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CYNIC: „Traced in Air“

29. November 2008

Wer Atheist sagt, muss auch Cynic sagen. ‚Was, wieso?‘ mag sich der Unbedarfte denken, der bisher noch nicht seine Ohren in die Weiten des Progressive/Technical Death Metal gesteckt hat. Beide US-amerikanischen Bands haben sich vor ziemlich genau 15 Jahren nach nur kurzem Bestehen aufgelöst, wurden jeweils vor gut zwei Jahren wiederbelebt, gingen auf Reunion-Tour und nun steht das erste Album seit einer geschätzten Ewigkeit an. Während die kalifornischen Kollegen von Atheist noch fleißig werkeln, haben Cynic nun mit „Traced in Air“ ihr zweites Album abgeliefert…

Auf die Frage im Rockalarm-Interview auf dem diesjährigen Wacken, warum denn erst jetzt Cynic revitalisiert wurden, entgegnet der sympathische Bandkopf Paul Masvidal: „We’ve been busy. We’ve been busy meditating…“ mehr sarkastisch als zynisch, und mit einem breiten Grinsen serviert. Klar, Transzendenz, das Metaphysische, fernöstliche Philosophien, die Frage nach dem Leben, dem Universum und allem – das war schon auf dem 1993er Meilenstein „Focus“ das inhaltliche Metier der Band, doch bleiben Paul und Sean bodenständig und bescheiden und meinen lediglich, dass in 15 Jahren viel passieren kann, man sich vor alem als Mensch ändert und auf das bisher Gemachte einen guten Draufblick bekommt, der es einen erst ermöglicht, im Jahr 2008 Fuß zu fassen, Neues zu schaffen ohne dem Alten untreu zu werden. Kann „Traced in Air“ also an „Focus“, diesen Großen der Technical (Death) Metal-Pioniere, anknüpfen?

Das erste Stück „Nunc Fluens“ beginnt dabei verhalten, baut Spannung auf – und wie! Langgezogene Gitarren-„Schreie“, ein knurrender Bass, sanft einsetzende, immer lauter werdende Percussion … Das ist nicht nur eine Intro, es ist eine Exposition, die den Standpunkt nach 15 Jahren Stille ausfindig macht, die Koordinaten setzt, den Hörer gefasst macht, ihn vor einer unheilvoll wabbernden mesomorphen Wand stehen lässt, ein wenig ängstlich, doch zugleich von dieser Furcht vor dem Unbekannten fasziniert, darauf wartend, dass die unvermeidbare Explosion jeden Augenblick stattfindet… und dann schneidet das erste so Cynic-typische, hochpräzise gespielte Gitarrenriff durch diese schaurig-schöne kristalline Wand, knapp gefolgt von fast absoluter Stille und einem scheinbar fließenden Übergang zu „Space for this“, einem für zynische Verhältnisse ganz und gar eingängigen Song! Nein, nicht technisch anspruchslos – Himmel nein! – vielmehr tun sich hier bisher Dimensionen auf, die das Gros der technisch-versierten Bands in der Regel vermissen lassen: griffige Melodien, fragile Trips entlang eines seidenen Fadens, wunderschöne Clean-Harmonien zwischen den beiden vokalen Ichs des Paul Masvidal… Es bleibt definitiv schon nach wenigen Turns etwas im Ohr.

„Traced in Air“ wirkt insgesamt auch emotionaler, geht näher. Mag sein, dass das auch an den Vocals liegt: Mehr denn je wird seine Pauls wahre Stimme erkennbar, der elektronische Effekt schwingt nur noch unterschwellig mit. Growls kommen nur noch sporadisch vor. Für diese zeichnet sich dieser Tage übrigens ein gewisser Tymon Kruidenier verantwortlich. Sie sind gut, doch auch nach dem wohl 50. Mal Hören muss ich sagen: Ich könnte mir „Traced in Air“ sogar ganz und gar ohne aggressivere Vocals vorstellen. Die subtilen Songaufbauten, so vielstimmig und durchdacht, durch der Emotionen verschiedenste Ausprägungen tauchend, befördern einen nicht selten in ferne Sphären, nur um dann von brachialen Gnadenlos-Riffs, genau wie ein Uhrwerk, in irdische Ebenen zurückkatapultiert zu werden. Wer braucht bei diesen Reisen noch einen Grunzer? … Neben den krachigeren Vocalparts spielt Neuzugang Tymon auch noch zusätzliche Gitarrenparts ein – apropos: Wer die ultrapräzisen Riffs auf „Focus“ ebenso wie in der Ferne sehnsüchtig lamentierenden Gitarren zu schätzen wusste, wird hier gleich noch mit häufig vor sich hin träumenden Cleangitarren belohnt.

Nun, um die Frage vom Anfang noch einmal aufzugreifen: Ja, „Traced in Air“ kann an „Focus“, diesen Meilenstein im technischen Death Metal anknüpfen. Und ich weiß dass man nicht Äpfel mit Birnen vergleichen sollte, aber in meinen Ohren hat „Traced in Air“ sogar deutlich die Nase vorn. Es macht sich frei vom Death Metal-Korsett und gibt auch der technischen Ausgereiftheit der Musik den nötigen akustischen Rahmen in Höchstqualität. Ja, ich meine da die schön druckvolle Produktion. Klangen die Drums bei hier und da beim „Focus“-Opener „Veil of Maya“ beispielsweise noch wie ein Flipperautomat, trifft man hier auf rollende Toms, peitschende Becken, einem nach wie vor Tänze vollführenden, satt klingenden Bass. Jede noch so kleine Triangel fände in der Differenziertheit dieser Produktion ihre Beachtung. ‚Zeitgemäß‘ wäre für diesen Sound nicht das richtige Wort. Heutzutage wird dabei viel falsch gemacht: Auf dem OP-Tisch wird seziert, sterilisiert, schönheitsoperiert – am Ende stehen die meisten gesichtslos da, oder zumindest mit einer Einheitsvisage: schick aber irgendwie langweilig.

Doch zurück zum hervorragenden Gegenbeispiel: „Traced in Air“ ist ein einziger Fluss. Natürlich gibt es himmlische Höhen. Zum Beispiel das bereits im Vorfeld bekannte „Evolutionary Sleeper“, welches seinen delikaten Einstand auf dem norwegischen Hovefestivalen 2007 erlebte, das sich anschließende „Integral Birth“, dessen vielgestaltige Schönheit jeder Beschreibung trotzt oder „Adam’s Murmur“, schon beinahe eine Art Liebeslied. Selbst „Nunc Stans“ ist kein simples Outro – es gehört unabdingbar zum Album. Die berühmte Phrase „wie aus einem Guss“ findet hier sein anerkennendstes Kopfnicken. Nur leider ist „Traced in Air“ immer so erschreckend schnell vorbei – mit 34 Minuten Laufzeit sogar noch kürzer als „Focus“! …Passt aber somit auch in jede Mittagspause. Wer es also exotisch mag (irgendwo zwischen Indisch und Talaxianisch, mit einer Prise fein-französischer Cuisine) hat hier wirklich gut und lecker zu beißen. Wer erstmal nur lieber kosten mag: Cynics Label Season of Mist-Records hat „Integral Birth“ zum Download freigegeben. Übrigens, demnächst auch live unterwegs mit Opeth und The Ocean – Traumtour!!

# 05.12. – Zürich, Rohstofflager – CH
# 06.12. – München, Backstage werk – GER
# 07.12. – Wien, Arena – AT – SOLD OUT!
# 09.12. – Stuttgart, Longhorn – GER
# 10.12. – Köln, Live Music hall – GER
# 11.12. – Berlin, Postbahnhof – GER
# 12.12. – Hamburg, Markthalle – GER

>> CYNIC @ Myspace

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