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Das Beste zum Schluss: unsere Alben des Jahres 2016

31. Dezember 2016

Wenn eines bleibt von dem wohl unsympathischsten Jahr der Weltgeschichte, dann die Musik, die uns von Januar bis Dezember begleitet hat. Und nicht nur an mindestens 100 umwerfenden Songs durften wir uns erfreuen, sondern auch an mehr als einer Handvoll grandiosen Alben. Wir neigen dazu immer mehr zu vergessen, dass sich Menschen für die Erstellung dieser Wochen, Monate, gar Jahre Zeit genommen haben. So fühlen wir uns regelrecht in der Pflicht, einige der besten Alben des Jahres noch einmal aufzulisten.

TOP 5: KRISTIN CARLSHON

Savages-Adore Life

Savages-Adore Life

Platz Nr. 5: Postpunk-Orgien treffen auf dichte Atmosphäre. So könnte man Savages Album „Adore Life“ beschreiben. Man kann sich die Platte aber auch einfach anhören und von dem beeindruckenden Pendeln zwischen Explosivität und Leidenschaft mitreißen lassen. „Adore Life“ tritt in die Fresse, um sie dir danach zärtlich zu verarzten. An Savages Debütnachfolger wurden hohe Erwartungen geknüpft. Die haben sie nicht erfüllt, sondern schlichtweg plattgemacht. Danke dafür.
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Holy Esque - At Hope´s Ravine

Holy Esque – At Hope´s Ravine

Platz Nr. 4: Holy Esque tummeln sich nun schon eine Weile in meinen Lieblingslisten. Auf ihre 2015er EP „Submission“ folgte dieses Jahr endlich das Debüt „At Hope´s Ravine“. Indiepop, Postpunk und ein sehr angehmes Kokettieren mit 80er-Schmalz. Dazu Pat Hynes kratziges Vibrato. Am Ende steht ein Album, das keine Tiefen vorweisen kann. Dafür Drama mit Tempo – und Melodien, die bleiben.
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Radiohead - A Moon Shaped Pool

Radiohead – A Moon Shaped Pool

Platz Nr. 3: Eine der größten Überraschungen hielten Radiohead bereit. Angefangen beim schrittweisen Auflösen ihrer gesamten Social Media Präsenz und die damit verbundene Aufregung – denn dass da etwas Großes folgt, war wohl Jedem klar – bis hin zur Ankündigung von „A Moon Shaped Pool“: wenn die Briten etwas bis zur Perfektion beherrschen, dann den Zauber, der sie umgibt stets weiter auszubauen. Und die Musik. Die ist tatsächlich eingängiger als noch auf „The King Of Limbs“, aber nicht weniger experimentell. Radiohead sind schon lange formlos und nehmen nur noch selten Gestalt an. Doch wenn Thom Yorke zum „Daydreaming“ ansetzt, ist oben genannter Zauber zum Greifen nah. Man atmet ihn ein und nimmt Radiohead als das wahr, was sie vielleicht schon immer waren: ein Gefühl.
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Peter Doherty - Hamburg Demonstrations

Peter Doherty – Hamburg Demonstrations

Platz Nr. 2: Noch so eine Herzensangelegenheit: Peter Doherty. Ein treuer Begleiter in stürmischen Zeiten. Jemand, der immer dafür sorgt, dass man sich zuhause fühlt. Jemand, mit dem man erwachsen geworden ist. Zusammen, wie es scheint. Denn „Hamburg Demonstrations“ markiert das Ende und den Anfang zugleich. Einen trägen Blick zurück und den Fokus auf all das gerichtet, was noch kommen mag. Eine wunderschöne Soloplatte, die sich zum Debüt „Grace/ Wastelands“ gesellt. Unaufgeregt auf den ersten Blick – und doch mit soviel Tiefe ausgestattet, dass es kaum stört, dass Doherty hier etliche alte Songs verarbeitet. Weil sie einfach gut sind. Wie alles, an das er Hand anlegt.
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Drangsal - Harieschaim

Drangsal – Harieschaim

Platz Nr. 1: Die Wahl des besten Albums 2016 war bereits im April entschieden. Da veröffentlichte Max Gruber aka Drangsal seine erste Platte und benannte sie nach seiner Heimatstadt Herxheim. „Harieschaim“ in Worte zu fassen fällt schwer. Jeder, der eine Schwäche für die Musik der Achziger hat, ist hier ganz wunderbar aufgehoben. Gruber ist kein Visionär; er lässt lediglich den Sound eines Jahrzehnts aufleben. Das ist kitschig, melodiös, immer tanzbar, eingängig und so gut, dass das Album fast täglich läuft, ohne auch nur ansatzweise zu nerven. Wie Drangsal das machen, bleibt ein Rätsel, welches sein Geheimnis hoffentlich noch lange mit sich trägt.
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Randnotiz: Leider lassen Turbonegro auch weiterhin auf ein neues Album warten, dafür war ihr einziges Deutschlandkonzert im Februar ein großartiger Moment, von dem ich noch lange zehren werde. Welche Platten mich außerdem berührt, gerockt und angetanzt haben: „Everything And Nothing“ von Hammock, „The Haze Is Forever“ von Dolores Haze, Eliot Sumners „Information“, „Mystére“ von La Femme, Pixies „Head Carrier“, Sauropods „Roaring At The Storm“ und tragisch – wie gleichermaßen schön – David Bowies Vermächtnis „Black Star“. Nächstes Jahr kehren INVSN zurück. Und wer weiß, vielleicht ja auch Turbonegro. Andernfalls: bis 2018!

TOP 5: JANA LEGLER

PJ Harvey - The Hope Six Demolition Project

PJ Harvey – The Hope Six Demolition Project

Platz Nr. 5: Mit jedem neuen Album hebt sich PJ Harvey auf eine neue Stufe, erfindet sich neu. Sich zu wiederholen, käme für sie nicht in Frage. Wo auf ihrem mit dem Mercury Prize prämierten Werk „Let England Shake“ (2011) noch die Autoharp das augenscheinliche Instrument war, zieht auf „The Hope Six Demolotion Project“ nun triumphal Gospel, Blues und das Saxofon ein. Thematische Inspiration holte sie sich von ihren Reisen nach Afghanistan, Washington und in den Kosovo. PJ Harvey ist keine Musikerin, die sich dem Zeitgeist beugt. Sie gibt die Marschrichtung selbst vor – schon immer und immer mehr. Sie ist eigenwillig, und genau deshalb verblüfft, inspiriert, bewegt sie.
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Malky - Where Is Piemont

Malky – Where Is Piemont

Platz Nr. 4: Malky überzeugten vor zwei Jahren bereits mit ihrem Debüt so sehr, dass man sich die Frage stellen musste, ob ihr Zweitwerk „Where Is Piemont“ da mithalten würde. Ihre Antwort auf diese kritische Frage: Sie setzten noch einen drauf, dass man sich nun erneut fragt, wie sie das toppen wollen? Malky sind Daniel Stoyanov und Michael Vajna und sie verbindet die Liebe zu europäischer Folklore, Orchestermusik und Siebzigerjahre-Soul. Sie kopieren nichts, sie interpretieren, fantasieren und bauen sich mit scheinbarer Leichtigkeit ihre eigenen musikalischen Kleinode mit internationalem Format. Mir fallen keine anderen deutschen Musiker ein, denen das aktuell gelingt.
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Mitski - Puberty 2

Mitski – Puberty 2

Platz Nr. 3: Die Musik von Mitski zu beschreiben, fällt gar nicht so einfach. Man könnte jetzt einfach alle Schubladen aufmachen und Singer/Songwriter und Indie Rock mit Neunziger-Einflüssen draufschreiben, aber irgendwie ragt die 25-jährige gebürtige Japanerin, die in New York aufgewachsen ist, ziemlich heraus und schmeißt in diesem Jahr mit ihrem vierten (!) Album „Puberty 2“ sogar Angel Olsen aus meiner Top 5-Liste heraus, vielleicht weil ich gerade Lust auf Rohheit und Wut im Bauch habe und in dieser Hinsicht hat Mitski einfach die Nase vorn. Auf alle Fälle liefert sie mit „Your Best American Girl“ den Lieblingshit für 2016 ab.
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Haley Bonar - Impossible Dream

Haley Bonar – Impossible Dream

Platz Nr. 2: Dass Haley Bonar an der Bestmarke kratzt, liegt an unserer unbändigen Freude fantastische Liveacts aufzuspüren. Im Privatclub in Berlin lieferte sie jedenfalls eines der beeindruckendsten Konzerte des Jahres ab. So gut wie jeder Song traf einen in der Magengrube (aber an der Stelle, wo es sich schön anfühlt). Erst nach der Show beschäftigten wir uns intensiver mit ihrem Werk „Impossible Dream“ und seitdem läuft es rauf und runter. In Interviews verriet Haley Bonar, dass sie es eigentlich viel lieber mag an einem Album zu basteln und hochwerte Songtexte zu verfassen als sich auf einer Bühne herumzutreiben. Das verwundert, spricht jedoch für die Qualität ihres Albums. Besser kann eine moderne Singer/Songwriter-Scheibe nicht klingen.
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The Lumineers - Cleopatra

The Lumineers – Cleopatra

Platz Nr. 1: The Lumineers haben mittlerweile einen Status erreicht, wo der eine Kritiker oder „Fan“ besser als der andere weiß, wieso eine Scheibe jetzt gelungen oder verhunzt klingt. Ich mochte die Band schon zu ihrer Debütalbum-Zeit, wo eine große Menschenschar ihrem „Ho Hey“ Aufmerksamkeit schenkte. Allerdings war es ein Mögen auf Abstand, vielleicht weil ich erstmal abwarten wollte, in welche Richtung es weitergeht. Und ich muss sagen, dass mich „Cleopatra“ in seiner Gesamtheit packt, die Storys dahinter, die Liebe zum Schunkeln und Klimpern, die Lalalas, der Groove und natürlich die unverwechselbare Stimme. Alles. In stürmischen Zeiten fühlt man sich bei The Lumineers geborgen. Und so war auch bei mir die Wahl des besten Albums 2016 bereits im April entschieden.
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TOP 5: JANA VOLKMANN
(Ohne Reihenfolge)

Daughter - Not To Disappear

Daughter – Not To Disappear

Hurra, Daughter sind zurück! Die Band um Elena Tonra hat 2016 ein weiteres ätherisch-schönes, hintersinnig düsteres Album nachgelegt, das sich locker an dem gefeierten Vorgänger „If you leave“ von 2013 messen lassen kann. „Not to disappear“ vermag mitzureißen und mischt gekonnt Einflüsse wie Trip-Hop und Shoegazing mit sehr zeitgenössischem Indie-Sound. Wie sich etwa „Doing the right thing“ stetig steigert, bis es einem richtig in die Knochen fährt, ist auf ganz bescheidene Weise genial. Und ach, diese Stimme. Behauptung: Wer sich beim Konzert nicht in Elena verknallt, ist nicht richtig dagewesen.
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Rae Spoon - Armour

Rae Spoon – Armour

Rae Spoon wird als einer der wichtigsten Songwriter Kanadas gehandelt, aber jenseits des großen Ozeans kennt man ihn noch viel zu wenig. Immerhin, als er zum Beispiel in der tollen Wiener Buchhandlung ChickLit sein Buch über das Aufwachsen in einer frommen Pfingstlerfamilie gesprochen hat, war der Laden so voll, dass die ORF-Fernsehkamera kaum noch Platz zum Mitschneiden gefunden hat. Und auch die Europatour 2016 hat die bestehende Fanbase hoffentlich ordentlich erweitert. Das neue Album „Armour“ im Gepäck und auf der Bühne Unterstützung von Plastik und anderen, hat Rae Spoon schließlich auf ganzer Linie überzeugt. Das neue, nunmahr achte Studioalbum ist wie seine Vorgänger eingängig und besonders, politisch und persönlich. Dank Songs wie „I Hear Them Calling“ und natürlich Rae Spoons einmaliger Stimme bleibt „Armour“ im Gedächtnis. Vielleicht nicht als Ohrwurm wie beim 2008er Hit „Come On Forest Fire Burn The Disco Down“, sondern als Songs zum Immerwiederhören. Bis sie sich irgendwann so festgesetzt haben, dass man sie permanent mit sich herumträgt – zum Beispiel als geistigen Wintervorrat für kalte Zeiten.
(Rae Spoon macht sich übrigens für die Verwendung genderneutraler Pronomen im Englischen stark, also für das Singular-they – dass es dafür kein zufriedenstellendes Äquivalent im Deutschen gibt, darüber gehören definitiv auch ein paar Songs geschrieben.)
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Amanda Palmer & Jack Palmer - You Got Me Singing

Amanda Palmer & Jack Palmer – You Got Me Singing

Über Amanda Palmer weiß man ja gefühlt so ziemlich alles. Die Musikerin präsentiert sich als offenes Buch, als Musterbeispiel einer Art von Schamlosigkeit, die mit so viel Herz und Ehrlichkeit auftritt, dass man sie nur bewundern kann. Erinnerungen an ihre Kindheit muss man allerdings erst einmal recherchieren. Dass ihr Vater die Familie verlassen hat, als sie noch kein Jahr alt war, gehörte lange eher nicht zum gängigen Faktenkanon. Dieses Jahr hat sie sich mit ihrem Vater Jack für ein Studioalbum verbündet, das die über Jahrzehnte gewachsene Entfremdung zu überbrücken scheint. Und im Zuge dessen hat sie auf ihrem Blog die Palmersche Familiengeschichte dargelegt: „me and my dad? it’s a long story, guys.“ Aber zum Glück nicht zu lang zum Erzählen.
Mit dem großartigen „Wynken, Blynken and Nod“ und elf weiteren, ebenfalls sehr beachtlichen Coverversionen zeigt „You Got Me Singing“ wieder einmal eine ganz andere Amanda Palmer. Eigentlich unglaublich, wie oft sich diese Künstlerin neu entwickelt und dabei immer glaubhaft die Alte bleibt. Tolle Sache, wieder einmal!
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Nick Cave & The Bad Seeds - Skeleton Tree

Nick Cave & The Bad Seeds – Skeleton Tree

Für die nahezu apokalyptische Weltstimmung des vergangenen Jahres ist Nick Caves jüngstes Album „Skeleton Tree“ vielleicht ein bisschen zu persönlich, in Sachen beklemmender Finsternis aber ist ihm schwer das Wasser zu reichen. Als sein Sohn Arthur im Sommer 2015 starb, war Cave schon mittendrin in der Arbeit an dem neuen Album. Trotzdem klingt es zu weiten Teilen wie ein Nachruf, von der britischen Steilküste in den Wind geflüsterte Trauer. Nicht ohne den obligatorischen Silberstreifen natürlich.
Der Film zur Entstehung des Albums – nach dem großartigen „20.000 Days on Earth“ eine weitere Cave-Doku – lief zum Erscheinen im Kino, genau einmal durfte er je Standort gezeigt werden. Das passt gut zu der Theorie, dass Nick Cave zu huldigen einem Gottesdienst nahekommt. Apropos, auch das neue Album ist alles andere als frei von religiöser Metaphorik. „You believe in God, but you get no special dispensation for this belief now“, heißt die nüchterne Bilanz.
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Leonard Cohen - You Want It Darker

Leonard Cohen – You Want It Darker

Schimpf und Schande auf dieses Jahr. Und nein, keine weiteren Nachrufe. Wir wissen ja alle, wen wir 2016 gehen sahen, und hoffentlich haben die meisten von Euch brauchbare Strategien entwickelt, um die ganzen Verluste irgendwie erträglich zu machen. Was mich an Leonard Cohen immer sehr begeistert hat, war die Art, wie er nie, nie seinen Humor verloren hat. Nicht mal, als es um ihn herum schon finster wurde. „You Want It Darker“ – sein vierzehntes Studioalbum und sein Vermächtnis – zeugt auch davon. Er hat das Album in seinem Wohnzimmer in L.A. aufgenommen, mit 82 Jahren, kurz vor seinem Tod im November. Ganz so dark hätte es für meinen Geschmack wirklich nicht sein müssen, aber das Album ist ein solcher Geniestreich, dass es wie ein musikalisches Denkmal würdig und nachdrücklich an den Künstler erinnert. Auch inhaltlich ist das nahende Ende sehr präsent. „I am ready, my lord“, singt Cohen in seiner über die Jahre immer reibeisenhafter gewordenen Stimme. Und so wirkt das Album tatsächlich: in sich geschlossen, gelassen. Unerschrocken. Und versöhnlich.
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