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FALCONER: „Among Beggars and Thieves“

28. September 2008

Die schwedischen Folk Metaller FALCONER taten mit ihrem letzten Album “Northwind” wirklich gut daran, ihren ursprünglichen Sänger Mathias Blad zurückzuholen, denn nach zwei mittelprächtigen Alben mit Kristoffer Göbel konnte man mit Blads charakteristischer Stimme endlich wieder zum typischen Falconer-Sound zurückkehren. Seit dem 22. August steht das mittlerweile sechste Falconer-Album in den Läden und da tut sich natürlich die Frage auf, ob Stefan Weinerhall & Co. an ihre wiedererlangte Hochform aus dem Jahr 2006 anknüpfen können!?

Mit “Field of Sorrow” geht es schon einmal recht vielversprechend in die Scheibe, welche uns das “schwedische Mittelalter” etwas näher bringen soll. Temporreich pumpend ist der Start, die Strophen weisen einen gewissen Catch auf, der besonders auf dem Vorgängeralbum ständig präsent war. Der Refrain ist dann typisch: melodisch galoppierend, eingängig ohne Ende, schon fast zu fröhlich für die Thematik: die Besetzung des schwedischen Visby im Jahr 1361 durch den dänischen König Valdemar IV.

Falconer legen mit “Among Beggars and Thieves” nämlich nach “The Sceptre of Deception” bereits das zweite Konzeptalbum zum Thema schwedische Geschichte des Mittelalters hin. Konnte man anno 2003 aber noch eine zusammenhängende Geschichte beobachten – nämlich dem Machtkampf um die Krone zwischen drei Brüdern im 13./14. Jahrhundert – ist das aktuelle Werk lediglich eine Ansammlung mehr oder minder skuriller Begebenheiten, datiert auf alles zwischen dem 3. und 19. Jahrhundert. Dachte immer, dass das Mittelalter doch etwas enger zu stecken sei. Gitarrist und Songschreiber Stefan Weinerhall umgeht die Frage nach dieser großen inhaltlichen Zeitspanne…

Stefan Weinerhall: Ich würde es nicht wirklich als Konzeptalbum bezeichnen, obwohl die Texte auf einem gemeinsamen Thema beruhen oder einer bestimmten Zeit entspringen. Wenn die Leute von Konzeptalben sprechen, muss ich immer an so Übertriebenes denken, was die Prog Metal Bands immer fabrizieren. Ich möchte das Album hörbar belassen, ohne stets zu analysieren und das Album immer wieder aufzupumpen. Ich denke, dass unsere Lyrics in Vergangenheit immer schon mehr auf das harte Leben der einfachen Leute eingingen, statt von Rittern in leuchtenden Rüstungen oder hübschen Jungfrauen zu berichten. Dieses mal gehen wir noch einen Schritt weiter. Einige Songs beruhen auf wahren Begebenheiten, andere wiederum beschreiben nur die Zeit an sich. Um mal einige Themen zu nennen: Sklaverei im 11. Jahrhundert, das Leben eines umherstreunenden Bettlers, Freiheitskämpfe im 15. Jahrhundert oder Hexenverbrennungen in Schweden. Geschichte ist nach der Musik mein zweites großes Interesse und ich möchte die Texte so realistisch wie möglich halten und nicht in die gewöhnlichen Themen anderer Metalbands fallen.

Und genauso interessant wie ein Geschichtslehrbuch sind auch die neuen Texte geschrieben. Diese nüchterne und “realitätsnahe” Wiedergabe war nicht immer so gewesen, auf dem letzten Album “Northwind” zum Beispiel war ein Song, “Fairyland Fanfare”, der trotz seiner simplen Thematik – nämlich der einfachen Fähigkeit, träumen zu können – gallant mit einem ohrenschmeichelnden alliterationsbeladenen Vers zu verzücken wusste:

Live the legend, live life all alone,
longing to linger in lore.
Illuminating a lane
that leads you aloft.
You’re lost to the lunar lure.
Leave the languish,
leave lanterns of lorn.
Lend lacking lustre to lies.
Liberate the laces
of life for the lone
lest lament yet alights.

Bei aller Fantasie und Träumerei war „Northwind“ jedoch auch mehr denn je mit kritisch-hintersinnigen ausgestattet. Doch zurück zu den Bettlern und Dieben… Was man in “Field of Sorrow” mit geschickter Hand und schlauem Kopf aufgebaut hat, wird schon beim vorhersehbaren Refrain von “Man of the Hour” mit dem vollen Hintern wieder eingerissen. Ich kann mich den Lobeshymnen nicht anschließen, die im Vorfeld zum Album bezüglich dieses Songs seitens der Fans gesungen wurden. Wer selbst ein Ohr riskieren möchte, kann gern zu Metalblade pilgern: Falconer – “Man of the Hour”

Ungewöhnlich früh steht schon die erste Ballade an: In “A Beggar Hero” beweist Mathias Blad wieder einmal, dass er mit seiner sauberen, angenehm warmen Stimme genau der Richtige für Falconer ist. Und an dieser Stelle ist der rein akustisch begleitete Minnesang ein Hochgenuss! Zumindest bis zu dem Zeitpunkt an dem viel zu laut die Stimme von Evelyn Jons in das Lied plärrt und die Stimmung zerreißt. Die Gastsängerin hat mit ihrer zwar wohltrainierten, doch ebenso unpersönlich austauschbar klingenden Operettenstimme den Kern des Songs irgendwie nicht verstanden und somit das ganze Stück für mich ruiniert. Herzlichen Dank…

Zum Glück ist dieser Spuk schnell vorbei und genial ertönt der erste schwedischsprachige Song, “Vargaskull”. So heißt einen hier ein nordischer Chor willkommen, gefolgt von einem schnittigen Blastpart, worauf sich eine verhältnismäßig tiefe Blad-Gesangsmelodie mit einer minimalistischen Basslinie anschließen. Heraus kommt dabei eine leicht schräge, unheilvolle Stimmung, passend zum Thema der Wolfsjagd in diesem Song. Schon in Vergangenheit habe ich die schwedischsprachigen (Bonus-)Tracks mit Freuden verschlungen. Das passt ungemein zu Falconer, zumal sie der Band sowohl mehr Glaubwürdigkeit als auch Einmaligkeit verpassen. Der Chorus wirkt zwar verglichen mit dem Rest des Songs auch hier etwas zu fröhlich aufgelegt, doch das ist angesichts der Klasse des Songs zu verzeihen. Ich wollte vom Bandchef wissen, ob er sich auch ein Falconer-Album mit ausschließlich schwedischen Lyrics vorstellen kann…

Stefan Weinerhall: Ja, das kann ich. Und auch das Label fragt schon seit einigen Jahren danach. Dann müssen wir aber etwas gegen die Sprachbarriere tun (Anm. KKR: Da kann man doch die englischen Texte einfach mit ins Booklet drucken!?). Ein ganzes Album auf Schwedisch verlangt den anderssprachigen Fans etwas zu viel ab, denke ich. Mal sehen, was wir da in Zukunft machen werden.

Es folgt das gutklassige “Carnival of Disgust”, für dessen Videoclip Falconer extra ein paar Fans als “wilden Mob” engagiert haben. Der ist zwar ziemlich klein, aber immerhin wird die Hintergrundgeschichte recht deutlich: Der Mann kann nur seiner Todesstrafe entgehen, indem er selbst zum Scharfrichter wird…

Mathias‘ nordisch klingender A cappella-Part am Ende des Clips ist übrigens so nicht auf dem Album zu finden, eigentlich schade…

Stefan Weinerhall: Wir hatten den Song eigentlich schon fertig, aber der Regisseur des Videos wollte noch etwas Exklusives haben. Und so kam es, dass wir noch eine Intro und Outro nach seinen Vorstellungen kreierten.

“Mountain Men” startet schön intensiv mit durchgetretener Bassdrum und der wunderbar epischen, höfisch anmutenden Erzählweise, die Falconer so gut beherrschen. Nach etwa einer Minute gehen den Schweden jedoch die guten Ideen aus und es folgt ein total deplatziert wirkender abgedroschener Refrain. Zugegeben, Falconer hatten schon immer einfache und vor allem eingängige Refrains, aber die klangen einfach hochmelodisch gut – “Mind Traveller”, “Clarion Call”, “Northwind”, anyone? – das hier passt leider – wieder einmal, wie ich stets auf diesem Album feststellen muss – nicht zum Rest der Komposition. Selbst das kurze Zwischenspiel mit der Gastsängerin und der Übergang zum nächsten Schweden, “Viddernas Man”, klappt wunderbar. Doch auch hier ist der Refrain wieder einmal das Sorgenkind. Es ist traurig, denn der klingt wie unsere Totgeburt Deutscher Schlager, nur auf Schwedisch… Manchmal frage ich mich, ob Falconer am Ende eines Songs immer noch krampfhaft nach einem geeigneten Chorus gesucht haben und ob “Among Beggars and Thieves” unter Zeitdruck entstand…!?

Stefan Weinerhall: Ich denke, die ganze Arbeit hat ungefähr ein Jahr gedauert. Ich habe das meiste Material geschrieben. Mathias hat einen Text geschrieben, Jimmy hat ein paar Riffs beigesteuert. Es ist ja nicht so, dass ich verlange, das meiste selbst zu machen. Es ist einfach natürlich, da ich auch die Interviews führe, die Verantwortungen trage und auch die Band gegründet habe. Ich muss sogar die anderen bitten, mit ihren eignen Ideen zu kommen.

“Pale Light of Silver Moon” kann da noch am am ehesten an Glanztaten von früher anknüpfen: Schnell und melodisch stampft sich der Song ins Herz desjenigen, der das selbstbetitelte Debütalbum zu lieben weiß. Irgendwie simpel, aber immerhin nicht flach und ausgelutscht, wie so mancher Reinfall auf diesem Album. In “Boiling Led” können zwar hin und wieder gute Ideen aufblitzen, insgesamt präsentiert sich das Stück aber wieder eher mittelklassig und wird schnell in der Gesamtdiskographie untergehen. An das vor zwei Jahren erschienene großartige “Himmel så trind” erinnert “Skula, Skorpa, Skalk”: Fast ohne den Gebrauch von traditionellen Instrumenten wird hier allein durch die melodisch-erzählende Gitarrenführung und die minneartigen Gesangslinien eine dichte Folk-Atmosphäre erschaffen. Falconer waren ja schon immer bekannt für diese unkonventionelle Vorgehensweise. Leider etwas kurz, dieser tolle Titel.

Definitiv Neuland betreten Falconer mit “Dreams and Pyres”. Die Band möchte also krampfhaft einen Epos komponieren!? Dann aber bitte nicht mit dieser Evelyn Jons, die bereits “A Beggar Hero” versaute. Und dann schaut man am besten auch nochmal zu den Landsmännern Dragonland herüber, um den richtigen Umgang mit Orchesterparts zu erlernen und nicht in pseudo-bombastischer Belanglosigkeit zu versinken. Oh, und dann geht es ja noch um Hexenverbrennung… wie kreativ! Hier fällt es auch besonders auf: Der aktuelle Rundling ist NOCH sauberer produziert als seine Vorgänger, fast schon zu sauber geleckt und klinisch korrekt… Zudem ist der abschließende Track an vielen Stellen einfach nur unglücklich zusammengestückelt. Nein danke, da bleib ich doch lieber Falconer-Purist…

Stefan Weinerhall: Ich würde gern ein ganzes Album im Stil von “Dreams and Pyres” machen, aber ich weiß, dass einige Fans sich beschweren würden, ein Song ist also genug. Ich weiß was ich will und was die Fans wollen. Es liegt also an mir, die Balance herzustellen: Das zu bieten, was die Leute wollen und dennoch den Spaß am Musizieren aufrecht zu erhalten. Wenn ich entscheiden könnte, dann gäbe es vier Balladen und der Rest wäre Songs wie “Dreams and Pyres” und nur sehr wenige Double Bass Drums. Ein Akustikalbum wird es aber nicht geben, zu viele Bands probieren das…

Leider konnte ich noch nicht in ”Vi sålde våra hemman” hineinhören. Neben ”Dark Ages” stellt jener Song nämlich einen Bonustrack der limitierten Edition dar. Hierbei handelt es sich um eine schwedische Version des hervorragenden ”We sold our homesteads” vom Bandmeisterwerk ”Chapters From A Vale Forlorn”. Die Pianobeiträge und Orchestrationen stammen von Johannes Nyberg, mit dem die Band bereits in Vergangenheit mehrfach zusammenarbeitete.

Von der Vergangenheit zurück in die Gegenwart, und die sieht leider nicht ganz so glanzvoll aus. Als Konzeptalbum hat “Among Beggars and Thieves” jedenfalls klar versagt. Als Ansammlung guter Songs mit etlichen schwachen Songs kann man das neueste Album von Falconer aber durchaus hinnehmen. Wirklich überzeugen können mich nur “Field of Sorrow”, “Vargaskull”, “Pale Light of Silver Moon” und “Skula, Skorpa, Skalk”. Der Rest ist okay bis überflüssig, einfach nicht zwingend genug und ein bisschen uninspririert klingend. Schade, das ist nicht das Falconer-Niveau, das man gewohnt ist. Beim nächsten mal wird hoffentlich wieder alles besser, und wenn schon nicht rein akustisch, dann hoffentlich mal ausschließlich auf Schwedisch. Derweil erwarten wir schon einmal freudig das bald erscheinende Akustikalbum der Genrekollegen Elvenking…

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