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David Bowie: Planet Earth Is Blue

11. Januar 2016

Unser David Bowie Nachruf

David Bowie: Aladdin Sane (1973)

Die erste richtige Begegnung mit David Bowie war für mich beinahe magisch: Als hätte er mich aus dem Lied heraus angeschaut, unmittelbar und nah. Es war der Song „Five Years“, der das Album „The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars“ eröffnet. Ein über die Jahre fest mit mir verwachsenes Lieblingslied, ein Begleiter; ein Endzeitlied, das mich immer fröhlich gemacht hat. „I think I saw you in an ice-cream parlor / Drinking milk shakes cold and long / Smiling and waving and looking so fine / Don’t think you knew you were in this song“, singt er, während um diese Zeilen herum die Welt sich ihrem Ende nähert. Schwer zu beschreiben, was da passiert ist, aber ich habe mich keinem Lied zuvor so nah gefühlt und danach wohl auch nicht mehr.

Das Westberlin, das Bowie gesehen und das ihn inspiriert hat, gab es längst nicht mehr, als ich 2007 nach Charlottenburg gezogen bin, und der Bahnhof Zoo war für mich eher ein S-Bahnhof wie alle anderen auch, mit dem Unterschied, dass es dort den legendären quasi rund um die Uhr geöffneten Supermarkt gab, für Konsumnotfälle am Sonntagabend. Und zugegeben: Hätte ich schon zu seiner Zeit in Berlin gelebt, ich hätte ihn vermutlich auch nicht getroffen. Vieles an dem Phänomen Bowie war mir fremd und ist es geblieben. Das ist nicht schlimm, es erhöht die Spannung, und es passt auch irgendwie, dieses Fremdsein. David Bowie wurde von Tilda Swinton einmal als „Every alien’s favourite cousin – certainly mine“ bezeichnet, und ja, er hatte immer etwas Außerirdisches, der Welt Entrücktes, in seiner Musik und in seiner ganzen Erscheinung. David Bowie war als Künstler einmalig, seine eigene Strömung, sein eigenes Universum. Kein Wunder, dass seine Songs so oft reinste Science-Fiction-Werke waren und dass der androgyne Ziggy Stardust eines seiner bekanntesten Alter Egos war. (Ziggy selbst war zwar allen Gerüchten zum Trotz auf diesem Planeten beheimatet, wusste aber dafür recht viel über einen gewissen Starman.) Oder dass er 1976 in dem britischen SciFi-Film „The Man Who Fell to Earth“ die Hauptrolle innehatte: einen Außerirdischen, halb Mensch, halb Reptil, der auf die Erde kommt, um seinen von Wasserarmut bedrohten Heimatplaneten zu retten. Oder dass ISS-Astronaut Chris Hadfield mit seinem im All eingespielten Cover von „Space Oddity“ einen beeindruckenden Youtube-Hit hingelegt hat.

David Bowie ist am 10. Januar 2016 an einer Krebserkrankung gestorben – zwei Tage nach seinem 69. Geburtstag und der Veröffentlichung seines letzten Albums, „Blackstar“. Ein starkes, ungeheures Album, so lebendig – und so voller Anspielungen auf den Tod. Ein erstes Video gab es dieser Tage bereits zu sehen, der Song heißt „Lazarus“, wie die biblische Gestalt, die von den Toten aufgeweckt wurde. Jetzt sieht es aus, als würde es so manches vorwegnehmen: Bowie mit zwei Knöpfen auf den Augen, wie die Münzen für den Fährmann. Aber man muss das gewiss nicht mit symbolischen Lesarten überfrachten, vielleicht ist einfach ein großes, wunderbares Abschiedsgeschenk. Auf der ganzen Welt hören heute Menschen seine Musik. Wir haben einen Künstler verloren, der seine Zeit geprägt hat und ihr immer voraus war. Der fehlt und fehlen wird. Vielleicht entdeckt ja bald jemand einen neuen Stern in dieser oder einen anderen Galaxie und benennt ihn nach David Bowie, dann kann man mit Fug und Recht behaupten: Mach’s gut und danke, Lieblings-Alien, wir sehen uns im Weltall.

Planet earth is blue.

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