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Judassohn @ Forum Rheinhausen | 25.03.2010

28. März 2010

Den heißen Atem des Drachen im Nacken

Judassohn - 25.03.2010 Ausnahmsweise geht es hier nicht um Drachen sondern um das andere Lieblingsthema des Autoren Markus Heitz: Vampire. Der Pub-Besitzer und Tausendsassa Heitz hat sich etwas Neues einfallen lassen um seine vielen Hobbies und Interessen zu kombinieren: eine Lesung aus seinem neuen Vampirroman “Judassohn” mit Musik, Tanz und Theater.

Dieses “Event für die Sinne” fand in einem ehemaligen Jugendzentrum in Duisburg Rheinhausen statt, einem Relikt aus besseren Tagen der Kommunen, welches inzwischen in Eigenregie vom Social Club e.V. als Mehrzweckhalle geleitet wird. Über den Erfolg könnte man argumentieren, insbesondere mit Taxi-Fahrern, die anscheinend allesamt noch nie davon gehört haben.

Umso erfolgreicher ist natürlich der “Zwerge” Autor Heitz und letztendlich ergab sich im Forum Rheinhausen, düster-gepimpt für die Veranstaltung, eine sehr nette und übersichtliche Atmosphäre. Am Ende der Halle gab es einen unauffälligen Merch Stand an dem man sich noch schnell das zugehörige Buch “Judassohn” und einige andere Werke von Heitz zulegen konnte, und auf der anderen Seite befand sich eine nette kleine Theke mit Flaschengetränken zu humanen Preisen.

Ein riesiger rot angeleuchteter Drache dominierte das Bühnenbild und stimmte die zahlreich erschienen Gäste (ca. 120) vorab schon auf das kommende Ereignis ein. Die gesamte Bühnendeko, eine Mischung aus Nanu-Nana und Gothic, sowie das Sammelsurium an Instrumenten wie Konga, Akkordeon, Cello, Keyboard und noch zusätzlich ein Holzthron mit Löwenköpfen, machten neugierig auf mehr.

Punkt 20 Uhr legte sich, ganz im Stil der Moorlandschaftlastigen frühen Kapitel des Buches, Nebel über die Anwesenden. Heitz betrat die Bühne und nahm den Löwenkopfthron ein – gekleidet wie immer komplett in schwarz mit Rangern, Cargohosen, Totenkopfkrawatte und Hemd. Gefolgt wurde er von den Musikern von Persephone , die wie Geister aus dem Nebel auftauchten.

Judassohn - 25.03.2010 Eingeläutet mit einer traurig tragenden Atmosphäre steigerte sich die Veranstaltung langsam stimmungsvoll zum Auftritt der Sängerin Persephone (besser bekannt als L’âme Immortelle-Sängerin Sonja Kraushofer). Barfuss und mit einem Rotschopf der ein Judaskind blass aussehen lässt, wirbelte und funkelte sie ausdrucksstark über die Bühne. Nach einer ersten exzentrischen Gesangsdarbietung übernimmt Frau Persephone die Nebenrolle und Meister Heitz tritt in den Mittelpunkt um uns aus einem der ersten Kapitel seines 678-Seiten Wälzers vorzulesen.

“Judassohn” springt wie schon das Vorgängerbuch “Kinder des Judas” zwischen Vergangenheits- und Gegenwartshandlungssträngen hin und her, die letzendlich zusammengeführt werden. Während “Kinder des Judas” uns noch mit den Vampiren aus dem Volksglauben in deren Ursprungsland Serbien vertraut machte, spielt die Vergangenheitshandlung in “Judassohn” hauptsächlich in Frankreich, später teilweise wieder in Serbien. Gemeinsam haben die beiden Bücher jedoch die Gegenwartshandlung: diese spielt in Leipzig und dreht sich hauptsächlich um die Protagonistin (Protagonistenmutter?) Sia. (Siehe auch Vorbericht.)

Judassohn - 25.03.2010 Zurück auf der Duisburger Bühne wird Heitz nach dem Kapitel von einem neuem Highlight abgelöst; seltener auf den Bühnen dieser Republik zu sehen, wirbelt eine Bauchtänzerin (Asherah Latifa) zur Musik aus dem Francis Ford Coppola Film “Dracula” und passend zu der Erzählung aus Heitz Kapitel mit Dolchen wie die Göttin Kali über die Bretter.

Im Wechselspiel geht es immer so weiter – mal trägt Heitz uns ein Kapitel vor, mal singt Persephone ein Chanson mit theatralisch und zum Thema passender Untermalung, mal tanzt Frau Latifa über die Bühne. Im Allgemeinen lebt die Veranstaltung wirklich sehr davon das alles stimmig aufeinander aufbaut. Man hat nie den Eindruck das hier etwas zwanghaft verheiratet wird was nicht zusammengehört, sondern das sich harmonisch Hand in Hand die Künste gegenseitig befruchten und stimulieren. Die Musik ist abwechslungsreich, das Zusammenspiel zeigt das jeder seine Rolle kennt und doch mit Herzblut und Spaß ausfüllt, und die Musik ist durchaus angenehm unterhaltsam auch ohne ein Fan von dieser Richtung zu sein.

Judassohn - 25.03.2010 Nach 90 Minuten die einzige Atempause für die bis zu 120 Gäste. Hier hatte ich die Möglichkeit meinem eigenen Verlangen nachgehen zu können, nein nicht nach Blut sondern nach Nikotin, aber wahrscheinlich genauso wahnsinnig machend. Zwanzig Minuten reichen hierfür auch völlig aus. Wieder legt sich Nebel über die Anwesenden und man taucht erneut ab in den Kosmos von Licht und Schatten, Schall und Rauch, Blut und Verlangen. Viel zu kurz schien die Zeit vergangen zu sein als sich dann gegen viertel vor elf das neunköpfige Bühnenensemble nach einer Zugabe artig verbeugte.

Noch flugs ein paar mitgebrachte und gekaufte Bücher signieren lassen, was Meister Heitz wie immer sehr gelassen und mit viel Freude über sich hat ergehen lassen – dann ging es hinaus in die wirklich reale Nacht mit der Hoffnung das Heitz, wenn er sich noch weiter in den Kosmos der Balkanmärchen hineinbegibt und auf so Kreaturen wie die Baba Roga stößt, dieses hoffentlich wieder so bezaubernd wie an diesem Abend ausgeht. Also auf ihr Leute, Fernseher/Rechner aus, ein Buch zum schaudern und wundern schnappen und dabei noch die richtige Stimmungsmusik auflegen. Und wenn der Knaur Verlag mitspielt, dann gibt es das All-Inclusive Paket vielleicht bald wieder auf einer Bühne in eurer Nähe.

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Links:
» Judassohn-Tour Offizielle Website
» Markus Heitz’ Offizielle Website
» Persephone’s Offizielle Website
» Asherah Latifa’s Offizielle Website
» Judassohn-Tour Twitter Account

Text: Mihailo (mit Ergänzungen von Ute)
Fotos: Ute

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