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COPPELIUS: „Tumult!“

25. Februar 2009

„Es ist nicht zu leugnen, daß in neuerer Zeit – dem Himmel sei’s gedankt! – der Geschmack an der Musik sich immer mehr verbreitet, so daß es jetzt gewissermaßen zur guten Erziehung gehört, die Kinder auch Musik lehren zu lassen, weshalb man denn in jedem Hause, das nur irgendetwas bedeuten will, eine Klarinette, wenigstens ein Cello findet. Nur wenige Verächter der gewiß schönen Kunst gibt es noch hie und da. Und diesen eine tüchtige Lektion zu geben, das ist jetzt unser Vorsatz und Beruf.“

Coppelius: "Tumult!" (2009)Die galanten Herren im Gehrock sind also zurück. Und ja, sowohl Klarinette als auch Cello gehören ebenso im Jahr 2009 zum guten Ton dieser zeitreisenden Gesellschaft. Auch Klarinette, Kontrabass und… Schlagzeug, eine Kontribution des Meisters Nobusama aus Fernost, sorgen nach wie vor für kurzweilige Abendunterhaltung… Ach, und beinahe vergessen: Da wäre ja noch der treue Haus- und Hofdiener Bastille, der übrigens seit jüngstem zum Erschrecken vieler seiner Haarpracht entledigt wurde…

Graf Lindorf, Cello: Da mein Zylinder gestohlen wurde, werden Bastilles Haare nun verkauft, um die Kosten für des Detektivs Honorar begleichen zu können…

In der Tat. In diesem Beitrag kommt auch die verehrte Musikerschaft zu Wort. Doch zunächst sollen die Meinungen aus unseren eigenen Reihen erhört werden. Und die des Master of Disaster fasst ganz bravourös zusammen, was wohl die „wenigen Verächter der gewiß schönen Kunst“ von COPPELIUS im Allgemeinen und deren nun vorliegenden zweiten Tonträger „Tumult!“ im Speziellen noch nicht wissen:

Master of Disaster (MoD): „Ganz schön heavy, unbekümmert und mit hoch dosiertem kompositorischem Witz und Feingefühl führen uns die werten Herren durch eine musikalische Landschaft aus jeder Menge Subway to Sally, Apocalyptica-Cello-Riffing und gehobenem (Musik-)Theater mit gesundem Pop-Appeal. […] die Hits und Highlights sind ganz klar in der Überzahl. Da hätten wir zum Beispiel gleich zum Einstieg das äußerst eingängige und mächtig tanzbare ‚Habgier‘. Sehr gelungen ist das folk-rockige Inchtabokatables-Cover ‚Rightful King‘.“

Subway to Sally und ‚Rightful King‘ sind gute Stichworte, denn eben jener Song erinnert irgendwie an eben an jene Kollegen, oder? Na, das klingt mir doch sehr nach Eric Fish!? Ha, das könnte daran liegen, dass dieser Herr Sänger in der Tat Mr. Fish IST, der da das Mikrofon auf seine markant „denglische“ Aussprache zu treibendem kammermusikalisch tönenden Rhythmus beehrt. Abgesehen davon bleibt bei COPPELIUS alles gesanglich beim Alten: Le Comte Caspar, Max Coppella und besagter Bastille teilen sich auf gewohnt freche, manchmal sogar auf subtil-harmonische Weise die gesanglichen Leistungen. Erneut verzückt auch das talentierte Händchen für eingängige Melodien… Doch kommt man zugleich nicht drumherum zu denken, dass hier und da von der ein oder anderen Metal- oder Punkrockband „geklaut“ wurde, um es mal vorsichtig zu formulieren… Aber das war wohl eher andersherum. Sehe ich das richtig, Herr Graf?

Graf Lindorf: Ich sehe, Sie haben sich in der Hinsicht, wie herum es nun gewesen ist, gut vorbereitet. So oft, wie man uns schon die eine oder andere Melodie entwendet hat, das geht auf keine Kuhhaut. Aber sprechen Sie ruhig offen aus, was Sie für geklaut halten, dann fällt es uns leichter, uns darüber lustig zu machen, wenn Sie das Anwesen verlassen haben.

Max Coppella, Gesang und Klarinette: Herr Graf, Sie geben sich aber heute sehr schlagfertig, das haben Sie doch sicherlich nicht vom Comte?

Graf Lindorf: Nein, aber von Ihnen auch nicht.

Coppelius 2009Entlehnt oder nicht, nennen wir das Kind beim Namen und vergessen nicht die gesunde Dosis Iron Maiden, die sich dem Hörer un- oder ganz bewusst aufdrängt. Und das nicht ohne Grund, denn das äußern COPPELIUS sogar ganz direkt in Form der gelungenen Coverversion ‚Charlot the Harlot‘. Ja, auch beim letzten Male wurde zu glorreichen „Time-Zeit“-Tagen – man schrieb das Jahr 2006 und Coppelius setzten gerade bundesweit zum Siegeszug an – ein fabulöses Maiden-Stück in derart beschwingt-frecher Manier dargeboten, dass man diesen gewitzten Herren selbst Morde in der Rue Morgue nicht übel nehmen konnte. Doch bevor ich hier allzu weit voranspringe – besagtes Coverstück ist nämlich schon Stück 15! – komme ich nicht herum zu kritisieren, dass es die Herrschaften von COPPELIUS scheinbar schon auf ihrem zweiten Album für nötig halten, ihr eigenes Liedgut wieder aufzuwärmen. Benannt sei da die ‚Komposition‘, welche den Leitmotiven und der Struktur des Stückes ‚Operation‘ fast völlig entspricht. Abgesehen von dieser Tatsache gehört die ‚Komposition‘ dennoch zu den „Tumult!“-Highlights, denn eine solche Heaviness und Eingängigkeit verdient es durchaus, vielerorts und oft erhört zu werden, ja doch…

Max Coppella: …was heißt hier „ja doch…“, sprechen Sie ruhig weiter und machen Sie sich unbeliebt…

Graf Lindorf: …da sind Sie wiederum gut vorbereitet, denn das haben Sie wohl fein erkannt. Aber Sie sprechen immer nur vom Klauen. Klauen von anderen Metal- oder Punkrockbands, klauen von uns selbst… Ich habe das Gefühl, Sie haben sich da in etwas verrannt. Haben Sie denn keine interessanteren Fragen? Oder sind Sie vielleicht von der Geheimpolizei?

Max Coppella: Da sehen Sie, schon haben Sie es sich mit dem Grafen verscherzt.

Le Comte Caspar, Gesang und Klarinette: Werther Graf Lindorf, ich will Sie etwas beruhigen. Sicherlich wollte die werthe Dame Ihnen keine Vorwürfe machen! Doch frage ich mich, verehrte Dame, ob Sie den tieferen Sinn des Stückes  doch nicht etwas zu leichtfertig abtun… Sehen Sie: Da wird also eine Komposition geklaut und mit neuem Text versehen, in dem es um geklaute Kompositionen geht… Na, dem geneigten Leser geht schon ein Licht auf, aber ich will nicht zu viel Verraten. Nur ein kleiner Hinweis noch: Ist Ihnen am Klarinettensolo etwas aufgefallen?

Coppelius - 28.05.2007 #2

Ah, jetzt wo Sie’s sagen… Äh, nein. Doch behalten sich Coppelius das Recht vor, sich zu verändern, oder ist der Gehrock eines ausgehenden 19. Jahrhunderts ein irreversibles Korsett, staubig, unablegbar? Die Bandphilosophie, sofern es eine gibt, unabwandelbar?


Graf Lindorf: Ich habe noch keinen Menschen kennengelernt, der sich nicht stets verändert, allerdings wüßte ich nicht im Geringsten, was mich dazu bewegen sollte, meinen Gehrock gegen eine Jeans-Hose oder eine rein aus Chemikalien fabrizierte Windjacke einzutauschen. Ach und Bastille, bitte schauen Sie nach, ob mein Gehrock wirklich staubig ist, denn ich habe ihn bei meinem morgendlichen Ausritt noch sehr gut geputzt in Erinnerung.

Max Coppella: Darf ich Sie darauf hinweisen, daß mit „staubig“ nicht schmutzig, sondern längst überholt gemeint ist, Herr Graf?

Graf Lindorf: Ich bitte Sie, Herr Coppella, bitte korrigieren Sie mich nicht, oder hat man Sie kürzlich in den Adelsstand erhoben?!

Le Comte Caspar: Meine Herren, Sie liegen beide falsch! Natürlich, werthe Dame, gehen wir mit der Mode! Vielleicht nicht mit jeder, und nicht immer mit der Neuesten, aber was ich sagen wollte, war: Wir haben uns jüngst neue Gehröcke schneidern lassen! Sie werden staunen, wie stattlich wir uns darin machen, wenn Sie sie sehen!

Es heißt nun immer COPPELIUS hilft… Ja, wem eigentlich, und gegen was überhaupt?

Graf Lindorf: Ich sehe, Sie haben sich in dieser Hinsicht gar nicht gut vorbereitet. Bitte, werther Le Comte, erklären Sie es dem Fräulein Journalisticus, worin die coppelianische Hilfe besteht, denn ihr scheint bisher nichts geholfen zu haben.

(Journalistica wenn schon denn schon…)

Max Coppella: Ja, ähm.. Comte, nun machen Sie doch schon, worum Sie der Graf so höflich bittet…

Le Comte Caspar: Nun, ich will einmal geduldsam und freundlich sein: Auch die werthe Journalistin wird ihre Gründe haben, ein Konzert zu besuchen – und dies nicht etwa nur, um ihre Arbeit zu tun! Nein, sicherlich werden Sie auch ein wenig Genuss dabei verspüren, ja auch Ablenkung von seelischen Leiden und täglichem Schmerz, vielleicht gibt Ihnen ein coppelianisches Aufspiel auch Kraft und neuen Mut, das Leben zu bestehen? Lassen Sie sich inspirieren? Erwarten Sie Antworten auf lang gestellte Fragen? Oder werden Sie einfach nur gern unterhalten und schauen interressiert dem bunten Treiben auf der Bühne zu? Nun: Coppelius Hilft! Aber deswegen müssen Sie ja nicht gleich einen neuerlichen Theaterbrand beschwören, sonst sind am Ende wieder wir schuld. Uns wurden schon so viele Tumulte, die mit Feuer zu tun hatten, in die Schuhe geschoben…

Zunächst einmal zurück zum Album, das sich bishin zum bereits benannten ‚Charlot the Harlot‘ sehr passabel hält. Wer bei einem Stück wie ‚Schöne Augen‘ sich spätestens nach dem zweiten Hördurchgang nicht genötigt fühlt, in den Refrain einzusteigen, dem ist in der Tat nicht mehr zu helfen, trotz der gängigen COPPELIUS-Prophezeihung „Coppelius hilft“… Für mich persönlich bricht die musikalische Qualität, das songschreiberische Händchen vor allem, leider ab dem Maiden-Coversong, Nummer 12 von 17, leider etwas ab. Das sieht der Master etwas anders und betont noch einmal hinten raus die Nummer 15:


MoD: „Erwähnen muss ich auch unbedingt noch das atmosphärisch dichte, sich gnadenlos im Ohr festsetzende ‚Spring doch!‘. Das alles zusammen ergibt unterm Strich ein sehr empfehlenswertes Album. Sally-Fans im speziellen und Freunde eigenwilliger, klassisch verwurzelter, pathetisch geschichtsträchtiger Rock-Musik im allgemeinen dürften COPPELIUS und „Tumult!“ schnell in ihr Herz schließen.“

Zumindest dem zweiten Teil dieser Aussagen kann ich bedenkenlos zustimmen. Wer vom Master die vollständige Meinung lesen möchte, begebe sich bitte zur Referenz der geschätzten Kollegen. Ich selbst endige mit der Erkenntnis, dass COPPELIUS-Alben zwar wirklich gut sind, doch im Endeffekt – und dazu bietet sich auch bald wieder Gelegenheit! – ich mir die Herren doch am liebsten auf der Bühne ansehe!

Coppelius - 28.05.2007 #7 Max Coppella: Ach, und ich würde das niemals tun, wie verschieden diese Generationen doch sind… Dann geben Sie freundlichst bitte Bastille unsere CD zurück.


Graf Lindorf: Dann sehen wir uns auf einem unserer Konzerte, ich freue mich. Ach, entschuldigen Sie, bitte lassen Sie das Weinglas hier, Sie wollen doch nicht bei uns klauen?

COPPELIUS-Tourdaten:

27.02.2009 (Fr) Kaiserslautern – Kammgarn
06.03.2009 (Fr) Rostock – Mau Club
07.03.2009 (Sa) Erfurt – Centrum
12.03.2009 (Do) Fulda – Kulturkeller
13.03.2009 (Fr) München – Spectaculum Mundi
14.03.2009 (Sa) Wien (A) – Szene
20.03.2009 (Fr) Köln – Werkstatt
21.03.2009 (Sa) Berlin – Kulturbrauerei (Palais)
27.03.2009 (Fr) Hameln – Sumpfblume
03.04.2009 (Fr) Dresden – mit Letzte Instanz
04.04.2009 (Sa) Aschaffenburg – Colos Saal
16.05.2009 (Sa) Hannover – Musikzentrum

Le Comte Caspar: Wie, was, das war es schon? Jetzt haben wir über Kleidung gesprochen, über Diebstähle, über Texte, aber gar nicht über Musik!? Ich dachte, Sie hätten noch eine harmonische Analyse über das Eine oder Andere Werk vorbereitet, über die wir debattieren würden? Ich dachte, uns würde vorgeworfen werden, daß „Zu Dir“ zu wenig verschiedene Akkorde enthielte, und ich erhielte Gelegenheit, Ihnen in der Partitur die polyphone Stimmführung aufzuzeigen. Ich dachte, wir sprächen über gewohnte und tatsächlich gesungene Stimmlage von Herrn Eric Fish bei „Rightful King“. Ich dachte, wir sprächen über die komplexe musikalische Struktur von „Schöne Augen“. All das nicht? Ach, hätten doch die Punkrockkapellen, wenn sie schon von uns klauen müssen, wenigstens mehr als 3 Akkorde mitgehen lassen, man weiß ja heutzutage tiefergehendes Arrangement und die Kunst des Tonsatzes überhaupt nicht mehr zu schätzen!

>> Offizielle Homepage: http://coppelius.eu

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