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Das Beste zum Schluss: unsere Alben des Jahres 2015 (Teil 2)

31. Dezember 2015

Leute, es wird Zeit sich zu verabschieden. Vom Jahr 2015. Da wir eher sentimental geprägt sind, schauen wir noch ein letztes Mal zurück, auf die Musik, die uns am meisten bewegt hat. Zurückschauen bringt ebenfalls noch einmal die Gelegenheit mit sich, auf grandiose Musik hinzuweisen, die andernorts untergeht. In unserem zweiten Jahresrückblick knöpfen sich Jana Legler und Jana Volkmann (unsere Starautorin) ihre Lieblingsscheiben vor. Wir wissen, wir können die Welt nicht verändern, aber wenn nur einer von euch durch uns eine musikalische Perle entdeckt hat, dann macht uns das glücklich. Da draußen wartet noch so vieles darauf entdeckt zu werden, allein deshalb freuen wir uns auf 2016. Genießt die letzten Stunden und kommt gut ins neue Jahr. Auf uns alle!

 

TOP 5: JANA LEGLER

Will Butler - Policy

Will Butler – Policy

Platz Nr. 5: Man muss schon Arcade Fire-Fan sein, um zu wissen, dass Will Butler, Bruder von Frontmann Win, in diesem Jahr sein Debüt-Album veröffentlicht hat. Für seine Kompositionen zum Film „Her“ konnte er mit Owen Pallet 2014 bereits eine Oscar-Nominierung einheimsen, aber das stand auf einem anderen Blatt. Auf „Policy“ wollte und konnte er sich nach Herzenslust erstmals austoben und ohne Erwartungsdruck und Erfolgsabsichten seine Leidenschaft für eine Vielzahl von Musikrichtungen zum Ausdruck bringen. Er ist Multiinstrumentalist und Energiebündel auf der Bühne, dass man schon immer das Gefühl hatte, dass es irgendwann einmal ein Projekt neben Arcade Fire geben muss. Musikalisch geht es tatsächlich in sämtliche Richtungen, trotzdem war stets unverkennbar Will Butler am Werk. Am besten kann man seine Musik als eine Mischung aus den Beatles und der Rocky Horror Picture Show beschreiben. Es braucht ein paar Durchläufe, um die Platte zu verstehen bzw. sie in ihrer Gesamtheit wertzuschätzen. Wenn man es geschafft hat, will man sie allerdings nicht mehr beiseite legen.
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Torres – Sprinter

Torres – Sprinter

Platz Nr. 4: Es sollte mir peinlich sein, dass ich in den Neunzigern noch nicht reif für PJ Harvey war. Heute könnte ich alles von ihr verschlingen, und seitdem dies so ist, veröffentlicht sie immer unregelmäßiger Platten, die natürlich auch nicht mehr nach den Neunzigern klingen. Und plötzlich kommt aus heiterem Himmel Torres daher und macht einen grenzenlos glücklich. Sie ist Virtuosin an der Gitarre und klingt so herrlich nicht danach, wie man heute als Alleinunterhalter eben so klingt. „Sprinter“, das zweite Album der noch blutjungen Musikerin ist noch mal eine Spur angrier ausgefallen als ihr ebenfalls beachtliches Debüt. Allein dafür, dass sie „Strange Hellos“ geschrieben hat, würde ich freiwillig ein Jahr auf Schokolade verzichten. Torres bewegt sich im Dunstkreis von begnadeten amerikanischen Singer/Songwriterinnen wie Sharon Van Etten und Lady Lamb. Letztgenannte hat in diesem Jahr mit „After“ ebenfalls eine neue Scheibe veröffentlicht, in die ihr ebenfalls unbedingt mal reinhören müsst.
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Yukon Blonde - On Blonde

Yukon Blonde – On Blonde

Platz Nr. 3: Yukon Blonde könnten es echt mit jeder Dampfwalze aufnehmen. Trotzdem gehören sie zu den wohl unterschätzten Indie Rock-Bands unserer Zeit. Sachen gibt’s! Ihr Album „On Blonde“ ist derart gut, dass ich es mir es als Zweitmedium sogar auf Kassette gekauft habe. Seitdem ich es in der Küche beim Zubereiten von Speisen höre, habe ich wirklich noch kein Gericht versalzen, Steak zu bissfest gebraten oder Ei zu hart gekocht. Außerdem kann ich während des Anrichtens so herrlich Fett verbrennen. Neben herrlichsten Psychedelic-Stampfern hauen die Kanadier nämlich auch hübsche Pop-Kompositionen mit Achtziger-Anleihen raus. Hüftspeck adé! Man könnte auch sagen, Yukon Blonde machen unglaublich abwechslungsreiche, stilsichere und ziemlich clevere Rockmusik, bei der man das Groove-Tanz-Monster in sich entdecken kann. Jeder Song auf dieser Platte sitzt, und trotzdem kann man Lieblingsstücke ausmachen: „I Wanna Be Your Man“ ist einer von ihnen. Wer diese Platte nicht mag, der hört heimlich Helene Fischer. Wetten?
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Ane Brun – When I’m Free

Ane Brun – When I’m Free

Platz Nr. 2: Ane Brun legte mit „When I’m Free“ nach einigen Jahren Funkstille im September ein Folk Pop-Album erster Güte hin. Die in Schweden lebende Norwegerin, die einst als Straßenmusikerin startete, kann man nicht wirklich mehr in eine Schublade stecken. Und das ist als großes Kompliment zu verstehen. Ihre Musik strotzt heute vor experimentellen Feinheiten, die sich im Laufe des Hörens mehr und mehr ihren Weg ebnen. Wie gern setzt man da einfach mal die Kopfhörer auf, um genau jene Details euphorisch aufzusaugen. Sogar orientalische Klänge haben dieses Mal den Weg auf ihre Platte gefunden. Und über allem schwebt ihre eindringliche, unverkennbare Stimme.
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Susanne Sundfør - Ten Love Songs

Susanne Sundfør – Ten Love Songs

Platz Nr. 1: Wenn Susanne Sundfør vor einem steht und performt, mag der Funke einfach nicht überspringen. Sie ist introvertiert. Sie redet nicht viel. Wenn, dann leise. Sie zeigt kaum Emotionen. Man findet das seltsam, man möchte angesprochen werden, doch die ganze Konzentration gilt ihrer Musik. Im Normalfall geht man frustriert nach Hause, da kann die Musik auf Platte noch so gut sein. Meistens legt man sie nie wieder auf. Aber bei Susanne Sundfør gelingt das einfach nicht. Mit „Ten Love Songs“ ist ihre eine derart grandiose Electro Pop-Scheibe gelungen, dass sie ohne große Diskussion an der Spitze der persönlichen Alben des Jahres steht. Wer hätte gedacht, dass die Norwegerin, die ihre Karriere mit zerbrechlich schönen Balladen began, plötzlich zur neuen Königin von Electro Skandinavien aufsteigt? Und das gänzlich ohne große Show! Wahrscheinlich ist sie deshalb besser als andere, weil auf die ganz großen Kracher („Accelerate“, „Fade Away“, „Delirious“) intelligente, teilweise beinahe cineastische Lowtempo-Songs („Memorial“) folgen lässt. Lückenfüller sucht man spätestens seit dieser dritten Album-Veröffentlichung vergebens.
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Weitere Scheiben, die an der Top 5-Marke kratzen:
Sallie Ford – Slap Back (bei Spotify anhören)
Dan Mangan + Blacksmith – Club Meds (bei Spotify anhören)
Lady Lamb – After (bei Spotify anhören)
Ewert And The Two Dragons – Circles (bei Spotify anhören)
Gengahr – A Dream Outside (bei Spotify anhören)
John Grant – Grey Tickles, Black Pressure (bei Spotify anhören)
Zhala – Zhala (bei Spotify anhören)
Muse – Drones (bei Spotify anhören)
Team Me – Blind As Night (bei Spotify anhören)

Größte Enttäuschung: Daniel Johns – Talk

 

TOP 5: JANA VOLKMANN

Benjamin Clementine - At Least For Now

Benjamin Clementine – At Least For Now

Platz Nr. 5: So sonderbar wie bei Benjamin Clementine hat sich Soul für mich noch nie angehört, aber da bin ich, zugegeben, auch nicht die beste Ansprechpartnerin. Schon Clementines Biografie liest sich wie ein Märchen: in London geboren und aufgewachsen, mit 20 impulsiv nach Paris, dort obdachlos. Als Straßenmusiker entdeckt, groß rausgekommen, versetzt Clementine heute Kritik und Zuhörer in Staunen. Für so viel Pathos muss man stark und mutig sein. Unerschrocken vor dem schmalen Grat zwischen Gefühl und Peinlichkeit zeigt sich das Album At Least For Now. Wer Klaviermusik und Seltsamkeit, gepaart mit ehrlicher Verzweiflung und einem mal leisen, mal lauten Leiden an der ganzen Welt zu schätzen weiß, sollte sich das Album auf keinen Fall entgehen lassen. Wir Postmodernen können gewiss nicht umhin, darin nach Ironie zu suchen, und wer sie sucht, der findet sie natürlich auch.

 

Florence + The Machine - How Big, How Blue, How Beautiful

Florence + The Machine – How Big, How Blue, How Beautiful

Platz Nr. 4: Schon im Frühjahr kam mit How Big, How Blue, How Beautiful der neuste Streich von Florence + The Machine heraus, und es fühlt sich so an, als wäre das Album einfach die logische Fortsetzung der Vorgänger – inklusive der Ernüchterungen, die logische Fortsetzungen manchmal so mit sich bringen. Dabei weiß ich selbst nicht, was ich vermisse. Die ewige „künstlerische Entwicklung”? Unsinn! Florence hat diesbezüglich so viel auf dem Kasten, dass das nicht mehr als eine Phrase wäre. Hits? Gibt’s doch. Ich finde den Fehler einfach nicht, und während ich ihn suche, finde ich das Album plötzlich doch großartig. Ein Glück!

 

Nadine Shah - Fast Food

Nadine Shah – Fast Food

Platz Nr. 3: Mit einem Faible für Melancholie und Schattenseiten gesegnet, finde ich Popmusik oft fad und höre lieber zum 1000. Mal dieselbe olle Nick-Cave-Platte, die sich schon seit Anbeginn der Zeit bewährt hat. Dass das ein Fehler ist, zeigen die vielen Neuentdeckungen, die mir um ein Haar entgangen wären. Zum Beispiel Nadine Shah – die junge Britin hatte als Kind ihrer norwegisch-pakistanischen Eltern viel Zeit, sich ans Außenseiterinsein zu gewöhnen. Sie setzt sich heute stark mit psychischen Krankheiten und der damit einhergehenden Stigmatisierung auseinander, nicht nur in Vorträgen und durch karitative Arbeit, auch in ihrer Musik. Das hört man dem neuen Album Fast Food an. Brüchig und düster klingt es bisweilen, und so voll tiefer Schluchten, dass man fast Angst bekommt, genauer hinzuhören.

 

Editors - In Dream

Editors – In Dream

Platz Nr. 2: Manche Leute sagen, sie fühlen sich alt, wenn sie ihre liebste Musik von vor zehn Jahren hören. Bei mir war das anders: Als ich dieses Jahr nach einer Ewigkeit mal wieder bei einem Konzert der Editors war, hat sich das angefühlt, als wären die Jahre 2006-2015 einfach nicht passiert. Dabei haben die fünf aus Birmingham inzwischen ganz schön viel Neues gemacht. Das Album In Dream habe ich erst nach dem Konzert richtig wahrgenommen und exzessiv gehört. Von der Kritik wurde es mal so, mal so aufgenommen, manche vermissten die ganz großen Smash Hits der Vorgänger. Ich denke, das wird dem Album nicht ganz gerecht. Oder hat jemand schon mal versucht, einen Song wie „Forgiveness“ wieder aus den Ohren zu bekommen, und es auf Anhieb geschafft? Falls ja, brülle ich laut und hochachtungsvoll: „Salvation“!

 

John Grant - Grey Tickles, Black Pressure

John Grant – Grey Tickles, Black Pressure

Platz Nr. 1: Wenn ich John Grant doch nur viel früher entdeckt hätte! Stattdessen bin ich erst in diesem Jahr – zusammen mit sehr, sehr vielen anderen Leuten – auf den mittlerweile auf Island lebenden US-Amerikaner aufmerksam geworden. Also habe ich neben seinem aktuellen Album Grey Tickles, Black Pressure auch gleich die gesamte Grant’sche Backlist rauf- und runtergehört, auch und besonders das unglaubliche Live-Album mit dem BBC Orchestra, und mich davor und danach von seiner ehemaligen Band The Czars begeistern lassen. Das neuste seiner Alben habe ich zum Geburtstag bekommen, fälschlich hatte ich mir etwas namens „Grey Tickles, Black Pleasure“ gewünscht. Und wurde daraufhin gefragt, ob „Black Pressure” auch okay sei. Klar war es das, passt ja auch viel besser. Die manische, melancholische, schräge Tour de Force vereint das Beste von John Grants Musik. Seinen Humor, seine Verletzbarkeit, seine Abgründe und seine Unsicherheit, die manchmal schwer nach Größenwahn klingt (für mich ist das grandiose „GMF“ der John-Grant-Song, an dem sich alle anderen messen müssen). Eine ganz große Liebe, musikalisch gesehen.

PS: Beim Nachhören habe ich festgestellt, dass sechs meiner Top-5-Alben des Jahres in Wahrheit von 2014 sind. Macht auch nichts – dieses Jahr hatte dann doch weit mehr musikalische Glücksmomente parat, als anfangs gedacht. Knapp rausgeflogen sind Liza Anne und Sleater-Kinney, die auch Alben gemacht haben, die ich beeindruckend fand.

1 Kommentar

  1. […] rockzoom.de habe ich zusammen mit meiner lieben, tollen Musikfreundin Jana Legler eine Liste von Top-5-Alben […]

    #295321

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