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LOREENA McKENNITT: „A Midwinter Night’s Dream“

7. Oktober 2008

Warum kein Weihnachtsalbum im Oktober veröffentlichen, wenn doch die Supermärkte auch schon wieder mit Lebkuchenduft und Glühwein frohlocken? Natürlich ist die Idee nicht neu und nur wenige Musiker schaffen dann auch den schmerzfreien Spagat zwischen Kitsch und den im Winter so nötigen seelenwärmenden Stimmungen, doch die Vergangenheit zeigt mit einigen angenehmen Ausnahmen wie Jethro Tulls „Christmas Album“ anno 2003, dass künstlerisches Können und althergebrachte Winterweisen sich nicht ausschließen müssen.

Auch die kanadische Folk-/World Music-Ikone Loreena McKennitt wartet nun mit einem ähnlichen Konzept wie ihre britischen Kollegen auf, nur dass die begnadete Sängerin und Multiinstrumentalistin bereits 1995 die Idee hatte, neu interpretierte Dezemberklassiker auf CD zu bannen. Damals war es die EP “A Winter Garden: Five Songs for the Season“, die unter anderem die Weihnachtsgassenhauer „God Rest Ye Merry Gentlemen“ und „Good King Wenceslas“ in ein neues Licht rückte und Lust auf Mehr machte. Dieses Mehr, und zwar das 54-minütige „A Midwinter Night’s Dream“, kommt nun am 17. Oktober in die Läden. Schließlich soll eine Bescherung auch länger als 22:30 Minuten andauern und wieso nicht die verzaubernde Stimme der Loreena McKennitt als Begleitung zu leuchtenden Kinderaugen erleben?

Keine amerikanische TV-Weihnacht mit Carol-Singing, Neonlicht-Shopping, Bergen von Schnee und Truthahnduft; die Kanadierin zieht bescheidenere Gerüche vor:

“I really wanted to recapture some of the frankincense and myrrh in this music”

Nach der Essenz von Weihrauch und Myrrhe riecht zum Beispiel das neu aufgenommene „God Rest Ye Merry Gentlemen (Abdelli version)“. Für diesen Weihnachtsdauerbrenner geht es direkt in die Wiege der Christenheit. So passt die orientalische Perkussion natürlich ganz wunderbar, unterscheidet sich aber auch nicht von jener Version, welche bereits 1995 auf “A Winter Garden” zu hören war. Der kabylische Musiker Abderrahmane Abdelli gab dem Stück übrigens seinen Namenszusatz, den lautmalerischen Gesang zu Beginn und wohl auch die ein oder andere orientalische Inspiration während des Liedes.

Wir machen einen weiten geographischen Sprung: Die Musik von „The Seven Rejoices of Mary“ ist vielen wohl eher als „Star of the County Down“, einem Klassiker der irischen Musiklandschaft, bekannt. In Frankreich und christlichen Teilen Nordafrikas hingegen darf heutzutage „Noël Nouvelet!“ bei keinem Weihnachtsfest fehlen. Jenes stellt für Loreena persönliches Neuland dar, gibt es von ihr bisher doch keine Tonaufzeichnungen in französischer – genauer genommen altfränzösischer! – Sprache. Einzig das englische Traditional “Seeds of Love” hat die Schmalzgrenze gehörig überschritten und stellt somit den einzigen kleinen Ausfall dieser sonst so hochqualitativen CD dar.

Eine gewisse Skepsis ist bei der scheinbar kruden Mixtur aus vorwiegend orientalischen und keltischen Tönen im Rahmen klassischer Musik zunächst angebracht. Doch so nahtlos diese Mixtur auch scheint: Niemand schafft es wie Loreena McKennitt, diese verschiedenen Einflüsse und Spielarten homogen miteinander zu verknüpfen und ihnen selbst inhaltlich plausible Gemeinsamkeiten – Essenzen von Weihrauch und Myrrhe – zu geben. Diese so typische Spiritualität wirkt glaubhaft ohne solch esoterischen Ethno-Eskapaden á la Enya gleichzukommen.
Denn statt irgendwelches New Age-Gedöns mit Synthesizern zu fabrizieren, legt Loreena McKennitt stets Wert auf Authentizität durch “echte Instrumente” ohne die Fähigkeit zu verlieren, eigene Interpretationen zum Ausdruck zu bringen. Neben ihrem berührenden, sauberen Sopran ist sie einmal mehr für Pianoklänge, Akkordeon und Harfenspiel verantwortlich und lud sich zahlreiche Gastmusiker für das Einspielen von Oud, Gitarren, Lauten und Leiern, Percussion und Streichern in Peter Gabriels Real World Studios nach London ein.

Für uns Heiden – denn sie besingt klar eine Weihnachtszeit, die vielen von uns weitestgehend fremd ist, was einen mitunter manchmal ein wenig traurig stimmen kann!? – gibt es profane Stücke wie das wunderbar traurige vertonte Gedicht “Snow” von Archibald Lampman (bereits auf “To Drive the Cold Winter Away” erschienen oder das herzensschwere „In the Bleak Midwinter“, mit welchem sich Loreena McKennitt auf diesem Album verabschiedet. Wem aber das Konzept der Nächstenliebe nicht fremd ist (und schließlich feiern die meisten von uns ja auch Weihnachten!?), dürfte mit den Texten kaum ein Problem haben, zumal das Album fast durchweg Balsam für die Ohren darstellt.

Ebenfalls am 17. Oktober erscheint das Album übrigens in einer Geschenkbox, die zusätzlich eine aufwändige Doku-DVD enthalten wird. In der Produktinformation heißt es hierzu: „Diese Dokumentation wurde im Laufe der An Ancient Muse-Tournee im Jahr 2007 aufgenommen und bietet einen ungewöhnlichen Einblick in das Tourneeleben Loreenas, ihrer Begleitmusiker und der Crew. Interviews in offener Alltagsatmosphäre und Live-Aufnahmen von Konzerthöhepunkten zeigen eine der faszinierendsten Musikerinnen unserer Zeit von verschiedenen Seiten.“ Klingt vielversprechend und ist sicher eine nette Idee für den Gabentisch. Ich empfehle jedoch, nicht erst bis zum Fest mit dem Genuss dieser wunderbaren Musik zu warten. Wer noch nicht in Weihnachtsstimmung ist, sollte sich dieses kleine Schätzchen aber zumindest vormerken.

>> Offizielle Loreena McKennitt-Webseite

1 Kommentar

  1. […] Muse” (2006), in dem sie die Spur der Kelten bis in den Nahen Osten zurückverfolgte. Selbst das letzte Album “A Midwinter Night’s Dream” (übrigens immer noch und wieder ein vortreffliches Weihnachtsgeschenk) atmete mehr Myrrhe und […]

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