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GOJIRA: „The Way of All Flesh“

25. Oktober 2008

Wir brauchen Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in die Wälder verstoßen würden, von allen Menschen weg, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.

So sagte einst Franz Kafka. Tauscht man dieses Buch nun gegen Musik aus, so trifft jener Satz die Machenschaften der französischen Extrem-Metaller Gojira im Kern. Aufrüttelnd zeigen sie sich seit dem 13. Oktober einmal mehr. “The Way of All Flesh” ist das mittlerweile vierte Album der vier Herren, deren Musik hier und da mit einem Schmunzeln auch gern als “Ökometal” oder gar “Zen-Metal” bezeichnet wird. Das liegt der inhaltlichen Seite sogar ziemlich nahe – wer dabei aber New Age-Klänge einer Meditations-CD vom Müller-Markt erwartet, wird aber vor allem beim Anhören der neuen Scheibe eines besseren belehrt…

Selbst “From Mars to Sirius” von 2005 war trotz hier und da auftauchender Walgesänge ein Paukenschlag: Rasche Ideen- und Tempiwechsel, die so typischen fordernden wie auch tonnenschweren Riffs und vorwiegend Death Metal-inspiriertes Gebrüll boten den Rahmen für die Reise durch das All vom Planeten Mars (als Sinnbild kriegerischen Handelns) bis hin zum hellen Sternsystem Sirius als Zeichen von Frieden. Der eindringliche Appell erschien ebenso hell und klar: Umweltbewusstsein allein reicht nicht aus. Gewissensbissig mahnen Gojira, dass Handeln gefragt ist, dass wir uns noch gar nicht genug vor der wahrscheinlichen Endstation unseres einst eingeschlagenen Kurses fürchten.

Nun bei “The Way of All Flesh” steht wieder ein anderes, wenn auch nicht dem Umweltbewusstsein völlig fremdes Bewusstsein im Vordergrund: die im Endeffekt einfache aber gern verdrängte Erkenntnis, dass wir alle einmal von diesem Leben lassen müssen. Angesichts der ernsten Thematik werden diesmal aus dunklere, unheilvollere Töne angespielt. Bereits der Opener “Oroborus” zeigt sich besonders heavy, bestens nach vorn gedrückt von dieser brachialen Wand von Produktion, für welche Logan Mader verantwortlich ist. “The Way of All Flesh” ist negativer, apokalyptischer als sein Vorgänger ausgefallen, da kaum einer im nötigen Maße auf die umweltlichen Veränderungen reagiert… Resignation – dafür sind die Protagonisten zu trotzig. Hoffnung? Dafür ist man wohl zu resigniert… “Toxic Garbage Island” und “A Sight to Behold”, letzteres teilweise mit gezischtem Vocodergesang und modernen Samples, sprechen eine ganz klare Sprache – Reminiszenz der “From Mars to Sirius”-Message, hier am Beispiel:

The way we all behave is not understandable
It is so sad to see the wealth of our planet fade away
We all behave like children, taking off the head of our teddy bear
to see what’s inside, taking, not giving back
We drain the oceans and suck all the blood out of the soil
We spend the time we have left fighting and killing each other
Lust for comfort, entertainment becomes an obsession
And there is so much time to kill

(„A Sight to Behold„, 2008)

Musikalisch erinnert “The Way of All Flesh” eher an das zweite Werk “The Link” als an die Töne des gemäßigteren letzten Albums, da hier ähnlich ruppig wie im Jahr 2003 herangegangen wird. “Adoration for None” ist da wohl das heftigste Stück des neuen Blei-Rundlings, wobei hier zusätzlich die gesangliche Unterstützung des Lamb of God-Shouters Randy Blythe eingeholt wurde. Ganz besonders der stark perkussive Einstieg von “The Art of Dying” erinnert an “The Link”, genauer genommen das darauf enthaltene Instrumentalstück “Connected”. erinnert vor allem. Insgesamt kann man “The Art of Dying” durchaus als den wohl stärksten Track auf “The Way of All Flesh” bezeichnen… gleich neben “Vacuity”, welches Sein und Nichtsein, das eigentliche zentrale Motiv der aktuellen Scheibe, gelungen und vergleichsweise einfach zugänglich auffaltet…

Vacuity. Absence of matter, emptiness, but full of light. Ultimate presence beyond the notions of our world. Vacuity is the source and not just ’nothingness.‘ We live in a world that goes faster every day and it seems there’s a lack of time for each one of us.
This song is about taking the time and being closer to the heart.

(Joseph Duplantier, git./voc.)

Offizieller Videoclip zu “Vacuity”:

“The Way of All Flesh” überwindet die streckenweise vorhandene Ziellosigkeit von “The Link” und ist zugleich bissiger als “From Mars to Sirius”. Dafür muss man sich dieses neue Album hart erarbeiten. Doch Gojira-Fans wissen, was sie von ihren Lieblingsfranzosen haben: einmalige Vocals (diesmal “nur” gebrüllt, ohne Klargesang) und den unverwechselbaren Gitarrensound mit den so typischen, knallharten Stakkato-Riff, die sich für den einen angenehm beschäftigend, für den anderen absolut unverdaulich in die Magengrube legen. Wer bisher nicht mit Gojira in Kontakt gekommen ist, versucht sich am besten erst einmal am oben hinterlegten „Vacuity“.

>> www.gojira-music.com
>> www.myspace.com/gojira/

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