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Doom nÈireann – Von Mourning Beloveth und ihren lieben Verwandten…

9. Mai 2008

Er liegt stets ein wenig im Schatten seiner britischen Nachbarn, der irische Doom. Doch schattige – und besonders regenreiche! – Regionen sind bekanntlich die besten Voraussetzungen, möglichst viel Hoffnungslosigkeit und Endzeitstimmung in ein paar Tonspuren zu bannen. Anlässlich der Veröffentlichung des dritten Albums vom Aushängeschild des irischen Doom Metal, Mourning Beloveth aus der unspektakulären Grafschaft Kildare, leuchtet RockZOOM diese schattigen Gebiete aus und wagt den Blick in rußreiche Pfützen des nördlichen Teil Dublins, wo sich düstere gregorianische Hausfassaden in perfekter Uniformität widerspiegeln; in verfallene und moosüberwachsene Natursteinbauten, diese knöchernen Relikte im Westen des Landes, die bereits Heinrich Böll in seinem Irischen Tagebuch auf schauerliche Art und Weise faszinierten; in Spelunken, wo Tourismus keine Rolle spielt; in Kanalisationen, wo kein Guinness fließt; in Köpfe, die den langen Leidensweg Irlands nicht vergessen haben und der Schnelllebigkeit unserer heutigen Spaß- und Erlebnisgesellschaft trotzen…

Bedeutende Ereignisse werfen ihre Schatten voraus…

Mourning Beloveth: „A Disease for the Ages“
(VÖ: 9. Mai 2008)
Mourning Beloveth: “A Disease for the Ages” (2008)

Es ist vielleicht nicht die richtige Art Musik für den Wonnemonat Mai, aber einmal veröffentlicht, lässt sich ein gutes Album wann und wo auch immer gut anhören, sei es nun fröhlicher Folk, rebellischer Rock oder wie in diesem Falle drückend schwerer Doom Metal. Sogenannter Death/Doom wohlgemerkt. Grau – vielen vielleicht als Mailorder bekannt – ist nun an die Labelfront gegangen und schreibt zu Mourning Beloveths “A Disease for the Ages”, es sei „die vielleicht trostloseste Musik, die je von dieser Insel kam“… Eine gewagte These. Und sogleich denke ich mir: Was ist eigentlich trostloser als Primordials „Spirit the Earth Aflame“ oder „Journey’s End“? Die Antwort ergibt sich schon nach nur wenigen Minuten. Das mächtige “The Sickness” taucht sogleich ein in eine doomtypische Welt aus Hoffnungslosigkeit und Verfall und schlägt mit tonnenschweren jedoch eingängigen Riffs und dunkelgrollenden Deathgegrunz zu Buche. Natürlich schön langsam, doch mit tödlicher Sicherheit und Intensität, nicht ohne die ein oder andere verdammt eingängige Melodie der um zwei Gitarrenspuren aufgestockten Saitenfraktion. Auf Album haben Mourning Beloveth sicherlich den Effekt erreicht, den sie wollten. Brendan, der neue Bassist von Irlands Doom-Pionieren, gibt Auskunft, ob diese zusätzlichen E-Gitarren beim Livesound der neuen Stücke Probleme machen könnten…

Brendan: Nun, alle Songs wurden in einer Live-Umgebung geschrieben und arrangiert, sind also mit den Mitteln entstanden, die wir auch auf Bühne zur Verfügung haben (also keine verfickten Keyboards oder Frauenstimmen etc.). Ich glaube die Songs sind dunkler und heavier, aber nicht nur aufgrund der zusätzlichen Gitarrenspuren, sondern eher aufgrund der Art und Weise der Riffs, dem Zusammenspiel zwischen den Instrumenten, sowie der Gesamtatmosphäre, die wir hiermit erschaffen wollten. Kein Problem also!

Es laufen nicht nur stete Schauer über den Rücken. Die Gänsehaut zieht einen zudem vom Scheitel an widerstandslos zu Boden. Und wenn man glaubt, es geht nicht mehr, dann kommt irgendwoher die erlösende Kontraststimme von Frank. Nach wie vor sind seine klar gesungenen Vocals eine echte Bereicherung. Für meinen Geschmack hätten sie sogar noch öfter aufreten können, ein paar mehr solche Vocallines wie im grandiosen “Trace Decay” und ich wäre vollends zufrieden gewesen. Doch der Songwriting-Prozess wurde dieses mal durch den Abgang des langjährigen Bassisten Adrian unterbrochen. Wie ich bereits angemerkt habe, wurde dieser von Brendan ersetzt, der mitten in den Aufnahmen zu “A Disease for the Ages” zur Band stieß…

Brendan: Adrians Weggang teilte unseren Songwriting-Prozess in zwei Phasen: Die erste endete mit seinem Ausstieg, die zweite begann damit, dass ich ein paar Wochen hatte, um mir die alten Lieder unter den Gürtel zu schnallen. Eine witzige Prozedur – ein paar Wochen lang ist geht der Fortschritt so langsam vonstatten, dass es scheint, als würde gar nichts passieren, dann auf einmal nimmt ein Song oder ein Segment oder Arrangement ein eigenes Leben auf und verwandelt sich in ein Tier! Schau dir zum Beispiel das erste Stück der neuen Scheibe an, “The Sickness”. Das einleitende Riff darin entstand an einem Sonntagmorgen. Alle fünf aus der Band waren total verkatert und wir konnten kaum stehen. Frank hat einfach angefangen, dieses Riff zu spielen, 5 Minuten später kam der Verzögerungseffekt dazu und zwei Stunden später hatten wir das gesamte Skelett des Songs. Andererseits ist “Burning Man” dann wieder ein komplettes Stück, mit welchem Brian etliche Monate lang gekämpft hat. Es trieb ihn bis an den Rand des Wahnsinns. Doch nach ein paar Monaten im Proberaum haben wir es schlussendlich hinbekommen. Obwohl es manchmal frustrierend war, ich habe es ziemlich genossen, “A Disease of the Ages” mitzukreiieren.

Und wo wir einmal bei Adrian sind: Er zog dauerhaft nach Spanien und gründete dort ein cooles Label, welches zugleich als Booking Agency fungiert. Ich wollte wissen, ob die Band mit ihm immer noch in gutem Kontakt steht…

Brendan: Sicher, Adrian ist mit seiner Firma Lugga Music Productions unser Agent für das Booking, Tourmanager und Babysitter. Die Jungs kennen ihn seit Schulzeiten, ich seit 1998. Es gibt da eine Menge guter Vergangenheit. Freunde sind von unschätzbarem Wert, in jeder Hinsicht des Lebens.

Mourning Beloveth 2008Dass Langsamkeit nicht monoton sein muss, begreift man spätestens beim Stück „Primeval Rush“, welches äußerst zaghaft mit unverzerrter E-Gitarre beginnt und mich schließlich beim Einsatz der obligatorischen Riff-Wände und den lang gezogenen Growls an eine Downtempo-Version früherer Opeth erinnern möchte. Denn auch mit langsamem Tempo lässt sich wunderbar spielen und variieren. Das Ende des Songs schwächelt zwar ein bisschen, wird aber durch den Beginn von „The Burning Man“, mit welchem Frank laut Brendan so lange gehadert hat, wieder kompensiert. Entsprechend leidend kommt der brennende Mann auch daher. Beinahe mag es stehen bleiben, mag einem das Herz stehen bleiben, doch Frank schafft es mit seinem erhabenen Klargesang einmal mehr, die Stimmung zu kippen und einen gewissen trotzenden Stolz zu an den matten Tag zu legen. Dennoch kommt es mir vor, dass auch „Burning Man“ ebenso wie das vorangegangene „Primeval Rush“ ein paar Längen aufweist, die der Gesamtstimmung zwar nicht schaden, aber einen doch etwas vom Geschehen wegtragen. Durchaus gewollt erscheint dieser einlullende Effekt im abschließenden „Poison Beyond All“, das mit einem simplen und stetig wiederkehrenden Riff in einen Strudel zieht, in welchem uns auf jeder Runde, in der es tiefer in den Abgrund geht, die mächtigen Growlverse Darrens begegnen. Es endet mit einem wunderbar sehnsüchtigen Gitarrensolo, zumindest klanglich ein offenes Ende, das noch leichte Hoffnung verbreitet…

Mit „A Disease for the Ages“ liegt uns hier sicher kein einfacher, leicht zu konsumierender Brocken vor. Diese fünf Stücke sind wie zähflüssige Lava, genährt durch dunkel grollende Beben in den Tiefen eines Erdreiches – eines Endreiches – wo man die Menschheit bereits aufgab. Oder man stelle sich einen druckgeladenen Dampfkessel vor, der stets zu explodieren droht, es aber doch nicht tut. Und ja, sie leben noch, Mourning Beloveth. So sehr es auch an der Psyche nagen mag, ein derart tristes Album aufzunehmen und zu veröffentlichen. Doch vielleicht ist gerade das sehr befreiend. Eigentlich sollte es ja jetzt eine Tour geben, doch die musste leider aus privaten Gründen abgesagt werden und wird voraussichtlich im Oktober nachgeholt. Brendan zeigt sich darüber sichtlich bestürzt…

Brendan: Ja, wir sind bitter enttäuscht, dass wir die ganze Tour absagen mussten, es gab keine andere Option. So etwas passiert und so sei es. Und ja, wir versuchen, mithilfe von Adrian etwas Neues für den Herbst zusammenzustellen. Es ist aber noch alles sehr skizzenhaft, nichts Bestätigtes im Hinblick auf Spielorte und andere Bands. Aber dazwischen und einigen einzelnen Gigs und Sommerfestivals, werden wir versuchen, den Enttäuschten bezüglich unserer Tourabsage etwas zu bieten. Und von diesen Enttäuschten sind wir sicherlich die größten.

Dabei scheint es mir, als wäre gerade in Irland der Doom jetzt relativ populär. Jedenfalls beliebter als beispielsweise in Deutschland…

Brendan: Darüber ist mir nichts bekannt. Ih glaube, dass Doom generell derzeit eine Art Renaissance durchlebt, doch Irland hat kein Doom Shall Rise oder einen Doomsday wie in Holland. Aber jeder der ein Faible für die finstere Seite der Musik hat, sollte mit Sicherheit Graveayard Dirt, Thy Sinister Bloom und die Slomatics anchecken. Slomatics dürften nicht jedermanns Geschmack sein, aber nichtsdestrotrotz ist das eine fantastische Band. Um einen guten Überblick über die irische Metalszene zu bekommen, besuche einfach www.metalireland.com. Das ist ein sehr aktiver Haufen in Bezug auf alles Metallische und Irische dort.

Wer mehr über irischen Doom erfahren möchte, unter anderem die von Brendan genannten Bands, der möge sich bitte zu Seite zwei dieses Beitrags weiterhangeln…

Keine Kommentare

  1. def

    ja, die verregnete, teilweise sumpfige irische landschaft läd aber auch dazu ein, abend ins pub zu gehn und sich die alles wegzupusten. befreit lässts sich dann auch wunderbar grölen und singen und tanzen…^^

    #863
  2. Genau darum geht’s hier aber mal ausnahmsweise nicht… 😉

    #864

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