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Gedanken zu PRIMORDIALs „To the Nameless Dead“

26. November 2007

Nationhood...

…Dafür gibt es nicht mal ein passendes deutsches Wort… vielleicht nicht ohne Grund, als Deutsche/r hat man’s bekanntlich nicht leicht mit der Vaterlandsliebe. Doch eben diese „nationale Identität“, wenn man dies als Übersetzung akzeptiert, beschäftigt dieser Tage (einmal mehr, doch diesmal expliziter) die Iren von Primordial, die im trostlosen November mit „To the Nameless Dead“ aufwarten. Und obwohl sich die „grüne Insel“ stets aus Kriegen mit anderen Nationen (bis auf einer!) herausgehalten hat, der namenlosen Toten hat sie viele. Und haben Primordial auf ihrem letzten Album „The Gathering Wilderness“ mit ‚The Coffin Ships‘ den Opfern der großen Kartoffelpest ein Denkmal gesetzt, so sind nun jene an der Reihe, die für „ihr Land“ das Leben ließen…

Wenn der alte Monsewer in Brendan Behans ‚The Hostage‘ „the ould cause“ anpreist, so meint er den unerbittlichen, jahrhundertelangen Kampf Irlands zur eigenen Nation, welcher letztendlich 1922, nach beinahe einem ganzen Jahrtausend in germanischer und britischer Fremdherrschaft, zum Kompromiss führte: 26 Grafschaften im Westen und Süden regieren sich fortan selbst als Republik Irland, während der Norden mit 6 Grafschaften weiterhin unter dem Banner des Vereinten Königreiches verbleibt und noch lange mit Diskrepanzen zwischen Protestanten und den Katholiken zu kämpfen hat… nein, hatte, hoffentlich.

Bezahlt wurden die Republik Irland und der Frieden im Norden mit den unzähligen Leben ihrer protestantischen und katholischen Kinder: Bauern, Poeten, Funktionäre, Märtyrer, nicht zu vergessen auch die „Ausführenden“ auf der „anderen Seite“: seien es die „Black and Tans“, gezeichnete britische Veteranen des ersten Weltkrieges, zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts als rigorose Polizei vor allem gegen die IRA eingesetzt, oder der ahnunglose junge Cockney-Soldat Leslie Williams, Behans Geisel aus dem bereits erwähnten Klassikerstück des irischen Dramas. Hier hatte das Opfer einen Namen, A. A. Nemtheanga und seine Bandmates aus Dublin erinnern mit „To the Nameless Dead“ an die anderen, die Vergessenen:

„That nameless men and women who become nothing but statistics would give their lives defending or attempting to acquire land. That would die believing they were trying to secure a better future for their people […] What happens to these people’s languages, folklore, history and myth? Have these people simply given their lives in vain…?“ (Primordial, 2007)

Primordial – To the Nameless Dead (16.11.2007)

Primordial - “To the Nameless Dead” (2007)

1. Empire Falls
2. Gallows Hymn
3. As Rome Burns

„The West is ripe for the picking, ready for the fall. We are being sold for the endless corporate multinational pursuit of creating one faceless mono-culture“ (Primordial, 2007)

4. Failures Burden
5. Heathen Tribes
6. The Rising Tide
7. Traitors Gate
8. No Nation on this Earth

Man muss schon tiefer gründeln, um diesen patriotischen Worten Glauben zu schenken, um überhaupt den Verlust dieser einzigartigen Kultur zu begreifen, im Angesicht des verwest(licht)en Iren dieser Tage – Vorsicht, satirisch. Und hat man nicht wie die Schreiberin dieser Zeilen das Glück, direkt an der Quelle zu sitzen, Irland, dieses in Vergangenheit gebeutelte und nun wirtschaftlich aufblühende Land für längere Zeit selbst zu erleben, so ergibt sich zumindest beim Anhören der Musik Primordials eine Art Verständnis:

(An)klagend und mahn-malend ertönt Nemtheanga: elegisch, stolz, fast schon ein bisschen eingeschnappt… und natürlich wütend. Ja, die Wurzeln im Black Metal, spätestens beim erbosten ‚Traitor’s Gate‘, mehr noch beim Abschluss ‚No Nation on this Earth‘ kommen sie wieder zum Vorschein. Gebettet sind diese Wurzeln in ein gewaltiges Erdreich aus hypnotisch-minimalistischen Gitarrenriffs – erdig, reich… zeitlos und durchweg primordial: Es klingt als haben die Herren MacUilliam und O’Floinn diese Töne direkt aus dem irischen Boden gesogen, ein vorchristliches Relikt…

„He is coming, Adzed Head,
on the wild-headed sea
with cloak hollow-headed
and curve-headed staff.

He will chant false religion
at a bench facing East
and his people will answer
‚Amen, amen‘.“

(anonym, 5./6. Jh., aus dem Irischen übers. von Thomas Kinsella)

Um das Ganze besonders ursprünglich zu halten, hat sich die Band diesen Sommer in ein Studio zurückgezogen, wo rein analog aufgenommen wurde. Ein warmer Oldschool-Sound ist dabei herausgekommen. Wobei ich sagen muss, dass Primordial noch nie besonders durchproduziert klangen, was auch gut so ist. Ironischerweise befindet sich dieses Studio in Wales, nicht in Mutter Irland. Macht aber nichts, da sich sowohl Irland als auch die britische Insel fleißig und pausenlos durch den „Sommer“ geregnet haben, ist die Grundstimmung angenehm düster geraten. Eine Ausnahme bildet da wohl ‚Heathen Tribes‘: Stolz und hymnengleich berichtet Texter Nemtheanga von seinen Reisen um die Welt, von Brüdern und Schwestern und landschaftlichen Schönheiten anderer Nationen, und kommt am Ende glücklich wieder daheim an:

„Yet when to Ireland we Return
I know that I am home at last
And every sun that sets
Takes me closer to her Earth“

(Primordial, 2007)

An welchen überschwänglichen irischen Poeten dies stark erinnert? Strittig ist der lyrische Gehalt seines Dichtwerks, doch unmissverständlich direkt sein Anliegen: Die Rede ist von Thomas Davis, einem der führenden Akteure der Young Ireland-Bewegung, die nichts geringeres als die völlige Unabhängigkeit Irland vom Vereinigten Königreich im Sinn hatte. ‚My Grave‘ stellt das ‚Heathen Tribes‘ des 19. Jahrhunderts dar:

Shall they bury me in the palace tombs,
or under the sahde of cathedral domes?
Sweet ‚twere to lie on Italy’s shore;
Yet not there – nor in Greece, though I love it more.
In the wolf or the vulture my grave shall I find?
Shall my ashes career on the world seeing wind?
Shall they fling my corpse in the battle mound,
where coffinless thousands lie under the ground?
Just as the fall and are buried so –
Oh, no! oh, no!

No! on an Irish green hillside,
or an opening lawn, but not too wide;
For I love the drip of the wetted trees –
I love not the gales, but a gentle breeze,
To freshen the turf; put no tombstone there,
but green sods, decked with daisies fair;
nor sods too deep, but so that the dew,
The matted grass roots may trickle through.
Be my epitaph writ on my country’s mind:
„HE SERVED HIS COUNTRY, AND LOVED HIS KIND.“

(Aus ‚My Grave‘, Thomas Osborne Davis, 1842)

Wer nun nicht länger ausharren konnte, davon gestürmt ist, um „To the Nameless Dead“ zu erwerben, ganz zufällig wiedergekommen ist und hier weiterliest – ja klar, alles sehr wahrscheinlich – wird beim Lesen der Lyrics von ‚Heathen Tribes‘ wirklich frappierende Ähnlichkeiten ausmachen können.

Völkisch sind Primordial also, ganz klar. Folkig? Bedingt. Keine Fiddles, Uillean Pipes, Whistles oder Pub-Melodien. Morrigans Irland spricht mit tribalartigen Drums und puristischen Akustikgitarren. So ist es typisch für Primordial und ich möchte behaupten, dass sich „To the Nameless Dead“ musikalisch nicht sehr vom Vorgänger „The Gathering Wilderness“ unterscheidet. Auch die Mission bleibt: Die Roots nicht vergessen… auch mal an einem Denkmal stehen bleiben und sich fragen, warum es dort steht, am Grabhügel ausharren und sich an jene erinnern, die unter ihm liegen, selbst wenn man sie nicht kennt…

„The whole landscape a manuscript
We had lost the skill to read,
A part of our past disinherited;
But fumbled, like a blind man,
Along the fingertips of instinct.“

(Aus ‚A Lost Tradition‘, John Montague, 1972)

…Wohl Montagues am schwersten wiegenden Worte seines alltagslyrischen Schaffens. Und um dann doch mit ein paar weisen Zeilen Primordials abzuschließen:

„You may look away
but your children will not…“


Mein nächstes Pint erhebe ich in Richtung Dublin.

Homepage: www.primordialweb.tk

Keine Kommentare

  1. Äußerst lesenswerter Beitrag, sensationelle Arbeit, liebe Katrin!!

    #670
  2. Lob an die Verfasserin, sehr gelungener und auch sehr anschaulich belegter Artikel.
    Das Album ist bei mir auch schon am zweiten Tag nach der Veröffentlichung ins Haus geflattert und nach mehrmaligem Hören kann ich dir in deinen Ausführungen nur Recht geben!

    MfG Christopher Siebert

    #671
  3. Treffend, eine sehr gelungene rezension.
    „To the nemaeless dead“ hat aber auch keine schlechtere und minder recherchierte rezension verdient. Lob-Lob

    #673
  4. Vinno

    Gut geschrieben!

    #672

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