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Lauter & Dichter: Poesie für alle Sinne

22. November 2008

Dass zwischen Musik und Lyrik untrennbare Bande bestehen, dürfte kaum jemand ernsthaft anzweifeln. Das wussten schon die alten Griechen, die der Musenchefin Kalliope einfach mal mehrere Aufgaben in die von Zeus und Mnemosyne behütete Wiege gelegt haben: Sie war in erster Linie für die Dichtkunst zuständig, aber auch für Musik, und schließlich hatte sie in Orpheus auch noch einen ganz schön begabten Sohn, der mit seiner Lyra selbst Hades und Persephone, die Herrscher der Unterwelt, betörte.

Im Mittelalter, als kaum jemand lesen konnte und dafür umso mehr Geschichten erzählt wurden, blieb die Grenze zwischen Musik und Dichtung fließend – zum Beispiel beim Minnesang, der höfischen Liebeslyrik, die in aller Regel gesungen vorgetragen wurde.

Und wie sieht’s heute aus, in der Postmoderne sozusagen? Genauso. Musik und Lyrik wirken nach wie vor wie Zwillinge, mal bemerkt man die Ähnlichkeit sofort, mal erst auf den zweiten Blick. Hier gibt’s eine kleine Auswahl von Künstlern, die das erkannt haben und die Gedichte aus ihrer Rolle als Nischenkunst befreien, ohne sie zu entfremden. Im Zusammenhang mit der Zwillingsmetapher klingt das jetzt ein bisschen nach Inzest, aber was soll’s, das haben die in der Antike ja nicht so eng gesehen…

Stellvertretend für die unzähligen Künstler, die Poesie vertont oder erschaffen haben, konzentrieren wir uns auf:

  • Blood Axis & Les Joyaux de la Princesse und Marie Corelli
  • Subway to Sally, In Extremo, Klaus Kinski und François Villon
  • Sascha Mersch, Leander Sukov u.a.
  • Qntal und Walther von der Vogelweide
  • The Doors und Jim Morrison
  • Algebra Suicide und Algebra Suicide

  • Blood Axis & Les Joyaux de la Princesse und Marie Corelli

    Hui, brisante Mischung, hat sich Blood Axis-Frontrezitateur, Lords of Chaos-Coautor und Nietzsche-Freund Michael Moynihan doch nicht gerade durch political correctness beliebt gemacht. Und auch Les Joyaux de la Princesse, ein französisches Musikprojekt, das man im weitesten Sinne als Industrial bezeichnen könnte, lehnen sich gern mal etwas weiter aus dem Fenster und fallen durch doof-nationalistische oder zumindest merkwürdig-militaristische Songtitel à la „Sur la tombe d’un Camarade (1919)“ oder „Pour la Patrie (Croix de Feu et Combattants volontaires)“ auf.

    Dass es ausgerechnet diesen Künstlern gelungen ist, den Geist des Fin de Siècle zu neuem Leben zu erwecken, mag nicht fair sein. Abstreiten lässt es sich jedoch nicht. Sie haben Lieder über die grüne Fee, Absinth, geschrieben, jene streitbare Muse der modernen Künstler, die van Gogh ein Ohr und manch anderen den Verstand gekostet haben soll. Eine Art moderner Mythos, der in seiner zwiespältigen Mischung aus Inspiration, Kreation und Destruktion für reichlich Stoff für Gedichte gesorgt hat. Eine der bekanntesten und wichtigsten – wenn auch eher unbekannten – Autorinnen, die sich mit der Faszination Absinth auseinander gesetzt haben, war Marie Corelli. Sie hat 1890 mit „Wormwood“ (engl. Für Wermut, aus dem wiederum Absinth gewonnen wird) den Roman für Absintheure und ähnlich gesinnte Feingeiste geschrieben, und ihr sind auch einige Gedichte über die grüne Fee zu verdanken.

    Diese wiederum haben Blood Axis & Les Joyaux de la Princesse für ihr Album verwendet, vertont und eine einzigartige Stimmung beschworen, die ähnlich kontrovers ist wie ihre Schöpfer selbst.

    Leider ein seltenes Pflänzchen im Plattenladen, doch es lohnt sich unbedingt, ein Ohr zu riskieren!


    Subway to Sally, In Extremo, Klaus Kinski und François Villon

    „Ich bin nach deinem roten Mund so krank…“ – ob François Villon wohl auch nur ansatzweise ahnen konnte, welch weite Kreise seine Gedichte ziehen würden, als er so zärtlich wahnsinnig über sein Abendweib mit Wurzelhaar und Tiergesicht schrieb? Im spätmittelalterlichen Paris dürfte er wohl andere Sorgen gehabt haben, als sich Gedanken über die Rezeption seines Werks zu machen.

    Gut möglich, dass der alte Nachtgemahl sich in seinem Grabe umdrehen würde, würde er die von Subway to Sally und In Extremo neu interpretierten Versionen seiner Dichtung hören. Da könnte ihm die wirklich, wirklich großartige Interpretation von Klaus Kinski doch deutlich besser gefallen, gleich und gleich, ihr wisst schon – beide waren in der Halbwelt zu Hause, Villon mehr, Kinski sicher weniger, beide waren gewissermaßen Vagabunden und immer versucht, die Schmerzgrenzen zwischen Gut und Böse, Trieb und Vernunft, Ich und Es, Wahnsinn und Gesellschaft auszuloten. Dass die beiden Künstler gut 300 Jahre trennen, mit Aufklärung, industrieller Revolution, zwei Weltkriegen und allem was so dazugehört, mag man nicht glauben, wenn man Kinskis irrsinnig naher Stimme lauscht. Kongenial, hier passt es endlich, das Wort.


    Sascha Mersch, Leander Sukov u.a.

    Kongenial geht es auch weiter, nicht im verruchten Paris des 15. Jahrhunderts, sondern jetzt und in Berlin, jenem liebenswerten Großstadtloch, das sich so gerne als „arm, aber sexy“ verkauft. Sexy, aber reich, und zwar an Inspiration und echter, ungekünstelter, tabuloser Emotion sind die Werke von Sänger und Piano-Schläger Sascha Mersch, der auf seiner aktuellen EP „Herbstlaub“ Gedichte von Leander Sukov und anderen in ein kompromissloses musikalisches Korsett schnürt, dass einem der Atem stockt. Möglich, dass einen das beim ersten Hören (RockZOOM verweist hier mal vorsichtig auf Last.fm, MySpace und die Künstlerhomepage) umhaut – aber was sich gleich beim ersten Hören erschließt, ist beim zweiten oft schon langweilig, und hier ist definitiv das Gegenteil der Fall.

    „Vor deinen Augen rasen Bilder, immer schneller, immer wilder…“ – besser als durch dieses Textbruchstück lässt sich die Zusammenarbeit wohl kaum beschreiben. Und das lässt sich übrigens mit etwas Glück auch live erleben, zumindest gab es in der Vergangenheit Lesung und Konzert zugleich zu bewundern. Hoffen wir auf 2009 und viele neue Bühnentermine!

    Qntal und Walther von der Vogelweide

    Ernst Horn ist zwar vorwiegend durch seine Arbeit mit Alexander Veljanov bekannt – als Deine Lakaien -, hat aber auch mit einigen anderen Projekten von sich reden gemacht, mit Helium Vola zum Beispiel, oder eben Qntal.

    Letztere verbinden authentische mittelalterliche Elemente mit Elektro-Klängen zu einem neuen Ganzen, das in sich erstaunlich geschlossen wirkt. Die Texte stammen zum Teil aus der Feder Walther von der Vogelweides, zum Beispiel das „Palästinalied“ oder „Am Morgen Fruo“. Walther ist wohl so was wie der Phil Collins des Minnesangs, schreibt eine Ballade nach der anderen und ist einfach nicht totzukriegen. Nur, dass seine Dichtung dann doch etwas „höhere“ Kunst ist, sorry, Phil.

    The Doors und Jim Morrison

    Jim Morrison, der Dichter, mag zwar um einiges unbekannter sein als Jim Morrison, der Doors-Frontmann, doch als Morrison auf die Bühne geht und dem Publikum einige seiner Gedichte rezitiert, gewährt er seinen Zuhörern einen einmalig tiefen Einblick in alles, was in ihm vorgeht, so kurz vor seinem Tod an Herzversagen im Sommer 1971.

    Dass diese Lesungen mitgeschnitten wurden, ist bis heute ein großes Geschenk an die nicht enden wollende Doors-Fangemeinde. Aber dieses Geschenk ist auch den restlichen Bandmitgliedern zu verdanken, die Jahre nach Jims Tod zusammen kamen und ein Album daraus gestrickt haben: „An American Prayer“. Das Ergebnis ist mehr als ein Tribut an einen der wichtigsten Musiker des vergangenen Jahrhunderts; noch dazu knüpft es nahtlos an das bisherige Doors-Oeuvre an und könnte mühelos als Jim Morrisons persönlichstes Vermächtnis angesehen werden.

    Algebra Suicide und Algebra Suicide
    Willkommen im New Yorker Underground der wilden 80er! Algebra Suicide, das sind Lydia Tomkiw und Don Hedeker, widerlegen das alte Klischee, dass Zusammensein und zusammen Arbeiten nicht funktioniere. Gerüchten zufolge – nichts genaues weiß man nicht, Underground eben – ist die Formation aus dem Zufall heraus entstanden: Tomkiw dichtete und Hedeker machte Musik, beide waren ein Paar, verheiratet. Als Tomkiw eines ihrer Gedichte laut rezitierte, griff Hedeker zur Gitarre, und der Rest ist Geschichte. Ganz unspektakulär: Irgendwann ging die Ehe in die Brüche und Algebra Suicide vor die Hunde, Lydia Tomkiw starb 2007. Ihre Solowerke prägten unter anderem die legendären Legendary Pink Dots, und von Algebra Suicide bleiben eine Handvoll sehr hörenswerter Tracks.

    Eine schwer nachvollziehbare Geschichte ist es obendrein, alles, was hier steht, beruft sich auf einen mühsam aus meinem Langzeitgedächtnis gegrabenen Beitrag auf Motor FM, irgendwann dieses Jahr. Doch es lohnt sich, die Ohren offen zu halten und zu forschen!

    …Soviel also zu diesem Thema, überflüssig zu erwähnen, dass das nur mehr ein Bruchteil dessen ist, was es an spannenden Poesie-Musik-Crossovers gibt. In diesem Sinne: Fühlt Euch nicht übergangen, sondern schreibt uns, wenn Euch etwas fehlt!

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