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Denovali Records verschenkt Musik…

13. Februar 2009

denovali_header…und zwar komplette Alben, Neuerscheinungen. Ab heute steht bei Denovali zum Beispiel das neue Album “MISANTHROPE(S)” der Sludge-Krachmacher CELESTE sowie das Debütalbum von KODIAK - klirrekaltes Instrumentalkino! – im Regal, physisch wie auch digital: Alle Stücke kann man sich in voller Länge auf der Homepage anhören oder direkt downloaden; wer will, der kann per PayPal eine kleine Spende hinterlassen. Die Mp3s sind dabei nicht gerade vom Wühltisch; die Dateien kommen in 192kb/s daher. Natürlich trotzdem nichts für den audiophilen Vinylfreund. Der fühlt sich bei dieser lächerlichen Zahl vielleicht eher an die Worte von Pat Mawhinney erinnert, dem Inhaber der größten privaten Plattensammlung der Welt:

“They chop off the highs, they chop off the lows, and then they compress everything. How could that possibly be equal to the open sound that you get on a record?”
Paul Mawhinney, stolzer “Noch-Inhaber” von circa 3 Mio. Schallplatten…

Das sieht Timo, Mitbegründer des 2005 ins Leben gerufenen Underground-Labels Denovali Records, wohl ähnlich und bringt uns die Idee der freien Downloads etwas näher:

Timo: Die Idee mit den Umsonst-Downloads basiert auf keinem Kalkül. Wir lassen uns bei der Labelarbeit nur bedingt von wirtschaftlichen Gesichtspunkten leiten. Uns war es einfach wichtig, dass jeder Mensch, der Interesse an der Musik hat, sie auch in voller Gänze aufnehmen kann. Einige unserer Bands (vor allem diejenigen, die noch mit einem anderen CD-Label arbeiten) sehen das anders. Aus diesem Grund wird nicht jede Platte kostenlos zur Verfügung gestellt. Aus unserer Sicht ist das aber vollkommen okay. Ein weiteres Argument wäre dann, dass wir Mp3s nicht als Produkt verstehen. Für uns ist es allerhöchstens eine Ergänzung zu Vinyl und CDs. Wir sehen Artwork, Lyrics und Musik als Ganzes. Eine Gänzlichkeit, die Mp3s nicht liefern können. Zudem finden wir es schlichtweg albern, Menschen pro simplen komprimierten Datensatz 99 Cent aus den Taschen zu leiern. Im Übrigen freuen wir uns aber, wenn Leute, die die Mp3s mögen im Endeffekt ebenfalls eine Platte kaufen. Nur das sichert ja das Überleben des Labels.

Erst wird gehört, dann (hoffentlich) bezahlt

“Ich möchte vorher gern wissen, was ich kaufe” ist ein gängiges Argument, was man von vielen Tauschbörsen-Saugern hört; nur vergessen die meisten leider bei Wohlgefallen an der Musik im Endeffekt auch dafür zu bezahlen. Was in der Softwarebranche vielerseits schon gang und gäbe ist – ein enthusiastischer Programmierer erstellt ein nützliches Tool und platziert einen “Donate”-Button, dem man Aufmerksamkeit schenken kann oder es eben bleiben lässt – hat sich in Teilen schon auf wissenschaftliche Publikationen ausgebreitet – das kostenlose Bereitstellen von Volltexten via Open Access zusätzlich zum Printmedium – und kommt nun so langsam auch in der Musikbranche an. Das zeitweise Zurverfügungstellen ganzer Alben via Myspace ist ja mittlerweile angenehmerweise gar nicht mehr so selten, von Downloadmöglichkeiten jedoch kaum eine Spur. Als Vorreiter in Sachen Komplettdownloads sind gewiss Radiohead mit ihrem 2007er Album “In Rainbows” zu nennen. Auch wenn die eine eher ernüchternde Bilanz zogen: Nur 38% der Downloader bezahlten im Nachhinein (Quelle: laut.de). Na immerhin, würde ich sagen. Bei über einer Million Downloads in den ersten Wochen dürften Radioheads selbst bei 5 Euro pro Nase immer noch ein nettes Zubrot bekommen haben.

Doppelt gewagt?

Aber Radiohead sind nun mal Radiohead. Und mit solch einem Bekanntheitsgrad kann ein klitzekleines Label wie Denovali Records ganz gewiss nicht mithalten. Der Schwerpunkt liegt hier nämlich auf Sludge und Doom und ähnlich schwerverdaulich-experimenteller Musik, die nicht gerade bekannt dafür ist, eine große Fangemeinde zu haben. Hin und wieder findet man auch melancholische Ambient-Sachen. Wer solche Musik hört, liebt sie für gewöhnlich. Und deshalb kauft er sie dann doch…

Und was konnte man vor ein paar Monaten den Medien entnehmen? “Metalfans retten die Plattenindustrie!”. Na, so ganz über einen Kamm scheren kann man das auch nicht, ging doch vor ein paar Tagen erst GUN Records – “Great Unlimited Noise” – pleite. Wem dieser Name nichts sagt, dem sind vielleicht seine ehemaligen Schößlinge OOMPH!, APOCALYPTICA, WITHIN TEMPTATION oder APOPTYGMA BERZERK ein Begriff. Wie kann man als Label eigentlich mit einem solchen Bandaufgebot pleite gehen? Dass man als doch relativ kleines Label, und das ist auch GUN im Vergleich zu den “Riesen”, die hier namentlich nicht mehr aufgeführt werden müssen – durch Plattenverkäufe kaum Einnahmen erwirtschaften kann, sollte klar sein. Doch spätestens wenn Umpf und Co. ganze Stadien füllen, dürfte der Aufwand für die paar gepressten CDs, die jetzt im Keller liegen und die keiner haben möchte, wieder hereingeholt sein… Schlechtes Management bei GUN oder haben die Fans ihre “Mainstream-Hartwurstler” im Stich gelassen?

Denovali RecordsDa zieht es uns wieder in den getreuen Underground, wo ein Tonträger noch als Produkt bestehend aus Artwork, Textgut und weitgehend unkomprimierter Musik angesehen wird. Und wirft man einen Blick in den Denovali Shop, findet man dort einiges was das Vinylherz begehrt: vom ungewöhnlichen 6″-Split über aufwändige aber dennoch erschwingliche Gatefolds bishin zum Caspian-Vinyl in “Bier-Kolorierung” – ja eigentlich wäre so eine Aufmachung eher ein Fall für unsere Kollegen des besonders trven Metal. Etliches wird sogar selbst gestaltet. Thomas, Denovalis zweiter Labelchef, ist für die ansprechende Webseite verantwortlich und gestaltet sogar viele Artworks selbst. Es ist bei all der Liebe zum Detail schon erstaunlich, dass die liebevoll aufgemachten Tonträger doch zu solch humanen Preisen daherkommen.

Timo: Uns ist es wichtig so viel wie möglich selbst zu machen. Thomas ist in Sachen Design und Programmierung einfach sehr talentiert. Das gibt uns die Möglichkeit gerade im Internet (freie Downloadseiten für jede Band etc.) den Leuten mehr als Herkömmliches zu bieten. Die Preisgestaltung ist okay. Es gibt sicherlich so einige DIY-Labels [Anm. DIY = "do it yourself"], die noch wesentlich günstiger sind als wir. Aber im Anbetracht der Tatsache, dass wir eine Fülle an Releases pro Jahr realisieren, MwSt. abführen müssen, uns ein aufwendiges Artwork wichtig ist und ein stetig steigender Zeitaufwand hinter dem Label steckt, ist unsere Preisgestaltung im Vergleich zu kommerziellen Labels noch sehr moderat. Wir orientieren uns dabei immer an unseren Wertmaßstäben…. also an der Frage „Was würde ich dafür zahlen?“.

Stichwort “do it yourself” und so viel wie möglich selbst machen: Wenn man dann auch noch Booking und Management für die Bands im eigenen Label übernimmt, dann müsste das Ganze ja zu einer Art Fulltime-Job ausarten… Jedenfalls kann man wohl kaum von dieser Arbeit leben…!?

Timo: Naja… so Begriffe wie Management fallen bei uns eigentlich nicht. Wir buchen für einige der Bands Touren – andere sind durch ihr CD-Label schon auf einem „höheren Level“ und haben spezielle Bookingagenturen. Generell versuchen wir allen Bands innerhalb unseres Zeitrahmens so gut wie möglich zu helfen. Ein Fulltime-Job ist es nicht… eher ein zeitintensives Interesse.
Nein, wir leben nicht von dem Label. Wir sind froh immer genügend Geld zu verdienen, um neue Platten machen zu können.

“Musikindustrie”…

…eigentlich ist dieses Kompositum pervers. Es suggeriert zum einen eine massenweise Herstellung kommerziell vertriebener Güter und zwangsverehelicht diese im gleichen Atemzug mit einem Phänomen, das laut Victor Hugo bekanntermaßen nicht einmal in Worte gefasst werden kann; in ein Produkt pressen kann man es scheinbar schon. Und im Grunde ist das auch gut so, denn man muss nicht zwangsläufig von William Morris und der Arts and Crafts-Bewegung um 1900 gehört haben, um Massenanfertigung von einem vollendeten, in sich stimmigen und qualitativen Produkt unterscheiden zu können. Es ist nicht das Produkt an sich, es sind vielmehr die großen Plattenlabel und deren Summen, Provisionen und Gewinne, die freilich zum “Überleben” der Kunst nötig sind – oder es zumindest zu sein scheinen – welche der Musik aber unweigerlich ihre Unbestechlichkeit und nicht zuletzt auch ihren “Zauber” nehmen. Doch reich werden Labels wie Denovali nicht. Auch die Rollenverständnisse der Plattenfirmen sind äußerst verschieden. Unter diesem Aspekt interessierte mich nicht zuletzt auch die Labelphilosophie bei Denovali… und ob es so etwas wie “Leitlinien zur Zusammenarbeit mit Künstlern” gibt…

Timo: Eine wirkliche Philosophie liegt eigentlich nicht vor. Primär stehen bei uns die Musik des Künstlers und der Künstler selbst im Mittelpunkt. Viele der unsinnigen Dinge, die man als Label machen muss, um eine Band voran zu bringen, sind dann eher ein hingenommenes Übel als eine anvisierte Leitlinie. Uns ist vor allen Dingen wichtig, dass alles auf Vertrauensbasis stattfindet – Verträge oder Ähnliches gibt’s bei uns nicht. Ansonsten versuchen wir die Verantwortlichkeit für alle Maßnahmen rund um das Label in den eigenen Händen zu belassen. Wir sind in gewisser Weise von der DIY-Kultur beeinflusst – auch wenn wir viele Normen und Regeln die dort unausgesprochen gelten nicht als unsere eigenen ansehen.

…Und so muss Musik “gemacht” werden.

Musik ist kein Fast Food.
Und wer das verstanden hat, bezahlt den guten Koch mit Freuden.
Kein Handel, vielmehr eine Belohnung, die selbstverständlich ist.

Offizielle Denovali Homepage: www.denovali.com

1 Kommentar

  1. [...] Records teilen auch ungemein viel Musik, verschenken sie einfach. Dazu hatten wir hier auch mal einen Artikel. Auf der anderen Seite werden wiederum sehr liebevoll aufgemachte Sammler-Vinyls veröffentlicht. [...]

    #1751

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