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Frühjahrsprophezeihungen

20. März 2008

Der Talentschuppen Nummer eins für dunkle, atmosphärische, avantgardistische und mitunter progressive Musik heißt zweifellos Prophecy Productions. Neben der aktuellen Dark Suns-Scheiblette „Grave Human Genuine“ erblickten zeitgleich zwei weitere lohnenswerte Veröffentlichungen das blassgraue Himmelszelt dieses Frühjahres.

NOEKK: „The Minstrel’s Curse“ (VÖ: 22.02.2008)
Noekk - The Minstrel
Der „Grimalkin“ ging an mir leider spurlos vorbei, doch erinnere ich mich noch gut an das erste Ausrufezeichen der Herren Funghus Baldachin und F.F. Yuggoth: „The Water Sprite“ war zugleich mysteriös als auch erfrischend dank Mellotron-Teppichen in Retro-Optik und eingängig rockender Grooves. Da tanzte der Waldschrat (oder eben Noekk, so heißt jenes Fabelwesen) mit der Kräuterhexe…

Wer sich jedoch schon zum locker-flockigen Frühjahrsputz gerüstet hat, wird von der Härte des neuen Minnesängerfluches wieder zurück in den Sitz gedrückt. Rundling Nummer drei ist deutlich härter als das progrockige Debüt aus dem Jahr 2005. Schon der Titeltrack glänzt mit einem Funghus Baldachin, nach wie vor klassisch ausgebildeter Tenor, der sogar mal ganz gelungen zu fies gekeiften Flüchen ausholt. Dunkel und schwer surren dazu die Stromgitarren und verlieren dabei aber nicht ihren gewohnten Groove. Deren Sound ist crunchiger denn je und betont rifforientiert steuern sie durch das instrumentale Erdreich von „How long is ever“, doch auch die Abwechslung kommt nicht zu kurz, denn gen Ende sorgen geheimnisvolle Pianotöne für Abkühlung und münden nahtlos in das bedrohlich abschließende „The Rumour and the Giantess“. Ein wenig überflüssig ist nur der Hidden Track… aber ich mag generell keine Hidden Tracks, wenn sie nicht gerade witzig sind… doch das wäre hier auch recht unpassend. Zwar ist „The Minstrel’s Curse“ im Gesamtbild nicht so eingängig wie meinetwegen „The Water Sprite“, doch wer die 70ies-Einschläge der heutigen Opeth gepaart mit der unvergleichlichen Stimme Baldachins mag (vorher anchecken, Geschmackssache!), ist mit Noekks Neuer wieder bestens bedient bis Opeths „Watershed“ im Sommer diesen Jahres erscheint.

Noekk @ Myspace


NUCLEUS TORN: „Knell“ (VÖ: 22.02.2008)
Nucleus Torn - Knell (2008)
Weit depressiver ist das Zweitwerk dieser Schweizer. Im Zusammenspiel mit sechs weiteren Musikern (u.a. auch an Cello, Violine und Querflöte) schafft Fredy Schnyder (seinerseits Komponist und Spieler diverser mehr oder weniger exotischer Instrumente) ein überaus verstörendes Album winterlicher Nachwehen. An der Schwelle der Tagundnachtgleiche hat klar noch einmal das große Dunkel die Oberhand…

Was an dieser fast rein akustischen Sache so beklemmend ist, ist vor allem der Gesang, der männlich wie weiblich in ungewöhnlichen Molltonarten durch Mark und Bein fährt und alles andere als angenehm klingen möchte. Das ist mitnichten schlecht, vielmehr eine interessante Erfahrung verbunden mit viel Gänsehaut. Der Herr Schaad klingt gar wie eine unterkühlte Variante eines Tom Phillips von While Heaven Wept, Kälte ist sowieso ein sehr gut beschreibendes Wort „Knell“. Die Stücke wurden hier – wieder nur vier, wie auch schon bei Noekk – schlichtweg I bis IV betitelt, was ähnlich wie bei Negura Bungets „‚N Crugu Bradului“ (auch hier entschied man sich für römische Zahlen) viel Raum lässt, unbekannte Welten mit der eigenen Fantasie zu erforschen und ohne Vorgabe von Songtiteln, nur inspiriert von diesen fremden Klängen. Doch warum erwähne ich eine Metalband, wenn es sich bis hierhin ganz und gar nicht so liest? Weil hier eben alle Extreme ausgelotet werden: Piano- und Querflöteneinsatz sind gegen die stellenweise aufretende fast-komplett-Stille schon ein Donnerschlag, ganz zu schweigen von den wachrüttelnden, dennoch recht rar gesäten Extrem-Metal-Einlagen. Vielerorts ist mir der Wechsel von leise zu laut jedoch zu krass geraten – der einzige Wehrmutstropfen aus meiner Sicht. Aber so dissonant das Album auch beginnt, so etwas wie Harmonie – und unglaublicher Tiefgang! – kommt spätestens im Stück III, mit knapp 30 Minuten das längste der Scheibe, auf. Hintenraus lädt „Knell“ immer mehr zum Fallenlassen ein und wird zunehmends akustischer, erinnert somit immer mehr an die Labelgenossen Tenhi. Doch auch wer Ihsahns Kurzzeitprojekt Peccatum kennt, wird sich hier sehr zu Hause fühlen.

„Knell“ ist nicht einfach, zu unberechenbar, zu unbequem und daher sicher nichts zum oft-Hören, doch wächst dieses Werk mit jedem Hördurchgang, wenn man sich ihm nachts unter der Bettdecke oder aus dem Fenster schauend auf einer Zugfahrt durch tristes Nassgrau hingibt. Wagt den Versuch, bisher unbetretene karge (Klang-)Landschaften zu entdecken.

www.nucleustorn.ch

Hiermit haben uns Prophecy Productions ein paar gelungene Alben zweier einzigartiger Künstlertruppen beschert, die sich der gewöhnlichen Stilbeschreibungen höhnend entziehen.

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