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KING CRIMSON – "In The Court Of The Crimson King" (10. Okt. 1969)

14. Oktober 2009

Das kommt davon, wenn man das Wochenende weitestgehend abseits der Internetnewsmaschine verbringt: Man verpasst den 40-jährigen Geburtstag des Debütalbums der britischen Progrock-Legende KING CRIMSON. Welch Schande, Schmach und Frevel ganz und gar! Heute schrie es mich anklagend an: das Cover von „In the Court of the Crimson King“. Feiern wir nun also mit demütig kleinlauten Worten dieses Jubiläum der karmesinroten Könige nach…

Fast jeder hat King Crimson schon mal gehört, auch wenn es einem gewiss nicht bewusst ist: Oberkönig Robert Fripp treibt sich in allen Gefilden der Musik herum um ist sich auch nicht für Auftragskompositionen zu schade. Und so ist er eben für die ohrenumscheichelnden Systemtöne von Windows Vista verantwortlich. Immerhin etwas, was bei Vista flüssig läuft…

Wer nun aber doch in die noch viel ohrenumschmeichelnderen King Crimson hineinhören möchte, tut dies am besten gleich mit diesem hervorragenden Debüt. Und sollte man sich nach dem Lesen dieser Zeilen dazu hingerissen fühlen, sich die LP-Version dieser Platte zu gönnen – und das sollte man, was ich aber gleich noch näher begründen werde – ist man gut damit beraten, das besagte Coverartwork beim Hören von sich wegzudrehen. King Crimson: In the Court of the Crimson King (1969)Den Maler dieses Werkes ereilte übrigens kurz nach Veröffentlichung dieser Scheibe 24-jährig ein Herzstillstand. Ist man jedoch nun um diese verstörende Hülle hinweg, erwarten einen fünf zeitlose und sich gegenüber sehr verschiedene Perlen der Progrockgeschichte.

Den Anfang macht hierbei der absolute Lieblingssong des ehemaligen britischen Premiers Tony Blair: „21st Century Schizoid Man“, immerhin das ist eine weise Wahl seinerseits. Von 0 auf 100 in drei Sekunden schnippt das geniale Anfangsriff ins Rennen, das sogleich von etlichen Blechbläsern und sattem Bassdrive ummantelt wird. KCs erster Sänger Greg Lake faucht fies verzerrt die damals noch futuristischen angelegten Verse. Und obwohl der Liedtitel wohl sehr bezeichnend für viele Individuen unserer heutigen Gesellschaft sein dürfte, lohnt es kaum, die große Interpretationskeule auszupacken: Die Lyrics stammen nicht direkt von der Band, sondern vom Songtexter Peter Sinfield, der auch regelmäßig für Emerson, Lake & Palmer die Feder schwang. Das einzig verlbleibende Gründungsmitglied Robert Fripp konzentrierte sich schon immer lieber auf die Musik selbst, die poetische Ausformulierung der durchaus sozialkritischen Themen überließ er stets Außenstehenden oder auch dann dem späteren KC-Vokalisten Adrian Belew. Was an diesem einsteigenden Siebenminüter so faszinierend ist: die bereits erwähnte erschlagende Rohheit und das ultrapräzise Zusammenspiel aller beteiligten, was vor allem im experimentelleren Mittelteil ganz deutlich wird, denn hier wechseln die Rhythmen fast notenweise.

Das sich anschließende „I Talk to the Wind“ ist der krasse Gegensatz hierzu. Die Crimsons klingen an dieser Stelle anno 1969 floydesker als Pink Floyd selbst zu jener Zeit. Jedenfalls ist das genau der selbstverlorene trippige Sound mit welchen Waters, Gilmour und Co. ab 1971 kommerziell durchstarteten… nur dass sich die Landsmänner um Fripp auch nicht zu schade sind, dann auch mal an der Kitschgrenze wandernde Holzbläser einzusetzen. Das gelingt, denn „I Talk to the Wind“ und zugleich still und bescheiden und mit seinen 5:40 Minuten auch der kompakteste Song der Scheibe.

Ganz und gar nicht bescheiden hingegen ist mein persönliches Highlight der A-Seite: „Epitaph“. Schon der Titel allein drückt Erhabenheit und Bedeutungsschwere, natürlich auch eine gewisse Finalität aus. So schaukelt sich die vertonte Grabinschrift des Gesanges-Ichs in einem zugkräftigen Spannungsbogen in eine unbändige Dramatik, die man am besten bei voll aufgedrehter Lautstärke genießt. Lasst die Nachbarn klingeln, nehmt sie mit in eure Bude, in den Arm und schmettert gemeinsam aus vollem Halse diese elegische Hymne:

„Confusion will be my epitaph.
As I crawl a cracked and broken path
If we make it we can all sit back and laugh.
But I fear tomorrow I’ll be crying.
Yes I fear tomorrow I’ll be crying.“

Pathetisch, ja. Aber auch authentisch, zumindest glaubwürdig. Jeder sollte auf seine Weise diesen Worten etwas abgewinnen können, so fragil sie auch sein mögen…

Von der B-Seite möchte ich nur so viel sagen, dass dem verträumten „Moonchild“ noch eine Improvisation nachgestellt wurde, die es nicht ganz so in sich hat, sich aber immerhin nahtlos an die Ballade anschließt. Grund für die musikalische Entdeckungsreise ist, dass zu Beginn der King Crimson-Karriere und zum Zeitpunkt des Studiotermins einfach noch nicht mehr Songmaterial angehäuft hatte und man die Platte noch ein wenig anfüllen musste. An dieser Stelle lohnt es sich aber trotzdem, gut hinzuhören, denn die variierende Dynamik der Soundexperimente lässt aufhorchen, was auf der Tonspannweite der Schallplatte natürlich ganz besonders zum Tragen kommt…
Der sich anschließende Titelsong überzeugt wieder auf ganzer Linie und ist wieder voll mit diesen zeitlosen Melodien und einem unberechenbaren, feuerwerksartigen Tanz der verschiedensten Instrumente.

Wer die LP nicht mehr findet (oder keine Abspielmöglichkeit hat), kann auch auf die neu gemasterte, frisch erschienene CD-Surroundsound-Neuauflage zurückgreifen. Für absolute Freaks gibt es da auch ein 6-CD-Set, zusätzlich mit diversen Livemitschnitten und verschiedenen Masterversionen der Songs. Mir reicht es hingegen, wenn mit einem dieser Gesichter vom Albumcover eine Wohnung teile… 😉

1 Kommentar

  1. Sven

    Eigentlich hab ich ja was gegen dieses ‚darf in keinem Haushalt /in keiner Sammlung fehlen‘. Aber dieses Album sollte unter ‚Allgemeinbildung‘ laufen… So befreiend und erfrischend haben danach kaum je wieder Prog Rock Bands gearbeitet – und selbst wenn – der Ideen- und Abwechslungsreichtum von ‚In the Court…‘ bleibt unerreicht. Kein seelenloser Profilierungs-Prog sondern beseelte, ausdrucksstarke Musik mit zwingenden Songs.

    #1100

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