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Crosby, Stills, Nash & Young: Déjà Vu / ein Film von Neil Young

11. Juli 2008

Wow, so leer war es im Kino nicht, seit ich eines schönen Sommertages im Jahr 2004 in Michael Moores „Fahrenheit 9/11“ saß. Ein ähnlicher Film, nur rockender, sollte mich auch im Sommer 2008 in die Leipziger Passage Kinos führen. Ganze sieben Leute haben sich zur Premiere des neuen Dokumentarfilms von Bernhard Shakey, besser bekannt als Neil Young eingefunden. Young ist eben kein Hancock. Neil Young - Living With War (2006)Vielmehr macht er selber Filme und hat sich dieses Mal Mike Cerre zu Hilfe genommen, eben jenen preisgekrönten Journalisten, der im Irakkrieg ganz vor mit dabei war und nun mit seinen Bildern Neil Youngs 2006 erschienenes Anti-Bush-Album „Living with War“ ergänzt.

Die Message wird schnell klar: „andere Präsidenten, andere Kriege, die gleichen Probleme“, äußert einer der vielen im Film zu Wort kommenden Vietnam-Veteranen und meint damit in erster Linie natürlich jenen Krieg, „seinen“ Krieg, dessen protestreicher Höhepunkt sich beim legendären Woodstock Festival äußerte. Die Herren David Crosby, Stephen Stills, Graham Nash und Neil Young, kurz CSNY, waren damals natürlich auch zugegen und gelten spätestens seit dem 1970er Song „Ohio“ an der Seite von Musikern wie Phil Ochs zu den schärfsten Kritikern dieses Krieges.

„Déjà Vu“ ist also nicht nur der Name ihres 1970 erschienenen Albums, sondern auch eine Anspielung darauf, dass in Zeiten des Irakkrieges doch so einiges an den Krieg im Vietnam erinnert(e), vor allem was die Reaktionen im (amerikanischen) Volk angeht. Im Zuge der Veröffentlichung des „Living With War“-Albums trommelte Young seine drei Bandgefährten CSN zusammen und machte sich auf die Freedom of Speech Tour 2006 quer durch die Staaten. Der Film zeigt deutlich zwei Dinge: Zum einen dass die Herren verdammt gealtert sind, dabei Stephen Stills (Macher und Leadsänger des bekannten Hits „For What it’s Worth“) furchtbar und Band-Greis David Crosby mit seinen zum Zeitpunkt der 65 Jahren immer noch sehr frisch und ausgesprochen klar klingt, und dass sich die Fans der Band alles andere als einig über die poltischen Äußerungen von Young & Co. sind. Ich glaube es war zum Konzert in Atlanta: Kameramann Mike Cerre fängt schon bei den ersten Tönen von „Let’s Impeach the President“ enorm viele Buh-Rufe, Stinkefinger, das allseits bekannte F-Wort und beleidigtes Davonstapfen ein. CSNY - Déjà Vu (2008) Man hat ja als Besucher schließlich etwa 150 $ für solch ein Konzert berappen müssen und verlange anständige Musik, die Meinungen der Musiker wollen viele der sogenannten Fans nicht hören…

Wer sich den Film ansehen möchte, sollte im Vorfeld zumindest schon einmal von CSNY oder Neil Young gehört haben, beziehungsweise eine Affinität für Woodstock und Hippieweisen mitbringen. Natürlich geht es um Musik. Doch nicht nur. Es geht um Texte, Meinungen und ihren gesellschaftspolitischen Kontext, gut zu sehen am Verhältnis Musiker zu Fans, aber auch Musiker zu direkt betroffenen Personen des aktuellen Krieges. Besonders berührend eine Art kleine „Jam-Session“ zwischen Neil Young und dem ehemaligen Irak-Soldaten Josh Hisle, die alles andere als für die Kameras gestellt wirkt. Wer vom Film Irakkrieg-Faktenwissen oder Klärung von Schuldfragen erwartet, wird hier nicht fündig. Andererseits ist der Film auch keine reine Nostalgie und Lobhuddelei auf CSNY und ihre hippiesken Ansichten. Es kommen durchaus auch kritische Stimmen zu Wort, meist in Form von Rezensenten diverser amerikanischer Tages- und Wochenblätter sowie Konzertbesucher, welche sich über die Auftritte der Tournee frei äußern (dürfen). Insofern ist die eigene Maxime, „Freedom of Speech“, schon einmal gegeben.

Doch warum erst jetzt einen Film über den Irakkrieg, Mr. Young? „Ich habe gewartet bis ich 60 bin…“ Nicht der Geburtstag war Anlass, sondern vielmehr, dass viel zu wenige einflussreiche Musiker, Künstler, Stars und Sternchen in diesem Ausmaß gegen diesen Krieg vorgegangen sind. Dann fühlte sich eben eines Tages ein gewisser Neil Young angesprochen, schrieb und nahm in nur neun Tagen „Living With War“ auf und machte sich damit auf den Weg… Außerdem, wenn nicht CSNY als DIE Woodstock-Ikonen des politischen Rocksongs das Recht zu solchen Ansprachen haben, wer dann?

Offizieller Film-Trailer:

Ein sehr amerikanischer, schon fast typisch amerikanischer Film: Für den einen pathetisch überzogen für den anderen stellen die Tränen über den Verlust der Geliebten die Wahrheit über diese Kriege dar. Und das genau ist es doch, so plakativ es auch immer wieder klingen mag. Und es muss wohl so direkt – und ja, mitunter auch pathetisch – sein, damit es wirkt. So sind sie nun einmal, unsere lieben Amerikaner. Und so bewegen sie auch etwas: sich selbst, ihre Regierungen, manchmal auch die weniger Extrovertierten außerhalb der eigenen Landesgrenzen. Zumindest bleibt einem das Hollywood-Happy-End erspart…

Ein angenehmer Nebeneffekt für mich persönlich ist aber auch ein deutlich besseres Verständnis seines Albums „Living with War“, welches ich bis dato nur unter zwei Gesichtspunkten gesehen habe: 1. Es klang eben plakativ und wenig argumentativ. 2. Verglichen mit seinem bisherigen musikalischen Schaffen stellte die Musik an sich maximal oberen Durchschnitt dar. Nun macht aber alles in seiner Einheit Sinn:

„Living With War“ ist der Soundtrack zu einem Film, der erst im Nachhinein entstand. Tja, Neil Young ist eben bekannt dafür, stets neue Pfade zu betreten. Ich für meinen Teil beschreite vorerst wieder einen alten Weg und lege die „Déjà Vu“-Platte auf und ihr seht euch diesen Film an!

Läuft ab sofort in ausgewählten Lichtspielstätten.
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>> www.csny-dejavu.com/
>> www.neilyoung.com/lwwtoday/index.html

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