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Jahresrücklausch 2011 – Teil 1: Platz 30-21

24. Dezember 2011

Das Jahr wird immer kürzer und es ist mal wieder an der Zeit, auf das Gewesene – oder besser: das Gewordene – zu schauen. War es die vergangenen Jahre immer „nur“ die Top 10, die hier ihre Veröffentlichung fand, sind es dieses Jahr gleich 30 Scheiben, die ich euch hier, subjektiv wie immer und ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit – quer durch den musikalischen Gemüsegarten präsentieren möchte… Und wer hier im ersten Teil seine(n) Favoriten nicht findet, wird vielleicht in der nächsten oder gar übernächsten Ausgabe vom „Jahresrücklausch“ fündig.

Platz 30

Tom Waits : Bad As Me
(VÖ: 24.10.11)
Lange ist’s her mit dem letzten richtigen Waits-Album. Dafür gibt’s nun endlich wieder Tom Waits in gewohnt brillanter Form: Er bellt, röchelt, kratzt, wimmert und schmusekatert dann doch wieder ums Hosenbein herum. So kennen und lieben wir unseren alten Mephisto. Die Songs stammen zum Großteil aber auch aus der Feder seiner Frau Kathleen, Sohnemann trommelt wie der Teufel (oder zumindest der Sohn dessen) und auch der schartige Kollege Keith Richards gibt wieder das ein oder andere Gastspiel, auch singenderweise, zum Beispiel auf der Reibeisenpromillejodelballade „Last Leaf“… Weitere Anspieltipps: „Bad As Me“, „Satisfied“ und „Hell Broke Luce“ (dreckig und böse stampfend… danach bitte Ohren putzen!)

Platz 29

Dark Suns : Orange
(VÖ: 02.12.11)
Eigentlich hatte ich schon fest damit gerechnet, dass die neue Dark Suns es in meine Top 10 des Jahres schaffen würden, aber so richtig warm bin ich auch nach dem fünften Durchlauf mit „Orange“ nicht geworden, zumindest nicht im Ganzen. Die Leipziger sind an ihren Instrumenten super und haben mit den beiden „Neuen“ Jacob und Ekky zwei Meister ihres Fachs, klingen aber vielleicht auch deshalb etwas überambitioniert und anstrengend. Auch schön an „Orange“ ist, dass die Jungs bestimmt mächtig Spaß an den Arbeiten zum Album und am Spielen selbst hatten/haben und man es nirgends so richtig hinpacken kann. Rock/Metal mit Funk, Jazz und 70er-Georgel? Jepp, späte King Crimson lassen grüßen. Besser als „Grave Human Genuine“ ist „Orange“ allemal, doch die emotionale und die von mir eigentlich erwartete groovende Seite haben sie vom Album ausgegliedert und auf die geniale „Re-Oranged“ EP gelegt. Relativ nervig auf dem Album sind Nikos Falsett-Screams, wie zum Beispiel auf „That Is Why They All Hate You in Hell“. Hier aber ein paar bessere Anspieltipps: „Elephant“, „Not Enough Fingers“, „Vespertine“ (eines der vieseitigsten, interessantesten Stücke des Jahres)

Platz 28

Lantlôs : Agape
(VÖ: 28.10.11)
Und nochmal ein erwähnenswertes Album aus dem Hause Prophecy. Ganz aus einem Guss kommt das im Black Metal verwurzelte „Agape“, zu deutsch „Liebe“ und das ist gar nicht mal so abwegig. Hochgefühl und Verzweiflung geben sich hier die Klinke in die Hand, gesanglich wird das Ganze von Neige (Alcest) veredelt, der mit seinen markanten Krächzschreien schön durch Mark und Bein fährt. Mit den Einflüssen aus Shoegaze und Jazz gibt es auf die kurze Spielzeit von 34 Minuten viel zu entdecken. Ein leicht fahler Beigeschmack liegt in der beanspruchten Exklusivität, muss man doch auf der Labelseite folgendes lesen: ‚“Agape“ ist einerseits eine radikale Entfernung vom Post Black Metal, gleichwohl aber auch (s)eine konsequente Weiterentwicklung.‘ Post Post Black Metal quasi? Ha! So ganz neu und vordenkerisch wie sie sich rühmen, sind Lantlôs nun auch wieder nicht… Das konnten zum Beispiel schon Novembre gut („Bliss“ hätte auch auf „Novembrine Waltz“ oder „The Blue“ stehen können). Wo sind die eigentlich hin…? Na, solange wir erstmal Lantlôs haben, will ich auch nicht ningeln. Anspieltipps: „You Feel Like Memories“, „Bliss“

Platz 27

Birds Of Passage : Winter Lady
(VÖ: 17.12.2011)
Die „Winter Lady“ hatte ich dieser Tage schon einmal in unserem Winterspezial kurz beleuchtet, von daher will ich nur noch einmal fix die Essenz in Erinnerung rufen und euch dem Beispielsong überlassen: „Die minimalistischen, verträumten Wispervocals von Alicia sind fast permanent von einem feindlich bis geheimnisvoll anmutenden Drone-Teppich untermalt; es ist keine weiße Schneepracht, die hier besungen wird, sondern die Unbarmherzigkeit des Winters, die dunkle Kälte und Verlassenheit.“ Anspieltipps: „Highwaymen In Midnight Masks“, „Waltz While We Sleep“

Platz 26

Jeff Bridges : s/t
(VÖ: 12.08.11)
Ja, er kann auch singen, wenn es auch ein wenig whiskeygegurgelt klingt. Ihm wird auch zugeschrieben, Gitarre und Klavier spielen zu können, diese Arbeit überlässt der Dude diesmal jedoch ein paar fähigen Söldnern, die ihren Job sauber erledigen. Auch die wenigsten Songs stammen von ihm selbst. Hier haben wir es aber mit zehn echt schönen Stücken zu tun. Gesanglich passt es . Vom verschrobenen Bluesrock-Song wie das staubtrockene „Tumbling Vine“ bishin zum Schmuse-Countrysong wie „Nothing Yet“ ist alles dabei. Nicht selten veredelt Rosanne Cash, des bekannten Johnnys älteste Tochter, die einzelnen Stücke mit ihrer wunderbaren Stimme. Anspieltipps: „Falling Short“, „Tumbling Vine“

Platz 25

Ryan Adams : Ashes & Fire
(VÖ: 11.10.11)
Recht spät bin ich überhaupt erst auf diesen musikalischen Tausendsassa aufmerksam geworden, der ja nahezu alle Genre von Singer-Songwriter bis Black Metal mit seinem fleißigen Schaffen abdecken kann. Und so war dann auch die absolute Kehrtwende wieder da: Letztes Jahr gab’s mit „Orion“ noch ein Brett, das man mit gutem Willen als „super-heavy country music“ bezeichnen könnte und dieses Jahr wird die E-Gitarre nahezu im Schrank gelassen und die gute alte Pedal Steel jault in bester Nashville-Manier so herzschmerzende Balladen wie „Do I Wait“ oder „Kindness“ von der Saite. Auch dem guten Bob Dylan werden hörbar die Hommages erbracht. Mir gefällt’s. Anspieltipps: „Dirty Rain“, „Do I Wait“

Platz 24

Eddie Vedder : Ukulele Songs
(VÖ: 27.05.11)
Und jetzt noch mal so ein Mann mit Gitarre: Eddie Vedder, diesmal auf Solopfaden unterwegs trotz 20-jährigen Pearl-Jam-Jubiläums. Vedder, fast nur ausgerüstet mit diversen Ukulelen, kann hier zeigen, was in seiner Stimme steckt. Vom Rocker zum Romancier: Eddie spielt sich hiermit vor allem in die Damenherzen, beweist aber auch, dass er mit wenigen Mitteln mehr als nur Akzente setzen kann. Anspieltipps: „Sleeping By Myself“, „Longing To Belong“

Platz 23

Tenhi : Saivo
(VÖ: 02.12.11)
Für Tenhi muss man sich einmal mehr eine Mütze voll Ruhe mitbringen, sonst funktionieren die 12 Stücke einfach nicht. „Saivo“ kommt aus einer anderen Welt, das hört man sofort, wie üblich bei Tenhi. Diesmal ist das genau genommen das samische Totenreich. Mythen- und naturverbunden wie eh und je, jedoch mit weniger Folkinstrumenten und stattdessen mit mehr sphärischen Klängen, hypnotisieren sich die Finnen ins Bewusstsein des Hörers und lassen Raum und Zeit völlig vergessen. Anspieltipps: „Saivon Kimallus“, „Pienet Purot“, „Sateen Soutu“

Platz 22

Talking To Turtles : Oh, The Good Life
(VÖ: 19.08.11)
Talking to Turtles : Oh, The Good LifeGanz schön Laune macht dieses nett aufgemachte Album der sympathischen Indie Folker Talking To Turtles, die früher dieses Jahr schon in der Chemnitzer Beta-Bar mächtig viele neue Fans gewinnen konnten. Ich zitiere mich einfach mal wieder selbst: „Ich liebe das leicht angeschrägte „Wonky Cradle“: Das fängt als ob die Post Waver Junius mit Neil Young und Will Oldham alias Bonnie „Prince“ Billy in einem Boot sitzen. Am Ende kommt dann aber doch irgendwie etwas Hoffnungsschimmerndes heraus, so düster die Referenzen auch manchmal tönen. Bestes Beispiel dafür ist der Gute-Laune-Song „Grizzly Hugging“. Den kann man sich übrigens kostenlos herunterladen„. Anspieltipps: „In The Future“, „Wonky Cradle“, „Grizzly Hugging“

Platz 21

R.E.M. : Collapse Into Now
(VÖ: 04.03.11)
Ja, ich muss es zugeben: R.E.M. finde ich schon seit etwa 15 Jahren unwiderstehlich gut. Für mich sind das super geschriebene und unverwechselbare Pop/Rock-Nummern und Stipes Stimme gibt es so auch nur einmal auf der Welt. R.E.M. gingen anno 2011 wieder weg vom gefälligen Stadionrock, wieder rein in die Wohnzimmer und mit Songs wie „Mine Smell Like Honey“ und dem rotzigen „Alligator_Aviator_Autopilot_Antimatter“ kann man sogar die Garagenparty zum Kochen bringen; eine leichte Punkrock/Grunge-Note liegt hier in der Luft und das fetzt ungemein. Klar dass dann auch Patti Smith und Eddie Vedder für ein paar schön abgehende Gastspiele gewonnen werden konnten. Und umso trauriger, dass R.E.M. sich dieses Jahr auf der Spitze ihres Zenits, frischer klingend denn je, aufgelöst haben. Anspieltipps: „Überlin“, „Mine Smell Like Honey“, „Alligator_Aviator_Autopilot_Antimatter“

So, und jetzt machen wir alle nochmal Weihnachten und bald meld ich mich wieder zurück mit den Plätzen 20 bis 11 vom Jahresrücklausch 2011.

Ein rockendes Fest euch!

1 Kommentar

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