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JETHRO TULL: „Thick as a Brick“

28. März 2008

Nahaufnahme eines Klassikers

Der 36-jährige Geburtstag dieser Platte ist zwar schon um mehr als zwei Wochen verpasst, doch braucht ein absoluter Klassiker gar keinen Anlass, um stets gehört und gefeiert zu werden. Nicht umsonst wird einem Album wie Jethro Tulls „Thick as a Brick“ das Prädikat „zeitlos“ zuteil…

Die frühen 70er waren gute Jahre, zumindest in Sachen Musik. Gern wäre ich eine unvergessliche Note – vielleicht auch ein kleines Thema, wenn der Wunsch nicht zu vermessen klingt – in einem der großen Konzeptalben, die damals von Emerson, Lake and Palmer oder Yes veröffentlicht wurden. In nur 20 Takten im Stück „Eruption“ von ELPs „Tarkus“-Album vom 10/8- zum 3/4-, wieder zum 10/8- und schließlich zum 4/4-Takt, wer möchte da nicht gern das markante Ostinato sein? Oder eine vertrackte Synkope aus Yes‘ „Close to the Edge“, unvergesslich und ein wichtiges Teil des Ganzen, wo alles seinen richtigen Platz hat und einem genau ausgetüftelten Konzept zugrunde liegt?
Ironischerweise wurde ein paar Monate später, nämlich im März 1972, ein Album namens „Thick as a Brick“ als Verballhornung dieser beiden verkopften Konzeptklumpen erschaffen…

Und diese Persiflage – „but in a nice way“ – beginnt dann auch ganz „unprogressiv“ in so einer locker-liedhaftigen Laune, die von nichts und niemandem besser intoniert werden könnte als von sorglosem Akustikgitarrengeklampf, einer fröhlich-naiv klingenden Querflötenmelodie und Ian Andersons spöttelndem Gesang:

„Really don’t mind if you sit this one out…“ [0:09]

…Denn immerhin dauert dieser eine Song knappe 44 Minuten, was in der Rockgeschichte den ersten einzelnen Track dieses Ausmaßes darstellt. Logischerweise wurde „der Titeltrack“ zum damaligen Zeitpunkt dann auch auf beide LP-Hälften gesplittet.

Jethro Tull – Thick As A Brick (1972)
Jethro Tull - Thick As A Brick (1972)Ein anderer Grund für die Enstehung eines Konzeptalbums war die Tatsache, dass viele Kritiker das 1971 erschienene Tull-„Durchbruchsalbum“ „Aqualung“ als Konzeptalbum verstanden, obgleich Bandkopf Ian Anderson den Hithaufen lediglich als „bunch of songs“ abtat. (Audio-Interview auf der 1998 erschienenen remasterten CD-Edition von „Thick as a Brick“) Klar, dass Tull dann mal beweisen mussten, was nun wirklich ein Konzeptalbum ist! In selben Interview geht man dann sogar so weit, nicht ohne großes Augenzwinkern in den eigenen Worten, „Thick as a Brick“ als „mother of all concept albums“ zu bezeichnen. Die Intention war, sowohl in Musik als auch Text komplex und irritierend zu sein… Gelungen? Aber ja, denn auf unsere liebevolle, songwriterisch einfache Einleitungsmusik folgt ein jazzig-rockendes (Instrumental-)Inferno [03:00]: frech und wild orgelnd, stromverzerrt riffend, maschierend getrommelt und geleitet vom vollmundig groovenden Bass und der spielerisch umherwirbelnden Querflöte schaukelt sich der Fünfer zum nächsten Höhepunkt hinauf:

„The poet and the painter casting shadows on the water
as the sun plays on the infantry returning from the sea.
The do-er and the thinker: no allowance for the other
as the failing light illuminates the mercenary’s creed…“
[06:08]

Was darauf folgt bevor es wieder zum gleichen Thema mit anderem Text zurückkehrt, klingt sowohl wild als auch gut ausgetüftelt, fröhlich und doch so voller musikalischer Finesse, kindische aber geniale junge Männer waren hier am Werk. „We were in kind of a silly state of adult development“ gab Gitarrist und Tull-Urgestein Martin Barre mal zum Besten. Da verwundern dann nicht die sturm-und-drängerischen Worte

„…I’ll judge you all and make damn sure that no-one judges me!“ [15:30]

Doch so durchdacht und perfekt arrangiert diese Musik durchweg anmutet, „Thick as a Brick“ wurde in ziemlich hastiger Manier geschrieben, wie Ian in einem 1997 geführten Interview verlauten ließ. So buchte die Band schon das Studio in London-Bermondsey ohne überhaupt die Musik ansatzweise fertig zu haben. Das Resultat: Mr. Anderson komponierte jeden Morgen zwei bis drei Stunden lang, zog danach damit in den Proberaum um das Ganze mit den Bandkollegen auszuprobieren, Stück für Stück und Tag für Tag, und etwa zwei Wochen später ging es dann ins Studio, wo alles nicht minder Hals über Kopf, zum Teil auch improvisiert, in etwa zehn Tagen aufgenommen wurde…

Spätestens nach den ersten 21 Minuten, nämlich Am Ende der A- und zu Beginn der B-Seite merkt man in einem langen Free Jazz-Teil – für viele vielleicht Geschmackssache, ich find ihn von vorn bis hinten fantastisch! – dass einiges einfach improvisiert sein MUSS. J-Tull sind jedoch so begnadete Musiker, dass es trotzdem nicht so klingt, als überließe man den Verlauf des Geschehens dem Zufall. Hier gibt’s die volle Packung: feurige Drumsoli, Einsprengsel bekannter Motive der ersten 20 Minuten, fetzige Saxophon-Intermezzi, wirres Gelaber, stille und laute „und-nun-mal-alle-Miteinander“-Momente bis es dann wieder zum leichtfüßigen Akustikgitarrenmotiv des unmittelbaren Songanfangs geht [26:40] und sich ein weiteres Highlight anbahnt:

„The legends (worded in the ancient tribal hymn)
lie cradled in the seagull’s call.
And all the promises they made are ground beneath the sadist’s fall.
The poet and the wise man stand behind the gun,
and signal for the crack of dawn.
Light the sun.

…Do you believe in the day?“ [28:35]

In den Zwischenräumen dieser Zeilen ist die wohl größte Spannung des gesamten Stückes zu finden. Das rasante Tempo der verrückten Jazzpassagen ist vergessen, man wähnt sich beinahe in einem völlig anderen Album: rein akustisch, mit gespenstisch zitternden Flöten, kruden Bassläufen und einem Schauerwald-Cembalo verteilen Tull Gänsehaut am laufenden Band, und das über mehr als fünf Minuten hinweg! Noch lange hallen Ians prophetisch gesungene Worte „Do you believe in the day?“ nach…

Gerald Bostock Die frühen 70er waren gute Jahre, auch in Sachen Humor. Und an dieser Stelle muss man dann doch mal auf das zugrunde liegende „Konzept“ zu sprechen kommen, wenn man schon über einen Meilenstein schreibt, der sich selbst „mother of all concept albums“ schimpft. Humoristisch ist das Konzept vor allem, da Tull ziemlich überzeugend Kritiker und Fans in dem Glauben ließen, ein Wunderkind namens Gerald Bostock habe mit einem überlangen Gedicht (eben der „Thick as a Brick“-Liedtext), den lyrischen Grundstock für dieses Album gelegt. Und liest man sich dieses voller Metaphern und Bilder fast frei interpretierbare Gedicht durch, so erhält man zwar kaum einen roten Faden, bekommt jedoch vielerorts einen besonders britischen Humor mit auf den Weg:

„So! Come on ye childhood heroes!
Won’t your rise up from the pages of your comic-books
your super-crooks and show us all the way.
Well! Make your will and testament.
Won’t you? Join your local government.
We’ll have Superman for president
let Robin save the day…“
[18:40/40:50]

Nicht umsonst beruft sich Textmeister Anderson auch auf den kultigen Monty Python’s Flying Circus, dessen 45 Fernsehfolgen zwischen 1969 und 1975 entstanden. Ganz in diesem Stile ist außerdem das aufwändige Booklet gestaltet. Wobei Booklet bei einer Schallplatte sowieso die falsche Bezeichnung ist, hier liegt uns nämlich eine 12-seitige Zeitung vor, die „St. Cleve Chronicle“, die laut Ian „auf-einem-Bein-steht-sich’s-doch-ganz-gut“ Anderson in ihrer Produktion mehr Zeit in Anspruch genommen hat als die eigentliche Musik: British Humour-Wortspielen, witzige Seitenhiebe auf den Text und natürlich Gerald Bostocks Gedicht selbst erscheinen neben vielen scheinbaren Sinnlosigkeiten… Bei der LP-Ersteigerung muss man unbedingt darauf achten, die „Zeitungsedition“ (Erstpressung!) zu ergattern, gerade ging eine bei Ebay für 53,34 € weg… Dann kann man nämlich auch mal, ganz im Gegensatz zum piepelig kleinschriftigen CD-Booklet, auch wirklich jeden Beitrag lesen. Eine Art Running Gag ist da der Hase, dem besondere Zuwendung im Zeitungsartikel „Do Not See Me Rabbit“ von John Evans zuteil wurde. Ansonsten sind für die Zeitung zu etwa gleichen Teilen Ian Anderson und Bassist Jeffrey Hammond-Hammond verantwortlich. Das Ende vom Lied, der Kreis wird geschlossen und es findet zum beschaulichen Anfangsthema zurück, möchte ich euch natürlich nicht vorenthalten:

„So you ride yourselves over the fields
and you make all your animal deals
and your wise men don’t know how it feels
to be thick as a brick.“
[43:15]

Jethro Tull BRAVO Superposter
Jethro Tull, übrigens benannt nach einem britischen Bauern, der 1701 die Drillmaschine erfand, sind mit diesem Album der beste Beweis: Man darf auch lachen im Progressive Rock… Man darf auch lachen über Progressive Rocker: John Evan beispielsweise trug während der Konzerte häufig ein Kaninchenkostüm – wir erinnern uns an den Nager in der Zeitung. John trank auch während der drei- bis vierstündigen Livesets ganz gern mal ein paar Bierchen. Klar dass man da auch mal aufs Örtchen muss. Statt mal ein Päuschen zu machen, ging der Herr, der sonst für Piano-, Hammondorgel und Cembalo-Klänge verantwortlich ist, ins Dunkel des hinteren Bühnenbereiches und pinkelte in leere Bierdosen… die eines Abends auf mysteriöse Weise umgeschubst wurde und das Hasenkostüm unflätig beschmutzte, was Mr. Evan dann später am eigenen Leibe erfuhr…

Ja, 1972 war ein gutes Jahr. Da gab’s auch in der Bravo-Ausgabe 45 ein Superposter von Ian Anderson (siehe oben), Star des Monats November und im April gar eine famose Titelstory: „…BRAVO hat die Boys 24 Stunden erlebt…„, man beachte dort den kleinen Absatz „Morgenstund hat Gold im Mund“…

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