – Handshakes
17. Sportfreunde Stiller – Wunderbaren Jahren (Live)

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