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Livehaftige Sinnbilder einer Anderswelt im SCHANDMAUL-Jahr

22. November 2008

10-jähriges Bandjubiläum, das sechste Studioalbum, eine neue DVD mit persönlichen Geständnissen und nun sind die sechs Münchner/innen auch schon wieder auf Tour. Was geht eigentlich mehr in einem einzigen Jahr?

„Anderswelt“ (VÖ: 4. April 2008)
Spät startete das Schandmaul-Jahr, doch dann quasi von 0 auf 100 in Rekordzeit. Zunächst ging das sechste Album „Anderswelt“ total an mir vorbei. Schandmaul, die ich vor zehn Jahren kurz nach ihrer Entstehung kennenlernte, waren über die Jahre stets ein treuer Begleiter für mich, vor allem was die zahlreichen Auftritte in meiner Thüringer Heimat angeht. Doch über die Jahre, wie das so ist, ändern sich Geschmäcker, oder man lernt allerhand Neues kennen – härtere Musik in meinem Falle, und Schandmaul gerieten ein wenig in Vergessenheit… Bis ich dann eines Tages per Zufall über dieses wunderschöne Artwork stieß: Ein freundlicher Dämon zeigt dem kleinen Mädchen eine märchenhafte, ungekannte Welt; Blätter aus Blut, eine zittrige Schrift, welche die „Anderswelt“ malt – ein faszinierendes, entführendes Aquarell. Allein schon deshalb ist das im April erschienene „Anderswelt“-Album den Kauf wert. Doch überdies liefern die Münchner hiermit erneut ihre gewohnt hohe Qualität, ihre individuelle Poesie ab. 14 Stücke aus irdenem Alltag und anderer Welt, verspielt und doch eingängig – alte Liebe neu entdeckt, Zündstoff für die Bühnen…

…Bühnen quer durch die Lande: Von April bis Mai ist die Band überall zwischen Hamburg und Graz, Dresden und Saarbrücken unterwegs, nicht selten ausverkauft. Auch der Moselkahn ist voll besetzt: Das Fantreffen in Form einer gemütlichen Schifffahrt – ein voller Erfolg, kein „Geisterschiff“… Wer zum Jubiläumskonzert am 14. November dabei sein will – freilich noch ein paar Monate hin – muss sich sputen: Schlagartig sind über 3000 Karten im Umlauf, am 7. Mai gibt es nur noch 500 Tickets, Ende Juni Servercrash: 500 Fans wollen gleichzeitig eine Karte bestellen. Pech für die meisten, bei 5500 Besuchern hat das Münchner Zenith (zumindest offiziell!) seinen selbigen erreicht. Ende Juli ist dann auch dieses Wochenende – über dreistündiges Konzert mit feuchtfröhlicher Jubiläumsparty am nächsten Abend! – restlos ausverkauft.

„…Wir stehen im Kreis um eine Geburtstagstorte und zählen von 10 rückwärts. Spätestens hier ist die Halle aus dem Häuschen und zählt lauthals mit. Auf Null werden die Kerzen ausgepustet, gleichzeitig geht in der Halle das Licht aus und das Intro startet. Jetzt klopft mein Herz bis zum Hals, die Brust scheint zu klein dafür, jetzt gibt es kein Zurück mehr, jetzt gilt es! Noch 30 Sekunden, dann beginnen Birgit und Anna mit „Vor der Schlacht“ und zum Einsatz von Stefan, Hiasl und mir fällt der Vorhang! Was für ein Anblick! Ich bekomme spontan eine Gänsehaut und mich überkommt ein Schauer der Überwältigung! 7000 Menschen füllen das Zenith restlos aus und sind hier, um mit uns diesen Abend zu feiern. […] wir legen uns in die Show wie in ein Wasserbett, lassen uns tragen von der Stimmung, genießen das Adrenalin, die Erschöpfung, die mit fortschreitendem Konzert in die Körper fährt, das gegenseitige Anstacheln, das Letzte zu geben, sich von der Euphorie mitreißen zu lassen. […] Nach weit mehr als drei Stunden ist die letzte Zugabe vorbei, wir haben uns verbeugt, liegen uns gegenseitig in den Armen und können nach wie vor nicht fassen, was hier gerade passiert ist…“
(Ducky, git. @ Schandmaul Online-Tourtagebuch)

„Sinnbilder“ (VÖ: 14. Nov. 2008)
Mal ausnahmsweise noch nicht restlos ausverkauft ist die aktuelle Schandmaul-DVD „Sinnbilder“, die ebenfalls am 10. Geburtstag veröffentlicht wurde. Doch hier besteht auch kein Grund zur Eile, ist das insgesamt einstündige Filmchen – jedes Bandmitglied berichtet etwa zehn Minuten lang brav aus der eigenen Biographie – doch eh nur für die absoluten Diehard-Fans interessant… Warum hat Birgit zwei Schafe, Ducky keine Enten, sondern gleich einen ganzen Bauernhof, Stefan ein Motorrad und Anna-Katharina Gips im Haar? Solche Sachen erfährt man in perfekt aufgeräumten Wohnungen oder im hübschen Garten inmitten der gesunden bayerischen Landluft, Heimatidylle. Keine Leichen im Keller, Sex gibt’s nur im Schlafzimmer. Nun, die Enthüllungen im Booklet des „Mit Leib und Seele“-Albums haben mir da deutlich besser gefallen… Löblich ist hingegen, dass im Hintergrund stets die Musik des aktuellen Albums läuft, passend eingebettet. Man hätte sich zur Jubiläums-DVD ein paar interessantere Schauplätze gewünscht. Stationen aus den vergangenen zehn Jahren beispielsweise – Studioaufnahmen auf der Runneburg, Reiseberichte aus fernen Ländern meinetwegen… Diese Doku ist nett, aber nicht mehr.

Aaaaber live, da werden sie zu Wolfsmenschen, zu Kriegern, Tyrannen, Drachentötern und vogelfreien Feuertänzern – so wieder einmal geschehen zum Wacken Open Air 2007: ein perfektes Konzert, das es außerdem auf diese DVD geschafft hat. Gestochen scharfe Bilder einer professionellen Kameraführung, super Songauswahl, einwandfreier Klang, fantastisches Publikum und ein genial rau daherbrüllender Thomas (roaaar, geil! haha…), der überdies zu viel Schabernack aufgelegt ist: Wie lange braucht man eigentlich von München nach Wacken, wenn man nur 80 fahren darf? Der Barde gibt Antwort: „14 Stunden… Aber für euch ist uns ‚Kein Weg zu weit‘!“ Und was „Spiderschwein!“-Sprechchöre mit dem Song „Die Tür in mir“ zu tun haben, findet man am besten selbst heraus… Doch ob eine Aufzeichnung eines einstündigen – zugegeben genialen! – Konzerts und ein paar zahme Enthüllungen – eher wie eine enge Hose, wo sich gewisse Konturen abzeichnen – 18 Euro wert ist? Legt man noch ein paar Münzen drauf, kommt man dieser Tage in den Genuss einer echten Liveshow, zum Beispiel…

SCHANDMAUL und LaBrassBanda @ Haus Auensee, Leipzig | 21.11.2008

„Ich bin froh, dass jetzt unsere Tournee ansteht, denn so bleibt die Möglichkeit, dieses Wochenende zu verarbeiten, OHNE den Sturz in das tiefe Loch, so es sich dann auftut, irgendwann, irgendwo… Denn im Moment ist immer noch Sinkflug angesagt…“
(Ducky, git. @ Schandmaul Online-Tourtagebuch)

Natürlich ist hier einmal mehr die Rede vom legendären 14. November… Das ist wie nach einem sportlichen Wettkampf das nötige Auslaufen, Ausschwimmen, Austrudeln, wie auch immer… neuhochdeutsch ein „Calm-down“ sozusagen. Zu diesen Konzerten zum „Herunterkommen“ zählt auch der Auftritt im Leipziger Haus Auensee. Zahlreiche Fans stehen brav in der Eiseskälte an, trotz der Abgelegenheit dieses Ortes – abgespeist mit einem Sinkflug?

La Brass Banda - 21.11.2008 #17 Doch bevor diese Frage beantwortet werden soll, wird südländisches Flair verbreitet. LA BRASS BANDA – das klingt nach heißblütigen Rhythmen feuriger Latinos. Nicht ganz, jedenfalls ist Süden schon mal richtig. Aus dem Chiemgau kommen diese barfüßigen und lederbehosten Buam und befördern die „ur-boayrische“ Blaskapelle ins 21. Jahrhundert, nicht ohne Charlie Chaplin, dem Funk und Reggae gehörig Tribut zu zollen. Mit ihren nicht gerade wichtigen doch witzigen Texten schaffen sie es noch vor offiziellen Konzertbeginn (jaja, rechtzeitig Erscheinen…!), dem Leipziger Publikum nicht nur zu gefallen, sondern es zum Feiern und Mitsingen – ja gar zum Jodeln! – zu bringen. Was ein „Schulkalier“ ist, erklären die vier Bayern gerade noch, bei den restlichen Texten ist man wahrscheinlich ganz froh, den zur breitesten Mundart geschürzten Lippen von Stefan nur Bruchstücke entnehmen zu können. So manche Skaband dürfte angesichts der druckvollen Posaunen-Tuba-Bass-Drum-Wand blass dastehen. Eine unerwartete doch gelungene Erwärmung.

Nur schade, dass man dann recht schnell wieder kalt wird, da SCHANDMAUL geschlagene 40 Minuten auf sich warten lassen, ehe sie getrieben von viel Applaus die übergroße Bühne betreten. Diese hat man nach hinten noch viel weiter geöffnet, und selbst sechs Musiker wirken auf diesen geschätzten 60m² doch arg verloren. Ist da gar ein Schaukampf zweier Armeen nach dem Einstiegssong „Vor der Schlacht“ geplant? Nein, die Mäuler bleiben allein und widmen sich stattdessen dem „Wolfsmensch“. Kein besonders glücklicher Start, denn über die große Distanz – es trennt Bühne und Publikum noch einmal ca. 3m Fotograben – ist es schwierig, eine Beziehung aufzubauen, auch ist der Saal nur nur zu etwa 2/3 gefüllt und es hätte zu Beginn eher Hits wie „Frei“ oder „Leb!“ gebraucht.


Schandmaul - 21.11.2008 #7 Mit dem fünften Lied „Lichtblick“ schwindet auch die Schüchternheit des bunt gemischten Publikums, welches einmal mehr in jeder Couleur im Alter von 6 bis 66 zugegen ist. Thomas wird redseliger, schwärmt immer wieder vom Auftritt im Münchner Zenith und entdeckt das Bühnenwasser „Aqua Montana“ für sich, nur um es nach wenigen Schlucken stets einem Auserkorenen – in diesem Falle Chris und Doro, diese Glücklichen – zuzuwerfen. Dem Bus 18 wird das „Trinklied“ gewidmet. Jene auch im Haus Auensee Anwesenden sind nämlich mit diesem Gefährt vorige Woche geschlossen nach… – na? genau! – München gefahren und hatten dort das Konzert ihres Lebens. Doch auch in Leipzig wird mit Schwerpunkt „Anderswelt“ die ganze Diskographie mit dem kompletten Instrumentarium beackert, irgendwie muss man ja die Bühne füllen, dann eben mit sechs Gitarren, drei Bässen (satt im Klang, mein lieber Hiasl!) und x² Flöten. Apropos Bassgetön: Das schicke Bass-Schlagzeug-Solo ist Beweis genug, dass es sich bei den Schandmäulern um begnadete Musiker handelt, die ihre scheinbar einfach gestrickten Songs mit allerlei spielerischen Finessen veredeln können, so sie denn mögen.


Überraschenderweise wird der Opener des neuen Albums, „Frei“ erst recht spät gespielt und klingt für meine Begriffe auf CD auch besser und rauer. Schade auch, dass nach exakt zwei Stunden Schluss ist und sich die Schandmäuler nur einmal haben bitten lassen, für einen Zugabenblock auf die Bühne zurückzukehren. Irgendwie auch Schuld des Publikums, welches erstaunlich flott in Richtung Ausgang und hinaus in die bitterkalte Nacht eilt. Dabei haben Schandmaul nichts falsch gemacht. Lediglich einen routinierten dennoch (aus)gelassenen Sinkflug hingelegt. Ich für meinen Teil habe sie lieber auf Mittelalterfesten unter freiem Himmel gesehen, als auf einer riesigen Bühne in einem etwas unterkühlt wirkenden Haus Auensee.

SCHANDMAUL-Setlist:

01. Vor der Schlacht
02. Wolfsmensch
03. Der Hofnarr
04. Missgeschick
05. Lichtblick
06. Die letzte Tröte / Mitgift
07. Anderswelt
08. Drachentöter / Krieger
09. Trinklied
10. Der Kurier
11. Feuertanz
12. Drei Lieder
13. Teufelsweib
14. Bass/Drum Solo
15. Gebt Acht
16. Vogelfrei
17. Herren der Winde
18. Frei
19. Dein Anblick
20. Leb
21. Walpurgisnacht

22. Sturmnacht
23. Willst du

Und, wie geht es nun weiter im Schandmaul-Jahr?
Sinkflüge mit hoffentlich vielen retardierenden Momenten:

22.11.2008 D-BREMEN-Pier 2*
23.11.2008 D-BERLIN-Huxleys*
25.11.2008 D-HANNOVER-Capitol*
26.11.2008 D-DÜSSELDORF-Stahlwerk **
27.11.2008 D-MAINZ-Phönixhalle **
28.11.2008 D-TRIER-Europahalle **
29.11.2008 D-TUTTLINGEN-Stadthalle **
30.11.2008 CH-PRATTELN-Z7 **

* Support: La Brass Banda
** Support: Letzte Instanz

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