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Remember her name… Her Name Is Calla

9. Oktober 2010

Mal wieder eine Art Musik, die getrost in unsere schwammelige Kategorie „Auf zu neuen Ufern“ passt. Die britischen Schubladen-Verneiner Her Name Is Calla waren bereits in Vergangenheit bei uns kurz im Gespräch, mit „The Quiet Lamb“ veröffentlichen sie nun ihr zweites Album, vollgepackt mit Laut und Leise, Bescheidenheit und Bombast, Elegie und Explosion, nicht mit Pauken, wohl aber Trompeten, naja, zumindest Posaunen.

Auch Celli mischen sich in den gedankenverlorenen Shoegaze-Ambientsound. Die Perkussion zeigt sich selten, dann aber auch wieder sehr rabiat. Auch den Gesang platziert Thom Corah sparsam. Ganz viele Bands haben heutzutage das große Manko, dass sie ihre Stücke „zersingen“, zu viel Melodie und Können beweisen wollen und dabei der Musik nicht ausreichend Raum zur Entfaltung geben. Her Name is Calla machen das anders und setzen ihre lyrische Mensch-Natur-Metaphorik gezielt und effizient ein…

"The Quiet Lamb" (VÖ: 22.10.2010)

'The Quiet Lamb' (VÖ: 22.10.2010)

They found your
Clothes by a Lake
I held my breath
I followed the current south
Southwards
Until I found your
Secret place

Your Body
wrapped in vines…

Herzstück dieses Albums ist ganz klar das sich langsam aufbäumende, gänsehautverursachende 17-Minuten-Epos „Condor and River“ sowie der abschließende Dreiklang der unzertrennlichen, dramatischen „The Union“-Stücke. So wie eigentlich alles auf „The Quiet Lamb“ unzertrennlich homogen einandergreift. Eine Tatsache, die gewiss den unterschiedlichen musikalischen Vergangenheiten der Musiker geschuldet sein muss. Multiinstrumentalist und Bandkopf Thom Corah kann dies bestätigen:

Natürlich haben wir alle die verschiedensten Hintergründe. Ich denke aber unsere große Gemeinsamkeit ist, dass wir weniger von Musik als viel mehr von Gegebenheiten des „wahren Lebens“ beeinflusst sind. Fast alle unserer Songs sind in irgendeiner Weise biographisch. Bisweilen werden wir mit anderen Bands verglichen und meistens haben wir noch nie von denen gehört. Das ist aber gar nicht schlecht. Ich hab von Shearwater auf diese Weise erfahren und nun besitze ich alle ihre Platten! In Sachen Songwriting überstürzen wir nichts. Normalerweise wird ein Stück mit einer Vision beginnen, die ich gern erreichen möchte, dann schreibe ich eine Grundstruktur für den Song, dann Texte, falls nötig. Wenn ich denke, dass die Sache so gut wie fertig ist, nehm ich das Ganze mit zur Band und wir spielen ein bisschen damit, ändern Dinge hier und da. Die Songs entfalten sich sehr natürlich, das ist ein sehr organischer Prozess. Es ist manchmal, als würde sich ein Stück über uns im Laufe der Zeit von allein öffnen. Ein paar der Songs vom neuen Album gibt es schon seit einigen Jahren, obwohl wir sie nie live gespielt oder in irgendeiner Form bisher veröffentlicht haben. Wir mussten warten bis wir merkten, dass die Zeit dafür gekommen war. Manchmal verstehen wir die Songs selbst nicht ganz; dann müssen wir sie eine Weile ruhen lassen. Keine Eile.

Die 75 Minuten Spielzeit vergehen wie im Flug und man fühlt sich trotz dieser enormen Länge sogar bewegt, sofort die „Repeat all“-Taste zu betätigen… oder eben die erste Platte nochmals aufzulegen. Denn einmal mehr veröffentlichen Denovali Records wieder edles Vinyl in unterschiedlichsten Ausführungen, neben der ohnehin schon sehr hübsch aufgemachten regulären CD im Kartonumschlag auch noch eine CD-Version im Holzkistchen. Doch selbst die reguläre CD-Version ist fantastisch aufgemacht, mit wertigem Steckschuberkarton und reichhaltigem Booklet, gestalterisch eine wahre Augenweide…

Her Name is Calla (photo by Heidi Kuisma, published under the terms of <a href="http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.en" target="_blank">cc-by-2.0</a>)

Her Name is Calla (photo by Heidi Kuisma, published under the terms of cc-by-2.0)


Wir haben Glück dass wir unter unseren Freunden und Fans viele talentierte Künstler und Fotografen haben. Wir haben an Leute die wir bewundern Kopien der Songs geschickt und sie gefragt, ob sie nicht eine visuelle Interpretation dazu kreieren wollen. Das war wahnsinn, denn wir haben auf diese Weise wirklich viel wunderbares, einmaliges Artwork bekommen. Es ist uns sehr wichtig, dass unsere Musik als physisches Medium veröffentlicht wird. Für uns zählen Mp3s nicht mal. Vielleicht sind wir da ein bisschen altmodisch, ich weiß nicht. Ich selbst benutze Spotify zum Streamen von Musik. Dafür bezahle ich monatlich. Platten die mir gefallen, kaufe ich dann als CD oder Vinyl. Ich verabscheue illegales Downloaden. Es ist wirklich ärgerlich, dass viele Blogs unsere Alben einfach rausgeben, bevor sie überhaupt veröffentlicht sind. Die Sache ist ja, wenn sie fragen würden, wir würden vermutlich sogar zustimmen und ein paar Songs für deren Site zur Verfügung stellen. Man möchte nur gerne mal gefragt werden, das ist alles.

Doch nicht nur im Studio sind Her Name Is Calla über alles erhaben. Voriges Jahr schwärmte unsere RockZOOM-Kollegin Jana vom Berlin-Auftritt der Briten. Wir denken uns in den Sommer letzten Jahres zurück, Her Name Is Calla im Schokoladen: „Viele Stücke begannen leise und zögerlich, um dann in einem Lärminferno zu gipfeln, langsam und stetig, in etwa, als würde ein Gewitter aufziehen, alles verwüsten, das Dach abdecken, Bäume entwurzeln, das Fahrrad ein paar Meter weiter parken und dann ganz plötzlich wieder verschwinden.“, obwohl sich Thom da eher bescheiden gibt:

Die letzte Show in Berlin war in unseren Augen sehr schwach. Die Nacht zuvor haben wir vielleicht zwei Stunden auf hartem Boden geschlafen, sind dann 13 Stunden gefahren, aus dem Wagen raus und haben dann gespielt. Wir waren so müde! Wir hoffen, dass wir bald zurückkommen und eine bessere Show geben können. Ich denke wir werden im März oder April touren. Berlin wird mit Sicherheit auch wieder dabei sein. Wir haben viele gute Freunde dort. Letztes mal haben sie Mike Calla und mich zu dieser grandiosen Currywurstbude geschleppt. Holy shit, ich mag wirklich scharfes Essen, aber ich dachte dort wirklich, dass ich ohnmächtig werde!

Bleibt am Ende noch eine Frage zu klären: Wer ist eigentlich Calla?

Ich fürchte die Antwort kann ich nicht geben. Sie würde nur einen Haufen anderer Fragen heraufbeschwören und sich gegen unsere Bandgeheimnisse richten, die wir versprochen haben, für uns zu behalten. Ich kann dir aber sagen, dass wir uns nicht nach einer Person oder einem Tier oder sowas benannt haben. Vielmehr liegt dem ganzen ein Ereignis zugrunde. Ein Ereignis, das personifiziert wurde. Sorry falls das sogar noch vager klingt.

Mögen sie dieses Geheimnis von mir aus gern hüten, wenn sie weiter so grandiose Musik machen! Wer jedenfalls die Labelkollegen KOM, Blueneck und Neil On Impression mag oder ganz allgemein einfach nur ein aufgeschlossener Freund unverbrauchter emotionaler Klänge ist, sollte Her Name Is Calla unbedingt Aufmerksamkeiten schenken. Hier kann man sofort mal Reinhören:

Latest tracks by hernameiscalla

Und Denovali-typisch gibt es auch wieder einiges an Einstiegsdrogenmaterial herunterzuladen. So ist beispielsweise das nur marginal weniger geniale Debütalbum „The Heritage“ in voller Länge verfügbar auf

** Her Name Is Calla @ Denovali Records: http://denovali.com/hernameiscalla

** Offizielle Homepage der Band:
http://www.hernameiscalla.co.uk

1 Kommentar

  1. […] Erst vor kurzem hatten wir “The Quiet Lamb” im Gespräch: Hier treffen melancholisch-fragile Glasbauten des Post Rock auf schier unkategorisierbare Ausbrüche. Eine Platte, die vor Dynamik nur so strotzt. So richtig wird die volle Akustikbandbreite der hervorragenden Produktion erst auf Platte mit guter Analogausstattung deutlich. Ganz großes, detailverliebtes Ohrenkino mit dem Stück des Jahrhunderts: dem epischen Emotionalbrocken “Condor and River”! Horchen! […]

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