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Die letztmalige Rückkehr der Deutschfolker WACHOLDER

11. Februar 2008

Zumindest werden sie nach ihrer derzeitigen „Zu guter letzt“-Tour wohl nicht mehr als Wacholder existieren, die mittlerweile wieder auf drei Musiker zusammengeschrumpfte Ostkombo, die 30 Jahre lang die deutsche Folkszene mit Liedern über Alkoholmissbrauch, sexuelle Ausschweifungen aber auch Kriege und soziales Elend bereichert hat. Gemeint ist hier mit Deutschfolk also weder das Musikantenstadl noch der Schlager, der wohl so heißt, weil man am liebsten die blitzend weiße Dummgrinse-Leiste der Protagonisten mit dem ein oder anderen Schlag polieren möchte… Entschuldigt diese groben Worte, doch Toleranz hat ihre Grenzen…

Zurück also zur erfreulichen Musika : Wacholder. Das sind – oder waren – drei bis sechs Musiker aus dem Raum Cottbus, die sich 1978 in Folge von Wolf Biermanns Ausbürgerung und des damit entstandenen Revivals des deutschen Volksliedes als Studentengruppe zusammentaten, um auf geschickte Art und Weise dem DDR-Regime nicht ganz so plakativ wie die Punkszene zu Leibe zu rücken, oder einfach nur – oder auch – um alternativen, freigeistigen Spaß zu verbreiten, weiß nicht, ich sollte noch lange Quark im Schaufenster bleiben… Jetzt bei der Tour zum Dreißigsten sind noch drei, jedoch der Kern der Truppe, übrig geblieben:
Wacholder Tour 2008Matthias „Kies“ Kießling an Gitarre, Mandoline und Gesang, Jörg „Ko“ Kokott ebenfalls am Gesang und allen „flachen“ Instrumenten (Gitarren, Mandoline, E-Bass…) und Scarlett O‘: auch Gesang sowie diverses Geflöt und nicht zu vergessen: der Brummtopf… Letzterer sieht im Gebrauch nicht nur pervers aus, sondern hört sich auch ebenso an. Zeuge dessen wurde ich zu einem höchst unterhaltsamen Konzert am 08. Februar in der Leipziger Moritzbastei. Drei Stunden lang (allerdings mit halbstündiger Pause zwischendurch) wurde das hochverehrte Publikum im Sitzen und Stehen mit Folknummern unterschiedlichster Couleur verwöhnt. Ein cleverer Schachzug war hierbei eine Art thematische Bündelung der Lieder, zumindest im späteren Verlauf der Vorstellung, denn zunächst war ich etwas verwundert, dass man nach dem erwartungsgemäß feuchtfröhlichen Feierlaune-Einstieg „Es waren drei Gesellen“ schnell zu den Balladen kam… was die thematische Bündelung anging, so überzeugte mich vor allem das „Antikriegs-Medley“ welches seinen Höhepunkt in Hannes Waders stets zu Tränen erweichendem „Es ist an der Zeit“ fand. EIn weiteres Medley widmete sich den Liebesliedern, nette Idee zum „Herunterkühlen“, aber persönlich nicht so sehr mein Fall wie beispielsweise das augenzwinkernde „In der Heimat ist es schön“. Mit einem albern ertönenden Akkordeon voran: Klanglich der Volksmusik gleichend, die man heutzutage zur besten Rundfunkzeit auf dem MDR vorgesetzt bekommt, handelt es sich hierbei jedoch um eine bissige „Abrechnung“ mit der „verordneten staatlichen Alltagskultur“ der DDR… Kein Wunder also warum man sich 12 Jahre beim Grand Prix der deutschen Volksmusik (oder sowas ähnliches eben…) nicht beliebt machen konnte… Nach etwa eineinhalb Stunden wurde man in die Pause entlassen…

… nur um nach einer halben Stunde netten Plausch und Signiererei am CD-Verkausstand die prophezeiten Solopfade einzuschlagen, denn Vollblutmusikanten mit Urteilsspruch „Folken auf Lebenszeit“ können nicht einfach so abtreten. Ko schlug also mit seinem Stück „Der Ring“ vom gleichnamigen Album (Näheres unter www.ko-art.de) zunächst besonnene Töne in doch recht klassischer Volksliedmanier an, gab dann aber flinken Fingers auf der Akustikklampfe eine Art „Heavy Metal-Solo der Folkmusik“ zum Besten… Der Mann fände auch sicher an Folk Metal-Chaoten wie Devil in the Kitchen Gefallen… oder warum nicht gleich die „Inventors of Folk Metal“, Skyclad? 30 Jahre WacholderDoch deren knackiges Textgut wäre sicher bei Kies noch besser aufgehoben. Von seiner 2003er Soloplatte „Unfolked“ wurde sowohl das „Saufen für den Regenwald“-kritische „Friday Night in Cottbus“, die etwas alltags-augenzwinkernde „Ballade vom Parken“ als auch die Nummer „Fiddler’s Green“ gespielt. Sowohl in Vergangenheit als auch Gegenwart spielt(e) Kies mit Musikern von Clannad und Riverdance und bereiste mehrfach die irische Insel. Wer also keltisch beeinflusstes Liedgut mit pfiffigen Texten mag, sollte dem Kies auch in Zukunft Gehör schenken: www.infokies.de … Aber meine Herren, normalerweise lässt man immer der holden Weiblichkeit den Vortritt, doch hatte die gute Scarlett mit ihrem aktuellen Programm „Fifty-fifty“ keineswegs das „Nachsehen“. Und so scheint es als seien die verschiedenen Spielarten Wacholders genau auf ihre Protagonisten reflektierbar. Ohne überhaupt die leisteste Ahnung von den Stockfisch- und Nebelhorn-Alben zu haben, pognostiziere ich einfach mal, dass Scarlett O‘ bei Wacholder doch merklich für die „emotionale Seite“ verantwortlich war, denn von solch einer gefühlvollen Poesie zeugte auch ihr Solobeitrag in Leipzig. Doch das ist eben die große Besonderheit bei Wacholder: So scheinbar unterschiedliche Charaktere schafften es doch irgendwie über 30 Jahre hinweg, sich nicht gegenseitig auf den Füßen herumzustehen. Wer Scarlett auch in Zukunft auf dem Schirm behalten möchte: www.scarlett-o.de (Auch jeden Monat mit lecker vegetarischem Rezept… aus Mangel an Kürbissen aber noch nicht ausprobiert…)

Was unterm Strich von diesem Leipzig-Abend meinserseits festzuhalten ist: „Zu guter letzt“ ist ein äußerst ausgewogenes, harmonisches und doch immer noch von unbändiger Spielfreude erfülltes Abschiedsprogramm, und dann auch noch absolut „value for money“: knappe zweieinhalb Stunden für 12/15 Euro! Das gibt’s nur noch im Osten, haha. Und an dieser Stelle zitiere ich mal einen anderen Pressetext, der sich auf www.wacholder.de in aller Vollständigkeit nachlesen lässt:

…strömet zu Hauf, ihr alten und – so trotz
Geburtenknickes mancherorts noch vorhanden – jungen Freunde des
untanzbaren, intelligenten Tanz- und Saufliedes.

Untanzbare Tanzlieder können somit noch an folgenden Spielorten die Tanzbeine auf unmögliche Art und Weise zum Schwingen bringen:

15. Februar, 08527 PLAUEN
16. Februar, 03238 FINSTERWALDE
17. Februar, 15374 MÜNCHEBERG
21. Februar, 07407 RUDOLSTADT
22. Februar, 98527 SUHL
23. Februar, 04552 BORNA
24. Februar, 09661 HAINICHEN

26. Februar, 01257 DRESDEN
28. Februar, 39112 MAGDEBURG
29. Februar, 01169 DRESDEN
01. März, 10178 BERLIN

Homepage: www.wacholder.de
(Leider immer noch ohne Hörproben für das unwissende Folk)

Keine Kommentare

  1. hape

    Hallo,

    tut mir leid- aber

    “ …die sich 1978 in Folge von Wolf Biermanns Ausbürgerung und des damit entstandenen Revivals des deutschen Volksliedes als Studentengruppe zusammentaten…“,

    ist dies nicht ein wenig billig und fand dies nicht zum fasching statt?? Gab es nicht Zupfgeigenhasl und Wader?

    Heftig wird es dann

    „…“In der Heimat ist es schön”. Mit einem albern ertönenden Akkordeon voran: Klanglich der Volksmusik gleichend, die man heutzutage zur besten Rundfunkzeit auf dem MDR vorgesetzt bekommt, handelt es sich hierbei jedoch um eine bissige “Abrechnung” mit der “verordneten staatlichen Alltagskultur” der DDR…“

    Aha – “ stört uns beim Verprügeln auch mal die Polizei, fünf Minuten später sind wir wieder frei….“ ja ja die DDR;

    Ich glaube hier scheint jemand den Text nicht zu kennen, nicht zugehört oder nur ganz einfach seinen eigenen Vorstellungen gefolgt zu sein.

    Ansonsten, Wacholder fehlt. Mich persönlich hat immer schon das Heine-Programm interessiert, werde ich aber wahrscheinlich nicht mehr zu Hören bekommen. Schade.

    mfg. hape

    #755

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