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Blues, Hippies und ENGERLING @ DAStietz, Chemnitz | 11.10.09

12. Oktober 2009

Seit 23 Jahren findet in Chemnitz regelmäßig das Kulturfestival BEGEGNUNGEN mit zahlreichen Konzerten, Theaterstücken, Filmen und Lesungen zu einem Thema statt. „Grenzen-los“ war diesmal das Motto des programmvielfältigen, fünftägigen Festivals, die Friedliche Revolution dieser Tage natürlich in aller Munde, Ohren und Augen und wem’s noch nicht zum Halse raushing, der ging am Sonntag zur finalen Begegnung mit Bluesern, Tramps und Kunden (wieder eine neue Bedeutung gelernt…) alter Tage ins beschauliche Chemnitzer Tietz.

Den Einstieg in den gutbesuchten Abend machte eine Diskussionsrunde mit dem Titel „Bye bye, Lübben City: Bluesfreaks, Tramps und Hippies in der DDR“, welches nur zu Beginn auf das gleichnamige, wiederveröffentlichte Buch durch eine kurzweilige Vorlesepassage des ZEIT-Autors Christoph Dieckmann einging und sich im Laufe der Zeit – wohl auch der schlechten Vorbereitung und dem unmotivierten Gebahren des Moderators geschuldet – leider verwässerte und sich in „dieser-Song-war-auf-jenem-Album“-Insidergerede und dem Nachweinen vergessener Kräuterschnäpse verlor. Für Außenstehende leider eine handzahme Farce, die so gar nicht den erwarteten aufmüpfigen „Hippie- und Bluesspirit“ verbreitete. Gut dass Dieckmann diesem ganzen DDR-Geschwelge hin und wieder noch eine progressive, nach vorn schauende Note verpasst hat. Engerling Wolfram „Boddi“ Boddag und sein Manager machten einen eher müden, bisweilen lustlosen Eindruck. Dabei ging’s doch eigentlich ganz gut los: Der der von allen am wenigsten hörte – Renft-Musiker Christian „Kuno“ Kunert hat sein Hörvermögen mittlerweile völlig verloren – erzählte deutlich am besten. Er schickte der „Diskussion“ anekdotenreiche 20 Minuten voraus, die er mit zwei angeschrägten Akustikgitarrensongs krönte. Unperfektes, rohes Singgeraune, aber irgendwie gerade deshalb sehr interessant… bitte auch künftig mehr davon!

Engerling - 11.10.2009 #10 Engerling selbst galten als Ikonen des Ostrock, genauer: der Bluesbewegung der DDR. Darüber könnte man jetzt sicher viel schreiben.. wenn man dabei gewesen war. Ich war es nicht und beschränke mich daher auf ein paar wenige Eindrücke des Abends und bescheidene Bildimpressionen.

Entgegen meiner Befürchtung, Engerling würden nach der doch eher unmotiverten Diskussion ihres Frontmannes genauso auf die Bühne gehen, wurde der Auftritt von Bodag und Co. zum Glück nicht zum Gähnerling. Routiniert bluesrockten sich die vier Herren so langsam aber sicher in die Herzen der Chemnitzer, denen sie im Laufe des etwa zweistündigen Konzertes sogar das ein oder andere schwingende Tanzbein entlockten. Highlights waren gewiss Heiner Wittes ausufernde Gitarrensoli, in denen man schnell angenehm tranceartig versumpfen konnte…

Doch Engerling wären wohl nicht Engerling, wenn sie nicht hin und wieder durch schnulzige Balladen und poppiges Dur aus der eigens in Kräuterschnaps und traurigem Trotz ersoffenen Chose („Moll Blues“, yeah!) zur Entziehungskur einladen würden. Auch die obligatorischen Coversongs – diesmal von John Lennon und Grateful Dead-Legende Jerry Garcia – durften nicht fehlen. Man zeigte sich nicht übermäßig spielfreudig, aber immerhin sind Englering live auch anno 2009 noch eine solide Sache… was man von ihrem Songwriterfleiß dieser Tage nicht gerade behaupten kann: Das letzte Album liegt 12 Jahre zurück und Boddi bastelt derzeit lieber an Fahrrädern herum als an neuem Tonmaterial… Wer nicht will, der hat(te) wohl schon…

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