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JUNIUS und SEPTEMBER MALEVOLENCE @ AJZ Chemnitz | 24.10.09

2. November 2009

Das knüppelmusik- und jazzgeprägte Chemnitz lässt sich dann und wann auch mal dazu hinreißen, wirklich guten Postrock einzuladen, zuletzt Geschehen mit Szenekönnern wie Immanu El und Caspian, morgen Abend gastieren pg.lost und Codes in the Sky im eng-verräucherten Subway to Peter. Hin und wieder finden aber auch Kapellen ihren Weg hierher, die sich jeglicher Schubladisierung entziehen. Besonders das abschüssig in einem Industriegebiet gelegene AJZ Chemnitz lässt Raum für solche Experimente wie TONE aus Dänemark. Laptopmusik, könnte man jetzt ketzerisch sagen, macht es sich aber damit etwas zu leicht. Zwerchfellkitzelnde Bassgrooves treffen auf den hypnotischen Gesang von Sofie Nielsen und ebenso in den Bann ziehen die dazu passenden minimalistischen Videoinstallationen ihres Kollegen Kristian Ravn-Ellestad. Dieses surreale Klang-Bild-Erlebnis entzieht sich eigentlich einer genauen Beschreibung; es wirkt einfach und hinterläst ein Gefühl der faszinierten Verstörung… wohl nicht so sehr im heimischen Wohnzimmer, doch macht euch ruhig mal selbst ein Bild vom letzten Tone-Song des Abends, “My Mind Exploded”:

Enge Hosen, Stoffschnürschühchen, das halb kurz, halb lange Haar im Gesicht und ausgeleierte beziehungsweise karierte Hemden – kann eigentlich nur eine ganz typische Postrockband sein. Und es wäre gelogen zu behaupten, dass SEPTEMBER MALEVOLENCE aus Schweden nun komplett anders aussehen und klingen würden. September Malevolence @ AJZ Chemnitz | 24.10.09Sie machen recht klassischen Postrock; da weiß man im Prinzip was man hat. Doch besonders Linksbassist und Sänger Martin Lundmark weiß diese Truppe aus dem Sud der postrockenden Einheitssuppe zu heben. Mit seinem ruhigen Feingefühl während und zwischen den Stücken war man schnell im Bann dieses melancholischen Sommerabschiedes. Zum anderen sind die „September-Böswilligen“ live auch einfach eine Macht, bisweilen in den typischen „Ausbruchspassagen“ gar eine Betonwand, die einfach gut zusammenhält und nie bröckelt. Authentisch von der ersten zur letzten Minute, getragen von einem brachialen, präzisen Sound, der da im AJZ aus der PA kam.

Das Bild änderte sich ein wenig. Kurz geschnittene Dreitage- bis Vollbärte statt glatte Gesichter unter seitengescheitelter Schüttelfrisur. Unverkennbar handelt es sich bei diesen vier haarigen Burschen um JUNIUS aus den Vereinigten Staaten. Sie spielen eine eigenwillige Mischung aus Progressive Rock, Postrock, Wave und Indie, kurzum vielleicht: Post Wave mit viel Gitarre, wobei das Wavige vor allem dem an The Cure-Vocals erinnernden Junius-Sänger Joseph E. Martinez zu verdanken ist. Junius @ AJZ Chemnitz | 24.10.09Zur melodramatischen Stimmung trug insbesondere die gelungene Beleuchtung bei: Eine Mischung aus Finsternis, funzeligen Bodenleuchten und einer gleißend hellen Strahlerleiste, die das Publikum mehr als nur einmal blendete. Da konnte man nur die Augen schließen und sich hineinfallen lassen in die Liveversionen ihres neuen Konzeptalbums zu den Thesen des Immanuel Velikovsky. Eine Hälfte ihres neuen Albums „The Martyrdom of a Catastrophist“ durfte ich bereits genießen, denn auf Tour und in ausgewählten Mailordern kursiert eine wunderschön aufgemachte Doppel-LP mit cappuccino-cremefarben-marmoriertem, schweren und hochwertig gepressten 45rpm(!) 12“-Vinyl und 16-seitigen Großformatbooklet, in welchem jeder Song nochmals mit einer stimmigen Zeichnung bedacht wurde. Und wieso nur eine Hälfte? Leider wurden die LPs aus einem Karton falsch gepackt und mit zwei gleichen Scheiben versehen. Sollte aber sonst nicht passieren. Die Scheiben gingen nach dem Junius-Auftritt jedenfalls weg wie warme Semmeln und die Band zeigte sich sichtlich gerührt von der Euphorie der vielen anwesenden Fans, denen Junius zuvor gewiss schon ein Begriff war: Immer wieder begeisterte Zwischenrufe und verzücktes Gejohle.

Zufrieden verließen zu später Stunde einige Gemüter die Abgelegenheit des AJZ, um in ihre warmen Häuslichkeiten zurückzukehren; viel mehr aber harrten in und um dem Alternativen Jugendzentrum aus und machten die kalte Nacht vor allem zu einer langen…

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